Fantasiewelten verschenken.

© Illustration Kat Menschik / Galiani Berlin

So eingeschränkt wir in diesem Jahr auch waren, für uns Leser*innen gab es immer ein Schlupfloch – die Bücher! Unsere bibliophilen Freunde haben uns stets die Türen offen gehalten, schließlich kennt die Welt der Fantasie keine Grenzen. Dank vieler wunderbarer Bücher sind wir dem Alltag entflohen, haben außergewöhnliche Entdeckungen machen können und auch Hoffnung geschöpft. Nachdem Herr Klappentexter bereits seine Empfehlungen präsentiert hat, zeige ich euch heute eine geschenkfreudige Auswahl:

Der Literatur Kalender 2021

„Momente der Hoffnung“ lautet das Motto des Literaturkalenders fürs neue Jahr. Besser hätte es der Verlag nicht formulieren können. Und er hält, was er verspricht, verpackt in klugen, warmherzigen und melancholischen Worten.

Ob Marcel Proust über den Wert von Literatur spricht, Wolfgang Borchert über Dankbarkeit oder Getrude Stein über den Frühling – überall ist wortwörtlich Hoffnung zu spüren. Und wer ist noch dabei? Zum Beispiel Annemarie Schwarzenbach, Toni Morrison, Thomas Bernhard, James Baldwin oder Franz Kafka und noch viele mehr. Für jede Woche eine literarische Stimme. So leuchtet der Kalender nicht nur dank der schönen Bilder und geschmackvollen Gestaltung, sondern auch mit all der Hoffnung, die sich hierin auf literarische Weise auflesen lässt. 

Der Literatur Kalender 2021 – Momente der Hoffnung, edition momente, 22,- €.

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Haruki Murakami – Die Chroniken des Aufziehvogels

Dieses Buch wurde von vielen sehnsüchtig erwartet – die Neuübersetzung von Murakamis Erfolgsroman „Mister Aufziehvogel“, der nun mit „Die Chroniken des Aufziehvogels“ einen neuen Titel trägt. Und das kam so: Die bisherige deutsche Fassung wurde aus dem Englischen ins Deutsche übertragen, nicht aus dem japanischen. Obendrein fehlten über 300 Seiten.

Nun hat Ursula Gräfe, die Murakami-Spezialistin, das Mammutwerk aus dem Japanischen neu übertragen. Für mich war es ein Wiederlesen, denn dieser Roman war mein Einstieg ins Werk von Murakami. Und so treffe ich erneut auf Toru Okada, einem 30jährigen Mann, der sich in einer Sinnkrise befindet. Kürzlich hat er seinen Job in der Anwaltskanzlei an den Nagel gehängt, um jetzt irgendwas Anderes zu tun, von dem er selbst noch nicht weiß, was das sein soll.
Zunächst ist er mit der Suche nach seinem entschwundenen Kater beschäftigt und treibt damit ein Rad der Fantasie an. Genau genommen ist es ja Haruki Murakami, der uns in tiefe Brunnen setzt und vielerlei Rätselhaftigkeiten gekonnt einwebt. Immer wieder aufs Neue staune ich über die Fabulierkunst dieses Ausnahmeschriftstellers, der Jahr für Jahr für den Literatur-Nobelpreis gehandelt wird. Vielleicht 2021?

Haruki Murakami: Die Chroniken des Aufziehvogels. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Dumont Buchverlag, 1005 Seiten, 34,- €.

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Tarjei Vesaas – Die Vögel

Was haben Tomas Espedal, Karl Ove Knausgard und Jon Fosse gemeinsam? Sie verehren Tarjei Vesaas. Und ich kann sie sehr, sehr gut verstehen. Nachdem mich im vergangenen Jahr „Das Eis-Schloss“ begeistert hat, durfte ich nun ein frühes Werk von ihm entdecken. Der Autor erzählt von dem Geschwisterpaar Mattis und Hege, die allein in einem Haus an einem See leben. Beide sind bereits über dreißig, aber Hege kümmert sich um ihren Bruder, als wäre er ein Kind. Denn Mattis ist ein suchender Träumer und weiß das auch. Extrem feinsinnig nimmt er seine Umwelt wahr, spricht mit Vögeln und taucht oft in seine eigene Innenwelt ab. Dabei blendet er das sogenannte wirkliche Leben komplett aus. Als nun eines Abends eine Waldschnepfe auftaucht, gerät in Mattis Leben so einiges durcheinander. Ein poetisch und kraftvoll erzählter Roman, der zutiefst berührt und genauso beeindruckt wie das „Eis-Schloss“.

