Die Zerbrechlichkeit des Lebens.

Bild von Dariusz Sankowski auf Pixabay

Stellt euch vor, ihr nehmt ein Foto in die Hand und wisst gar nicht, dass es ein Foto ist. Vielleicht huscht nur kurz eine Ahnung vorbei, dass dieses Foto einst eine Bedeutung für euch gehabt hatte. Eine beunruhigende Vorstellung, oder? Genauso ergeht es der Romanheldin in »Insel der verlorenen Erinnerung« von Yoko Ogawa. Sie lebt auf einer Insel, auf der nach und nach Dinge verschwinden und mit ihnen die Erinnerung an ihre Existenz. Der bereits 1994 erschiene Roman, ein frühes Werk der Autorin, wurde jetzt erstmals ins Deutsche übersetzt und hat an Aktualität nichts eingebüßt – ganz im Gegenteil.

Ich denke hierbei an scheinbar demokratische Staaten, die immer mehr an Diktaturen erinnern. Denn es verschwinden nicht nur Dinge, auch eine sogenannte Erinnerungspolizei sorgt dafür, dass keine Erinnerungen bleiben. Sie kontrolliert mit unbarmherzigen Methoden die Menschen auf der Insel. Hat jemand nicht alle verschwundenen Dinge beseitigt oder ist sogar in der Lage, sich zu erinnern, dann droht die Verhaftung. So ist es auch der Mutter der Ich-Erzählerin ergangen. Sie konnte sich als eine der wenigen Menschen die Erinnerung an verlorene Dinge ebenso die Dinge selbst aufbewahren und ihrer Tochter zeigen. Das blieb der Erinnerungspolizei nicht verborgen, die Mutter wurde festgenommen, eine Woche später verstarb sie angeblich an Herzversagen und wurde der Familie mit einem Totenschein zurückgebracht.

Mittlerweile sind auch der Vater und die Kinderfrau verstorben, so dass die junge Frau alleine im Haus zurückbleibt. Sie arbeitet als Schriftstellerin und schreibt gerade an ihrem vierten Roman. Aber wie lange kann sie dies noch tun? „Ich fragte mich, was wäre, wenn eines Tages die Wörter verschwinden würden. Aber nur im Stillen. Weil etwas wahr werden kann, sobald man es ausspricht.“ Also schweigen wir lieber.

Einziger Kontakt der jungen Autorin ist der Mann der verstorbenen Kinderfrau. Er lebt auf einer stillgelegten Fähre und wird zu einem engen Verbündeten. Denn die Autorin muss ihren Verleger bei sich verstecken, denn R gehört zu denjenigen, die Dinge nicht vergessen können. R lebt in ihrem Haus gut versteckt in einer kleinen Kammer, die früher ihrem Vater als Archiv gedient hat. „Der Raum maß drei Tatamimatten, war jedoch nur 1,80 Meter hoch.“

Derweilen verschwinden immer mehr Dinge, wie auch die Rosen und die Vögel. Nicht nur der Winter sorgt dafür, dass das Leben auf der Insel immer härter wird, die Lebensmittel werden knapp, das Misstrauen unter den Menschen wächst. Wem kann man überhaupt noch trauen?

Wahrhaftig – eine düstere Vision, die uns Ogawa da erzählt. Aber sie tut es mit einer einzigartigen Sprache, die das Dunkle aufhellt. Zart und zurückhaltend ist diese Stimme, einer zerbrechlich schönen Eisfigur gleich. Und so gelingt es Ogawa meisterhaft, eine durchlässige Membran zwischen den Ereignissen in ihrem Roman und meinem eigenen Erleben zu erschaffen. So bin ich am Ende sehr berührt und schlage das Buch mit einer Gänsehaut zu. Es fühlt sich beinahe so an, als wäre ich aus einem bösen Traum aufgewacht. Ich atme auf, schaue um mich, befühle verschiedene Dinge und freue mich, dass sie alle noch da sind. Und ich kann mich erinnern – zum Beispiel an diesen faszinierenden Roman, der uns zeigen soll, wie zerbrechlich alles um uns herum ist. Und das wir das Leben und die Freiheit nicht einfach so als gottgegebene Selbstverständlichkeit hinnehmen sollen.

Yoko Ogawa: Insel der verlorenen Erinnerung. Aus dem Japanischen übersetzt von Sabine Mangold. liebeskind, September 2020, 351 Seiten, 352 Seiten.

Diese Rezension ist mein Eröffnungsbeitrag für die #indiebookchallenge im Dezember, die da lautet: Lies ein Buch/E-Book, das auf einer Insel spielt . Als Patin rufe ich euch hiermit auf, eure Leseschätze in der Blogosphäre sowie auf Instagram und den anderen sozialen Medien mit den hashtags indiebookchallenge und ibc zu teilen. Wir sind gespannt!

Bild von Michal Jarmoluk auf Pixabay

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