Ein Lichtstrahl in dunklen Zeiten.

»Pantherzeit ist Seelenzeit.« Dieser Satz schnurrt seit einigen Wochen in meinem Kopf, und er hat etwas sehr Beruhigendes. Aufgespürt habe ich ihn in Marica Bodrožić’ Essayband »Pantherzeit – Vom Innenmaß der Dinge«. Im Frühjahr 2020 brachte der erste Lockdown das Leben der Autorin und ihrer Familie ebenfalls zum Stehen. Und so begann sie, gemeinsam mit Freunden das Gedicht »Der Panther« von Rainer Maria Rilke zu rezitieren. Der Panther in seinem Käfig – ein Sinnbild für den Stillstand des Lebens. Marica lud ihre Nachbarn ein, das Gedicht jeden Abend um 20 Uhr gemeinsam auf den Balkonen zu sprechen. Schon bald wanderte die Raubkatze über die Berliner Balkone weiter nach Tel Aviv, Basel, Bremen und St. Andrews in Schottland – zu allen Freunden, denen sie davon berichtete.  

In ihrem neuen Werk ist es ebenso zu finden, wie auch das lebenskluge Zitat von Richard Buckminster Fuller: »Man verändert die Dinge nicht, indem man gegen die bestehende Wirklichkeit ankämpft. Um etwas zu ändern, muss man ein neues Muster erschaffen, das das bestehende hinfällig macht.«

Foto: Peter von Felberg

 

»Pantherzeit« wurde in Zeiten der Stille geschrieben. Das spüre ich mit jedem Satz und jedem Wort. Die Sätze fließen im Gleichklang meines Atems und erinnern mich an die Bücher, die ich Jahre zuvor von Marica Bodrožić gelesen habe. Bei jeder Lektüre legte sich eine Sanftmut über die Aufregung des Alltags. Aber über der Stille lag für die Autorin auch ein körperlicher Kampf, leidet sie doch seit Jahren unter einer schmerzenden Hand. Wie ein Pianist seine Hand zum Pianospielen braucht, ist die Hand für eine Schriftstellerin das Werkzeug, um die Worte vom Kopf aufs Papier zu bringen. 

So ist die Zeit des Innehaltens auch der geeignete Zeitpunkt, um den inneren Kompass neu auszurichten, schreibt die Wahlberlinerin. »Pantherzeit« ist neben »Sterne erben, Sterne färben« sicher ihr persönlichstes Werk. Marica nimmt uns mit in ihre Wohnung, zu ihrer kleinen Tochter und zu ihrem Mann. Sie begegnet der pandemiebedingten Ruhezeit mit vielschichtigen Reflektionen. Mal fühlt sich Marica Bodrožić selbst wie der Panther hinter seinen Gittern, ein anderes Mal holt sie sich die Würde einfach mit einem Lippenstift zurück. Sie erinnert sich an die tapferen Frauen aus Sarajevo, denen sie einst ein Buch (»Mein weißer Frieden«) gewidmet hat, und die sogar während der Belagerung ihre Würde behalten wollten.   

Der Blick der Autorin reicht weit aus ihrem eigenen Kosmos hinaus, denn sie betrachtet das große Ganze, mit dem wir alle verbunden sind. Sie zeigt, wie falsch aggressive Zeitungssprache sein kann und registriert mit Entsetzen die rassistischen Attentate in Amerika.   

Wie viele andere unter uns, fordert auch die vielfach ausgezeichnete Autorin eine Veränderung der Welt. Das Leben nach Corona darf einfach nicht so sein wie das Leben davor. Die Ausbeutung in der Textilwirtschaft, ebenso wie die Produktion von billigem Fleisch kann so nicht weitergehen. »Statt wenigstens das Denken vom Gift der falschen Lebensweise fernzuhalten und auf das zu lenken, was unserer Gesundheit dient, vergiften wir einfach zusätzlich weiter mit der falschen Sprache nicht nur unsere Landschaften, unsere Körper und die Tiere, sondern auch unseren Geist.« Ganz nach dem Motto: Mens sana in corpore sano. 

»Pantherzeit« ist ein allumfassendes, unglaublich wichtiges und kluges Buch, das mir mit jedem Satz aus der Seele spricht. Ein Buch zum Innehalten, Reflektieren und Festhalten. Geben wir also unserem Geist gesunde Nahrung mit diesem tröstlichen Lichtstrahl guter Literatur.

Marica Bodrožić: Pantherzeit – Vom Innenmaß der Dinge. Otto Müller Verlag, Februar 2021, 264 Seiten, 22,- €.

Weitere Besprechungen zu Marica Bodrožić‘ Büchern findet ihr auf unserem Blog hier und dort ein Interview, das ich mit der Autorin führen durfte.

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