Tarjei Vesaas: Die Vögel. Aus dem Norwegischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. Mit einem Nachwort von Judith Hermann. Guggolz Verlag, 2020, 297 Seiten, 23,- €.

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Mary MacLane: Ich erwarte die Ankunft des Teufels

Ein Debüt, das sich kurz nach Erscheinen hunderttausendmal verkauft, die Autorin gerade 19 Jahre alt, und das alles mit einem provozierenden Titel. Eine Geschichte aus dem heutigen Berlin? Mitnichten, denn sowas gab´s auch schon vor einhundert Jahren. Mary MacLane lebt in einem Kaff in der Bergwelt Montanas. Und sie langweilt sich schrecklich, bis sie anfängt zu schreiben. Ein Skandal! Dieser Titel!

Dabei ist MacLanes literarisches Tagebuch einfach ein Feuerwerk an blitzgescheiten Gedanken, ein Buch, das man immer wieder vor Lesefreude aufschlagen möchte. Es surrt ständig, MacLanes Sätze wirken geradezu elektrisierend. Im Kern feiert sich die junge Frau selbst und macht kein Geheimnis daraus, dass sie sich für ein Genie hält. Aber wie sie das macht, ist schlichtweg umwerfend. Auch in ihren nachdenklichen Momenten, oder wenn sie unter Liebeskummer leidet. Mary schreibt sich alles von der wunden Seele und verfolgt dabei nur ein Ziel – tatsächlich dem Teufel in die Arme zu fallen. Ein literarischer Hochgenuss!

Mary MacLane: Ich erwarte die Ankunft des Teufels. Aus dem Amerikanischen übersetzt und mit einem Nachwort von Ann Cotten. Mit einem Essay von Juliane Liebert, Reclam, 2020, 205 Seiten, 18,- €.

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Linn Skåber & Lisa Aisato: Being Young

Kein Kind mehr und noch nicht erwachsen – irgendwo dazwischen befinden sich die Akteur*innen dieses Buches. Linn Skåber ist für ihr Werk ganz in die Welt der Heranwachsenden abgetaucht, hat die Mädchen und Jungen an verschiedenen Orten besucht, sogar ihre Zimmer, und dabei ihren Gedanken über das Älterwerden gelauscht.

Daraus ist dieser Band mit berührenden Coming-Of-Age-Geschichten entstanden. Wie die von Peter Pan, der von seiner Mutter so genannt wird. Eigentlich ist er schon viel zu alt für sein Holzpferd Stella, will sich damit jedoch nicht abfinden: „Es ist seltsam, dass alle Kinder es einfach hinnehmen, irgendwann zu verschwinden. Ich auch, ich nehme hin, dass es bescheuert ist, auf Stella zum Laden zu reiten. Wer hat das so entschieden? Das Leben? Die Erwachsenen?“ Passend zu den Stories gibt es hinreißende, ungewöhnliche und bisweilen phantastische Illustrationen von Lisa Aisato. So wird „Being Young“ zu einem kleinen Gesamtkunstwerk.

Linn Skåber und Lisa Aisato: Being Young – Uns gehört die Welt. Rowohlt Rotfuchs, 2020, 256 Seiten, 24,- €.

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Louise Glück – Averno 

Apropos Glück. Louise Glück heißt die diesjährige Gewinnerin des Literaturnobelpreises. Man kann diesen schönen Namen nicht oft genug nennen, denn das Nobelpreiskomitee hat seinem Ruf wieder alle Ehre gemacht, indem es die üblichen Verdächtigen links liegen ließ und eine erneut eine überraschende Wahl traf. Aber sicher keine falsche. Denn in Lyrikkreisen ist Glück durchaus keine Unbekannte und hat fast zwanzig Lyrikbände veröffentlicht, von denen jedoch nur die wenigsten ins Deutsche übersetzt wurden. „Averno“ ist einer davon. Schon der Titel verrät, worum es geht: Averno ist der Name eines Kratersees in der Nähe von Neapel, der bei den Römern als Eingang zur Unterwelt galt. Sicher, keine einfache Kost. Aber gut, sehr gut und sehr tiefgründig: „der Tod kann mich nicht mehr / verletzen, als du mich verletzt hast, / mein geliebtes Leben.“ Und die Seele – wird sie gerettet werden? „Meine Seele / zersprungen von dem anstrengendem Versuch, zur Erde zu gehören – / Was wirst du tun, / wenn die Reihe an dir ist, im Feld, mit Gott?“ Die Rettung, das können nur wir selbst sein. Und gute Literatur natürlich.

