Ist es schön, das Leben?

  

Sally Ronney schreibt gute Bücher, dachte ich so bei mir, nachdem ich ihre ersten beiden Werke »Gespräche mit Freunden« und »Normale Menschen« durchaus mit Vergnügen gelesen habe. Aber mir fehlte irgendwie der berühmte Wow-Effekt. Als nun der dritte Roman mit dem verheißungsvollen Titel »Schöne Welt, wo bist du« vor mir lag, fragte ich mich: „Soll ich ihr noch eine dritte Chance geben?“ 

Um es vorweg zu nehmen – ich habe es nicht bereut. Im Mittelpunkt ihres neuen Romans stehen vier Protagonisten: Alice, Eileen, Felix und Simon. Und ja, Sally Rooney schreibt erneut über das, was sie am besten beherrscht: Die Beziehung zwischen Frau und Mann. Und natürlich über Freundschaften. Doch dieses Mal ist etwas anders, besser, spannender.  

Alice ist eine erfolgreiche Schriftstellerin, die sich in einem großen alten Pfarrhaus eingemietet hat und dort allein lebt. Nach einem Zusammenbruch versucht sie, dort wieder zu Kräften zu kommen. Über eine Dating-App lernt sie Felix kennen. Gut, so machen es viele heute. Felix arbeitet in einem Versandhandel und ist in seinem Job nicht besonders glücklich. Alice hingegen schon – macht sie doch das, was sie liebt. 

Als sie zu einer Lesetour nach Rom fahren will, fragt sie Felix, ob er sie begleiten will. Er sagt zu. Trotz des tollen Angebots stellt sich bei ihm ein Unbehagen ein, das unterschwellig immer zwischen ihnen steht. An einer Stelle sagt Felix: »Warum habe ich immer das Gefühl, dass du der Boss bist und ich einfach nur zu tun habe, was du mir sagst?« Alice erwidert darauf: »Keine Ahnung, warum du das Gefühl hast. Ich glaube nicht, dass ich dir schon mal gesagt habe, was du zu tun hast.« Hmmm. Und nun?

Indes versucht Eileen in Dublin über ihre Trennung hinwegzukommen und nimmt Kontakt zu ihrem alten Jugendfreund Simon auf. Sie kommen sich ziemlich nahe, allerdings ist er eigentlich mit Caroline zusammen. Trotzdem würde er Caroline sofort für Eileen verlassen. Aber fühlt es sich wirklich gut an? 

Nichts ist sofort eindeutig und klar in diesem Buch und genau darin liegt der besondere Reiz. Während sich die Autorin bisher ausschließlich im Radius der Menschen untereinander bewegt hat, blickt sie dieses Mal nach draußen. Sie reflektiert die Welt und stellt wichtige, drängende Fragen, die viele von uns beschäftigen. Eine besondere Tiefe und Nachdenklichkeit erreicht Sally Rooney durch den Mailverkehr zwischen Eileen und Alice. Die beiden Freundinnen schreiben einerseits über ihre Männerbeziehungen, andererseits schauen sie über den eigenen Tellerrand und analysieren das Leben. 

Den Verlust der Schönheit beispielsweise oder die allgemeine Unruhe und Unstetigkeit in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Was ist die Essenz des Lebens? Eine herzerwärmende Antwort bietet dieser Satz: »Vielleicht sind wir nur auf der Welt, um die Menschen, die wir kennen zu lieben, um uns um sie zu sorgen, und selbst dann noch zu lieben und uns zu sorgen, wenn es Wichtigeres zu tun gäbe.«   

Wie wahr! Denn was ist wichtiger, als sich um den Menschen zu kümmern, den man liebt?  

Erhellend auch Rooneys Blick auf die Auswirkungen des Kapitalismus: »Die Leute glauben, dass Sozialismus durch Gewalt aufrechterhalten wird – durch Zwangsenteignungen –, aber ich wünsche, sie würden einfach zugeben, dass der Kapitalismus durch genau dieselbe Gewalt aufrechterhalten wird, nur eben in die entgegengesetzte Richtung: die gewaltsame Wahrung bestehender Eigentumsverhältnisse.»

Sie spricht auch von einer historischen Krisenzeit, wenn sie an unsere heutige Zeit denkt und die verschwenderische Nutzung von Plastikprodukten. Das ist eine Tonlage, die ich bei der irischen Autorin bislang nicht wahrgenommen habe.   

So hat mich Sally Rooney mit ihrem neuen Roman nicht nur überrascht, sondern auch versöhnt mit ihren bisherigen, vielleicht ein wenig beliebigen, Werken. 

Ebenfalls bemerkenswert sind die verschiedenen Erzählperspektiven. Mal agiert sie wie eine Kamerafrau, die das Wirken ihrer Figuren distanziert beschreibt. Ein anderes Mal wechselt sie in die Ich-Perspektive und stellt so intime Nähe her. Um dann gleich wieder die Sprachlosigkeit der Menschen untereinander zu entlarven. 

Was ist richtig, was falsch? Wie soll ich mich verhalten? Und ist das individuelle Glück die Rettung? Lasst es mich so sagen: Lest diesen Roman, und vielleicht findet ihr eine Antwort darauf, ob das Leben wirklich schön ist. Oder nur einfach lebenswert. 

Sally Rooney: Schöne Welt, wo bist du. Aus dem Englischen übersetzt von Zoë Beck. Claassen Verlag, September 2021, 352 Seiten, 20,- €.

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