»Schreiben bedeutet Rückzug und Isolation.« Judith Hermann im Gespräch.

Foto: © Michael Witte

Heute haben wir Judith Hermann zu Gast auf unserem Blog. Ihr neues Werk »Daheim« hatte die Klappentexterin ja bereits besprochen. Und nach der Lektüre noch ein paar Fragen, für die sich Judith Hermann dankeswerterweise Zeit genommen hat. Sie spricht über Corona, das Schreiben, die Nordsee und ihre Lieblingsschriftsteller. Aber lest selbst: 

Klappentexterin: Wir sind alle ein wenig zermürbt von Corona und seinen Einschränkungen. Wie haben Sie die vergangenen Monate erlebt?
Judith Hermann: Ich habe die vergangenen Monate in Bezug auf Covid-19 nahezu betäubt erlebt, ziemlich erschöpft, mehr oder weniger abgetaucht in ein Abwarten, Hoffen auf ein Ende der pandemischen Verhältnisse. Reglos, eine Lähmung auf vielen Ebenen. Aber auf der anderen Seite ist in den vergangenen Monaten mein Buch erschienen – viel Kommunikation, Aufbruch und Aufregung, ich habe auf das Erscheinen des Buches lange warten müssen. Sehr gegensätzliche Gefühle und Verfassungen also, anstrengend und zugleich auch beglückend. Alle Eindrücke haben etwas genaues, wie scharf gestelltes – weil die Dinge so schwierig sind, bekommt jede Einzelheit eine gesteigerte Bedeutung. Ich werde das, wenn das Leben wieder einfacher geworden ist, in gewisser Weise vermissen.

Jeder ist von der Pandemie betroffen. Wie gestaltet sich das Leben einer Autorin in diesen Zeiten?
Schreiben bedeutet Rückzug, Alleinsein, Isolation, Distanz zu den anderen. Das Leben in der Pandemie beeinträchtigt die Arbeit faktisch in keiner Weise – im Gegenteil. Aber Ängste, Sorgen, Unruhe und Nervosität machen das Schreiben für mich schwieriger, ich kann am besten am Schreibtisch sein, wenn die Dinge in Ordnung, friedlich und gut sind. Ohne Covid-19 wäre ich im Frühjahr auf eine Lesereise gegangen, die Leipziger Buchmesse hätte stattgefunden, es hätte viele Begegnungen und Gespräche gegeben. Mit Covid-19 fand diese Lesereise entweder gar nicht oder virtuell, im Stream statt – eine quälende Angelegenheit. Die Buchmesse ist ausgefallen. Die Begegnungen auch. Der Rückzug ins Eigene, ins Stille, hat sich viel schneller vollzogen.

Vor über zwanzig Jahren ist Ihr Debüt »Sommerhaus, später« erschienen und war gleich äußerst erfolgreich. Hat sich für Sie in den letzten Jahren das Schreiben irgendwie verändert? Gehen Sie heute gelassener an ein neues Projekt heran?  
Sowohl als auch, das Älterwerden bringt eine gewisse Gelassenheit mit sich, ja, aber auf der anderen Seite steht der Anspruch, und der wird höher, strenger, Schreiben wird vom Buch zu Buch heikler. Am gelassensten war ich vermutlich, während ich das allererste Buch geschrieben habe – eine Gelassenheit, von der ich bedauerlicherweise gar nichts gewusst habe. Mit jedem Buch verliere ich etwas – und habe ich zugleich etwas ganz Neues und Einzigartiges verstanden. Es ist ein Plus-Minus-Null-Pakt. Ein Buch beginnen, heißt immer ganz von vorne anfangen.

Sie haben mit Erzählungen Ihre Laufbahn begonnen und erst 2015 Ihren ersten Roman veröffentlicht. Wie kam es dazu? Oder kann man so einen Wechsel nicht planen und die Idee entscheidet die Form quasi von selbst?  
Ich unterscheide gar nicht zwischen dem Schreiben von Geschichten und dem Schreiben eines Romanes, insofern erklärt sich mir das Wort „erst“ nicht wirklich, es klingt so, als habe ich erst 2015 wirklich mit dem Schreiben angefangen. Der Text entscheidet am Ende über seine Länge selbst. Eine Geschichte, die ein Roman sein will, wird keine Short Story werden und eine Short Story führt ihr schnelles Ende von alleine herbei. Aufgabe des Autors ist es, das während des Schreibens zu begreifen und einzusehen.

Sie haben für Ihren neuen Roman »Daheim« die Nordsee als Schauplatz ausgewählt. Warum das Wattenmeer und nicht die Ostsee?
Ich habe weder die Nordsee, noch die Ostsee ausgewählt, ich habe eigentlich versucht, einen Ort dazwischen zu erfinden – östliche Küste, Gezeitenströme – einen Ort, den es gar nicht gibt, der in den Köpfen der Leser erst entstehen muss.

Haben Sie im Norden einen Lieblingsort?  
Ich glaube, der Ort, an dem ich lebe und jetzt gerade Ihre Fragen beantworte – ein Dorf an der Nordseeküste – ist der Ort, den ich sehr liebe, ja.

»Daheim« lässt viel Raum zur Interpretation. War das beim Schreiben bewusst so geplant?   
Der Raum zwischen den Zeilen gehört zum Schreiben dazu. Er ist immanent – nichts, was ich bewusst planen würde, wie ich überhaupt das bewusste Planen beim Schreiben vor der Tür lassen muss. Ich habe bestimmte Dinge im Kopf, Sätze, Details, Scherenschnitte, von denen ich weiß, dass ich sie im Text haben will, daß sie im Text auftauchen sollen. Der größte Teil der Arbeit ist intuitiv, ein tastendes Schreiben, viel Warten, geduldig sein. Schreiben heißt Zeigen – und Verbergen. Die Leerstellen sind Teil der Geschichte.

Ich lebe selbst an der Nordsee, und mir ist aufgefallen, dass es in Ihrem Roman überhaupt nicht regnet. Zufall, oder ein Hinweis auf den Klimawandel?  
Es regnet nicht nur in meinem Roman nicht mehr, oder? Es regnet tatsächlich an und für sich nicht mehr und wenn es regnet, dann nicht genug. Dieses Frühjahr kam mir total verregnet vor und als der Regen endlich aufgehört hat, habe ich gelesen, daß es noch Monate so weiterregnen hätte müssen, um den Grundwasserspiegel auf Normal zu bringen. Ich habe meine Figuren im Hier und Jetzt erzählen wollen. Der ausbleibende Regen gehört zu ihrem und zu meinem Leben dazu.

Für mich mutet Ihr beschriebener Kosmos mitunter dystopisch an. Oder ist das schon zu viel Interpretation?  
Es gibt gar nicht zu viel Interpretation glaube ich. Wenn der Text gedruckt und erschienen ist, gehört er dem Leser und die Dinge, die ihm zu diesem Text einfallen, sind schlicht die richtigen. Es gibt kein Rätsel, das zu lösen wäre, keine einzig mögliche Antwort, auf die ein Leser final kommen soll. Wenn der Kosmos, den Sie in „Daheim“ gelesen haben, ein dystopischer ist – dann soll er genau das sein.

Welche Bücher haben Sie zuletzt selbst gelesen? Wäre eine Empfehlung für meine Leser*innen dabei?
John Updikes Rabbit-Romane, Gedichte von Zagajewski und Iwan Bunins Erzählungsband „Leichter Atem“.

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht der Autorin weiterhin alles Gute!

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