Es kommt, wie es kommt.

Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Wer kennt nicht diese geflügelten Worte? Und hat diese Erfahrung schon öfter selbst gemacht. So geschieht es auch Rahel und Peter in Daniela Kriens neuem Roman »Der Brand«. Der ursprünglich geplante Urlaub in Bayern muss ausfallen, da die Ferienhütte abgebrannt ist. Ruth,  die Freundin ihrer verstorbenen Mutter, ruft Rahel genau an dem Tag an, an dem sich der Urlaub in Bayern zerschlagen hat. Und sie berichtet Rahel davon, dass ihr Mann Viktor einen Schlaganfall hatte und in eine Reha-Klinik an die Ostsee verlegt wurde, wo Ruth bei einer Freundin unterkommen kann. 

Nun brauche sie jemanden, der sich um den Hof und die Tiere in der Uckermark kümmert. Statt Bayern also Brandenburg, und das Ehepaar macht sich auf den Weg.  

Die beiden Kinder sind erwachsen, gehen ihre eigenen Wege. Rahel und Peter sind seit dreißig Jahren verheiratet und spüren plötzlich, dass sie sich voneinander entfremdet haben. Es sind nicht nur diese vielen Jahre, auch unachtsame Äußerungen im Gefecht des alltäglichen Miteinanders haben Risse in ihrer Liebe hinterlassen. Peter hat sich nach einem Vorfall an der Uni zurückgezogen, kommt mit der überempfindlichen Welt nicht mehr zurecht. Wer kann es ihm verdenken? Ich danke der Autorin, dass sie dieses heikle Thema in ihrem Roman anspricht. Seien wir ehrlich: Heutzutage findet sich der Mensch sehr schnell im Fegefeuer wieder, wenn er auch nur den kleinsten Fehler begeht. 

So gesehen ist »Der Brand« nicht nur die Geschichte einer Ehe, sondern auch ein Spiegel unserer Gesellschaft.    

In den Wochen auf dem Bauernhof fühlt sich Rahel schnell allein, zurückgestoßen. Sie sucht Peters Nähe, will mit ihm schlafen, er wehrt ab. Doch die Psychologin bleibt tapfer und hat sich von den sieben Tugenden – Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maßhalten, Glaube, Liebe, Hoffnung – vor allem die Tapferkeit auf die Fahne geschrieben. Und lässt Peter seine Routinen, wenn er allein im See schwimmt oder mit der Fuchsstute Baila spazieren geht. Die beiden haben sich aufgeteilt, Peter kümmert sich um die Tiere, Rahel um die Pflanzen. Und nachts schlafen sie in getrennten Zimmern. Und kaum fühlen sich beide angekommen, fällt ihre Tochter Selma in die ländliche Urlaubskulisse ein und berichtet von ihren Eheproblemen. Puh! Aber das familiäre Wochenende ist zum Glück bald überstanden. Weiter geht es bei dem Paar mit vorsichtigem Herantasten, das manchmal in einem Wirbelsturm unausgesprochener Gefühle endet.  

Rahel selbst sieht sich in der Uckermark auch mit ihrer eigenen Vergangenheit konfrontiert. Viktor war zeitlebens Künstler, und in seinem Atelier stößt Rahel auf religiös anmutende Arbeiten und Zeichnungen von ihrer Mutter und sich selbst, entdeckt zudem eine selbstgedrehte Zigarette, die sie sich im Laufe der Geschichte immer wieder anzünden will. Aber stets kommt etwas dazwischen… Waren Viktor und ihre Mutter vielleicht sogar ein Liebespaar? Rahel weiß kaum etwas über ihren Vater, und die Mutter hat das Geheimnis offensichtlich mit ins Grab genommen…   

In den Büchern von Daniela Krien haben die Protagonisten einiges auszuhalten. Aber ihre Message ist: Es lohnt sich, zu kämpfen, gerade für die Liebe. Ihr Roman ist aber noch viel mehr – zum Beispiel eine wundervolle, atmosphärisch dichte Sommergeschichte, die von vielen schönen Momenten getragen wird. Daniela Krien hat eine feinsinnige, berührende und zutiefst menschliche Geschichte geschrieben. Viel zu schnell habe ich diesen Roman ausgelesen. Und am Ende kann ich nur sagen: Wie gut, dass es anders gekommen ist.   

Daniela Krien: Der Brand. Diogenes, Juli 2021, 272 Seiten, 22,- €.

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