Take a Walk on the wild Side.

Nie war New York näher dran, tatsächlich wie Gotham City zu wirken als in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Es war eine Zwischenzeit, denn die Swinging Sixties mit ihrer Aufbruchstimmung waren definitiv vorbei, der Glamour der folgenden 80er und vor allem die sogenannte Nulltoleranzpolitik des 1994 gewählten Bürgermeisters Giuliani noch weit entfernt. New York war laut, rauh und eine Spielwiese für Künstler und Lebenskünstler aller Art. Es war das New York, wie wir es aus Taxi Driver kennen – eine nicht unbedingt sichere Stadt, aber eine aufregende, die noch nicht durch Gentrifizierung zu einer geleckten Kulisse für Touristen und Spielball von Immobilienspekulanten geworden war.

Genau in dieser Phase unternahm der Fotograf Langdon Clay in den Jahren 1974 bis 1976 nächtliche Streifzüge durch New York und das nahe Hoboken. Immer dabei – seine Leica, bestückt mit Kodachrome-Filmen. Im Zusammenspiel mit dem Licht der neuen Gasentladungslampen, die der Stadt nun auch in der Nacht ein deutlich klareres Licht spendeten, entstanden diese einzigartigen Aufnahmen.

Sein bevorzugtes Sujet in dieser Zeit waren Autos, vorwiegend amerikanische Musclecars und ausladende Straßenkreuzer, aber auch der eine und andere europäische Wagen findet sich auf den Bildern. Was in jedem Fall auffällt: Die geschwungenen, teilweise noch barocken, aber auch sexy fließenden Linien der Autos, eine Ästhetik, die bei den meisten modernen Autos völlig verschwunden ist. Gerade die amerikanischen Schlitten standen ja als Ikonen für ein autofixiertes Zeitalter und transportierten wie kaum ein anderes Verkehrsmittel den Freiheitsgedanken, das Gefühl On the Road zu sein.

Jedes Bild erzählt eine Geschichte.

In Cars (New York City, 1974 – 1976) stehen die Autos allesamt am Straßenrand. Kaum Bewegung, so gut wie keine Menschen, stets ist es Nacht. Und doch erzählt jedes Bild eine Geschichte. Wo ist der Mann hin, der gerade bei seinem Hard Rock Caddy in der Nähe der dreiundzwanzigsten Straße seinen Vergaser ausgebaut hat, der jetzt auf dem Bordstein liegt? Was hat den Besitzer des goldenen VW Käfers dazu bewogen, seinen Wagen direkt unter dem Schild fürs absolute Parkverbot abzustellen. Und wo ist der freche Typ, der seine phallische Corvette vor dem New Yorker Blindenverein abstellte, dort, wo nur Blinde einsteigen dürfen? Sehr stimmungsvoll auch das Mercedes Cabrio aus den fünfziger Jahren, leicht verbeult und angerostet parkt es neben einem typischen New Yorker Müllhaufen, aus dessen Tonnen jeden Moment Oscar, das lustige Müllmonster aus der Sesame Street, zu springen scheint. Heute sind diese Autos gesuchte Sammlerfahrzeuge, niemand würde auf die Idee kommen, sein 220er Cabrio nachts allein an der Straße zu parken – zu viel German Angst. Damals war das Leben lässiger.

Überhaupt verschmelzen die Autos oft ungewollt – die Fotos sind allesamt nicht gestellt – mit ihrer Umgebung. Ein orangefarbener Ford Bronco steht vor einem Haus, dessen zugemauerte Fensternischen ebenfalls in orange strahlen. Ein gelber Saab steht vor einer leuchtend gelben Außenbeleuchtung und das blau-weiße Auto der Cops korrepondiert wie gemalt mit den Kontrasten des Schnees und der blauen Beleuchtung aus den Büros.

Im Grunde ist jede Seite eine Story für sich, allerfeinstes Kopfkino. Ein großartiger New York-Roman ohne Worte. Also, Leute – reist nach New York mit diesem Buch, das jeden Cent wert ist und immer noch günstiger und klimafreundlicher als eine wirkliche Reise. Mal abgesehen von ihrer derzeitigen Unmöglichkeit. Meet the New York Dolls, Andy Warhol and Lou Reed. Talk a Walk on the wild Side with Langdon Clay.

Noch ein paar Worte zur Ausstattung: Man fühlt sich auch deshalb wie mittendrin auf den Straßen New Yorks, weil der Druck der Bilder von unglaublicher Tiefe und Brillanz ist. Diese erstklassige Qualität bekommt so nur Gerhard Steidl hin.

Langdon Clay – Cars (New York City, 1974 – 1976) Steidl Verlag, 132 Seiten,
96 Abbildungen, 86,- €

Ein Gedanke zu „Take a Walk on the wild Side.

  1. Pega Mund

    „Also, Leute – reist nach New York mit diesem Buch, das jeden Cent wert ist und immer noch günstiger und klimafreundlicher als eine wirkliche Reise.“

    😄👍 die wahren abenteuer sind eh im kopf …

    danke für den hinweis auf langdon Clay!

    Gefällt 1 Person

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s