Atemlos.

„Ist Atmen eine bewusste Entscheidung?“ fragt sich die Ich-Erzählerin gleich zu Beginn. Die junge Olivia wird diese Frage im Laufe der Geschichte wie ein Mantra wiederholen, vor allem dann, wenn es ihr nicht gut geht. Eine Frage wie eine Schulter, an die sich die Romanheldin immer wieder anlehnt.  

„Unter Deck“ von Sophie Hardcastle zählt für mich zu den erstaunlichsten Debüts der Saison. Die 1993 in Australien geborene Autorin hat einen unglaublich facettenreichen Roman geschrieben, in den ich eingetaucht bin wie in ein wohltuendes, warmes Bad. 

Irgendetwas stimmt nicht, als die junge Olivia verkatert auf einer Segelyacht wieder zu sich kommt. Mac hat sie gerettet, nachdem die Restaurantleiterin sie betrunken und völlig weggetreten auf der Toilette vorgefunden hat. Mac hat sie zum Ausnüchtern mit auf sein Boot genommen. Olivia ist verwirrt und verunsichert, aber Mac klärt sie in seiner witzigen Art schnell auf. Später lernt sie noch Macs blinde Lebensgefährtin Maggie kennen – und aus der zufälligen Bekanntschaft entwickelt sich eine innige Freundschaft. Mac und Maggie sind Olivias starke Felsen in der Brandung des Lebens, in der sie noch einiges auszuhalten hat. Der schmerzvolle Knall kommt erst noch, und zwar in Gestalt von fünf gleichaltrigen Männern, auf deren Schiff sie eine traumatische Erfahrung macht, die ihr Leben völlig umkrempelt. 

„Unter Deck“ ist eine vielschichtige Story: eine Abenteuergeschichte, ein Roman über tiefsitzenden Schmerz, über die Kunst, die Kraft von Freundschaft, über starke Frauen, die Liebe, die Natur und den Klimawandel. Erzählt in einer sinnlichen und poetischen Sprache, gespickt mit kraftvollen Sätzen: »Im Leben reiht sich ein Ende ans andere – ob happy oder weniger happy. Doch es kommen auch immer wieder neue Anfänge – vergiss das nicht, Oli.« Oder: »Abschiede sind nicht für immer, weil alles bereits hier ist, entsteht, vergeht, entsteht. Alles ändert nur die Gestalt, die Form, die Farbe.«

Ja, viele Themen werden angesprochen, manchmal wird es ein wenig unübersichtlich. Die Autorin packt wirklich sehr viel in ihre Geschichte. Zu viel? Sagen wir´s so: Manchmal ist das Leben einfach unübersichtlich, viele Wellen, dunkle Wolken, Sturm. Aber wer so beeindruckend schön erzählt wie Sophie Hardbody, gewinnt mich dann doch wieder.

Genauso wie das furiose Finale. Zum Ende hin reist die Heldin im Rahmen eines Kunstprojekts mit anderen Frauen in die Antarktis, springt sprichwörtlich ins eiskalte Wasser und reißt mich mit. Vollkommen überwältigt frage ich nun: »Ist Atmen ist eine bewusste Entscheidung?« Das Lesen dieses Romans in jedem Fall, und eine verdammt gute dazu. Atemlos lässt mich die Geschichte zurück. 

Sophie Hardcastle: Unter Deck. Aus dem australischen Englisch übersetzt von Verena Kilchling. Kein & Aber, Mai 2021, 320 Seiten, 23,- €.

6 Gedanken zu „Atemlos.

  1. Elke Schneefuß

    Klingt sehr lesenswert… nur… es ist so: der Klimawandel ist für mich persönlich eine derart bedrückende Tatsache geworden, dass es mir schwerfällt, dazu noch mehr dazu lesen. Aber das ist eine Einzelmeinung und schmälert nicht die Aussagekraft dieser Geschichte oder der sehr gut geschriebenen Rezension…

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    1. Klappentexterin Autor

      Vielen Dank, liebe Elke! Auch wenn der Klimawandel hier thematisiert wird, nimmt er allein nicht nur den Raum ein. Er ist ein Teil von vielen anderen, die dann das große Ganze ergeben. Aber es kann ja auch nicht bei jedem Buch funken. 😉 Ich danke dir trotzdem für deine Wortmeldung!

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  2. Klausbernd

    Das scheint ein interessanter Roman zu sein, der uns um so mehr interessiert, da wir an mehreren Expeditionen in die Polargebiete teilnahmen, die wir sehr lieben.
    Thanks for sharing
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

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