Von neuen Anfängen und alten Lasten.

Judith Hermann hat ihren festen Platz auf der Liste meiner Leselieblinge. Seit ihrem spektakulären Debüt »Sommerhaus, später« freue ich mich auf jedes neue Buch der Berliner Autorin. Ihre Sprache ist einzigartig, bemerkenswert die Schwesternschaft zwischen Melancholie und Leichtigkeit. So fieberte ich ihrem neuen Werk »Daheim« regelrecht entgegen, ist es doch eines der meist besprochenen Bücher im ersten Halbjahr des Jahres.

Und beileibe ist es alles andere als Saisonware. »Daheim« transportiert seine Melancholie schon durch das Cover. Ohne einen Satz gelesen zu haben, spürte ich sofort diese ganz spezielle Judith-Hermann-Stimmung in mir aufsteigen, als ich das Bild der am Strand sitzenden Frau anschaute.  

Alles beginnt in der Vergangenheit, die Erzählerin zoomt sich dreißig Jahre zurück, wie sie rauchend auf dem Balkon sitzt und mit neugieriger Freude das Treiben in der Tankstelle gegenüber beobachtet. Der Ort, an dem sie von einem Zauberer angesprochen wird. Und der hat eine nicht alltägliche Bitte: Er sucht eine Frau, die er auf der Bühne zersägen kann. Es soll auf eine Schiffsreise nach Singapur gehen. Die Erzählerin zögert, schließlich hat sie eine Arbeit in der Zigarettenfabrik. Aber dann besucht sie den Zauberer und seine Frau doch, sie testen den Zaubertrick, der auch funktioniert, aber am Ende entscheidet sie sich dagegen, zusammen mit dem Paar auf Tour zu gehen. 

Die Erzählerin springt hin und her zwischen Erinnerung und Gegenwart. Gerade ist sie zu ihrem Bruder an die Küste gezogen und bewohnt ein Haus außerhalb des Dorfes. Zunächst fühlt sich die 47jährige Frau dort richtig wohl. Aber dieser Wind, dieser unheimliche Wind, der eines Nachts die Eingangstür aufstößt und sie in Angst versetzt. Sie lernt, sich gegen die Wetterbedingungen am Meer zu schützen und erwartet sehnsuchtsvoll den Frühling. 

Der auch kommt und sogar eine neue Freundin mitbringt, obendrein die Bekanntschaft zu einem Mann. Sie lässt sich mit dem Neuen ein, hält aber immer noch Kontakt zum Ex-Mann Otis aufrecht und telefoniert regelmäßig mit ihrer Tochter Ann, die sich auf einer Weltreise befindet. Kann der Neustart gelingen? Wird sie bleiben? Wir ahnen, dass die Romanheldin nicht gekommen ist, um Wurzeln zu schlagen.  

Es ist ein karges Setting, in das Judith Hermann einlädt. Geradezu unheimlich und schon fast apokalyptisch mutet die geschaffene Welt an. Es regnet nicht, die Erde ist staubtrocken, die Menschen sind hungrig und permanent unruhig. Die Gefühle ihrer Figuren muss ich mit der Lupe suchen. Und doch fasziniert mich die Stimmung des Romans, die eine minimalistische Note verströmt.   

Natürlich kann man den Roman aus verschiedenen Perspektiven lesen, jede Menge hineininterpretieren und in unsere heutige Zeit transkribieren. Aber ich bleibe einfach bei einer Frau, die im Norden ein neues Lebenskapitel aufschlagen möchte. Und bewundere Judith Hermanns Stil, der selbst in seiner eigenen Schnörkellosigkeit unheimlich viel Gefühl erzeugen kann. Lebenskluge Sätze werden hineingestreut wie Puderzucker über Kuchen. Selbst ein Blick durch den Nebelschleier ist hier und da  möglich. Judith Hermann ist zweifellos eine der bedeutendsten Autorinnen der Gegenwart – dies beweist sie mit „Daheim“ erneut eindrucksvoll. Ein bewegendes Buch, das herrlich viel Raum für eigene Deutungen lässt. Raum, den ein Leben an der Weite der Küste nun mal bietet, ob es zurück auf Anfang geht oder doch nach vorne schaut. 

Apropos Raum: Mehr über die Autorin erfahrt ihr in den nächsten Tagen in einem Interview, das die Klappentexterin mit ihr führen durfte. 

Judith Hermann: Daheim. S. Fischer, Mai 2021, 189 Seiten, 21, – €.

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