Louise Glück: Averno. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Ulrike Draesner. Luchterhand, 2007, 171 Seiten, 16,- €.

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Lindsey Tramuta: La Parisienne – Das neue Paris – die Stadt der Frauen

Dieses Buch leuchtet von der ersten Seite an und ist ein wahrer Funkenregen aus Kraft, Inspiration und Emanzipation. Lindsey Tramuta stellt in ihrem Bildband „La Parisienne“ Aktivistinnen, Kunstschaffende Geschichtenerzählerinnen, Genussbereiterinnen und Visionärinnen von der Seine vor. Jede einzelne Frauengeschichte liest sich spannend und mitreißend. Da ist zum Beispiel die erste weibliche Bürgermeisterin, Anna Hidalgo, die aus Paris eine grüne Stadt machen will. Das ist mutig im Land der Individualisten. Und bewundernswert. Genauso wie Dr. Ghada Hatem-Gantzer. Die gebürtige Beiruterin kam 1977 mit ihrer Familie nach Paris, hat dort Medizin studiert und wurde dann Gynäkologin. Und sie hat das La Maison des Femmes gegründet, ein Frauenhaus, in dem misshandelte und obdachlose Frauen Hilfe bekommen. Auch eine in literarischen Kreisen besonders bekannte Frau öffnet uns die Tür zu ihrer Wohnung: Leila Slimani bittet herein. Stimmungsvolle Fotos und die ganz persönlichen Pariser Lieblingsorte der interviewten Frauen runden dieses formidable Buch ab. Voilá!

Lindsey Tramuta: La Parisienne. Mit Fotos von Joanne Pai. Aus dem Französischen übersetzt von Martina Panzer. Midas Verlag, 2020, 319 Seiten, 28,- €.

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Kat Menschiks & des Diplombiologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes illustrirtes Thierleben

Gut, das Thema Tiergeschichten ist nicht neu. Aber wenn Kat Menschik und Mark Benecke zusammen ein Buch kreieren, kann daraus nur etwas unerhört Ungewöhnliches werden. Und so ist „Das illustrirte Thierleben“ ein herrlich bizarres Sammelsurium an abstrusen Tiergeschichten – bei denen man schmunzelt, manchmal sogar vor Wonne grunzt, sich aber auch mal ein wenig schütteln muss. So rate ich davon ab, die Geschichten über den rotbeinigen Schinkenkäfer oder über menschenfressende Haustiere (!) beim Genuss eines Plätzchens oder Schokolade zu lesen. Schräg und lustig sind dann aber solche Sachen wie betrunkene Elche, die Treppen herunterfallen oder homosexuelle Tierpaare wie das Geierpaar Guido und Detlef. Oder auch Tintenfische, die in die Zukunft schauen können. Auch die geliebten Hunde finden hier einen Platz und Mark Benecke erklärt, was es mit dem schuldigen Hundeblick wirklich auf sich hat. Kat Menschik trifft mit ihren Illustrationen (siehe das Startbild des Beitrags ganz oben) das Wesen jeder Geschichte, ihre Bilder sind wieder echte Kunstwerke. Wem „Brehms Tierleben“ zu langweilig ist, der wird mit diesem leicht verrückten Buch sein Glück finden.

Kat Menschiks & des Diplombiologen Doctor Rerum Medicinalium Mark Beneckes illustrirtes Thierleben. Galiani Berlin, 158 Seiten, zahlreiche Illustrationen, 20,- €.

Ein Gedanke zu „Fantasiewelten verschenken.

  1. Elke Schneefuß

    Vielen Dank für die wunderschönen Hinweise und Besprechungen! Insbesondere „La Parisienne“ zieht mich magisch an…Habt ein gemütliches Weihnachtsfest, ihr Klappentexter!

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    Antwort

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