Leuchtende Tristesse.

Ist es möglich, tieftraurig und gleichzeitig glücklich zu sein? Diese Frage habe ich mir nicht nur einmal gestellt während der Lektüre dieses erstaunlichen Debüts. Douglas Stuart wirbelt meine Gefühle mächtig durcheinander, als würden sie durch einen Mixer gejagt werden. Der Autor erzählt in seinem Debüt »Shuggie Bain« eine bewegende Familiengeschichte, die wie ein Donnerschlag in mein Leserinnenherz gedrungen ist und dort ein besonderes Echo hinterlassen hat.

Shuggie ist anders als die Jungs in seinem Alter – filigran und sehr weiblich. Damit passt er so gar nicht in die raue Arbeiterwelt von Glasgow Mitte der 80er Jahre. Trotz seiner Zartheit hat Shuggie die Stärke eines großen alten Baumes in sich. Diese Stärke und die unerschütterliche Liebe zu seiner Mum sind es, die mich immer wieder hoffen und lächeln lassen in dieser sonst eher düsteren Story. Überhaupt ist Shuggie eine der bemerkenswertesten Figuren, denen ich je literarisch begegnet bin.

Shuggie will seine Mutter Agnes vor dem Schlimmsten bewahren, doch der Kampf scheint aussichtslos: Agnes ist alkoholabhängig. Was das bedeutet, lässt mich der Autor mit jeder Faser spüren. Er erzählt davon, wie es ist, mit einem alkoholkranken Elternteil aufzuwachsen. Stets lauern Angst, Wut und Ohnmacht. Wichtig: Der Autor wechselt die Perspektive, so dass ich mich auch in Agnes und ihre Welt hineinfühlen kann. So möchte sich Agnes nicht in die Tristesse der Armut ergeben, und achtet stets darauf, sich gut zu kleiden, und spricht ohne Dialekt. Doch die Dämonen sind sehr stark und ziehen an ihr…

Ich möchte oft, nun ja, wegsehen, schäme mich sozusagen fremd. Und kann mich trotzdem nicht von Agnes und ihrer Sucht lösen. Zu eindringlich sind die Schilderungen und dabei doch nie herzlos. Trotzdem – als Leserin bin ich zutiefst erschüttert und gleichzeitig beseelt von einem unglaublichen Mitgefühl.
»Shuggie Bain« ist eine eindrucksvolle Geschichte, die nicht umsonst den begehrten Booker Prize 2020 gewonnen hat.

Genauso bemerkenswert ist die Übersetzung von Sophie Zeitz, die den Glasgower Dialekt grandios eingefangen hat. Selten hat die Tristesse eines Lebens in Extremen so geleuchtet wie in diesem Roman.

Douglas Stuart: Shuggie Bain. Hanser Berlin, August 2021, 496 Seiten, 26,- €.

3 Gedanken zu „Leuchtende Tristesse.

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