Der schmerzvolle Stachel der Apartheid.

Wir kennen alle diesen ganz besonderen Moment, wenn uns ein Debüt derart überwältigt hat, dass wir das zweite Werk kaum abwarten können. Ist es endlich da, zögern wir, nur kurz, eins, zwei Atemzüge lang, um die Vorfreude ein wenig länger auszukosten. Oder aus Vorsicht vor einer möglichen Enttäuschung. Als ich Der Anfang einer Zukunft von Kenneth Bonert in den Händen hielt, musste ich einen Moment innehalten, schließlich hatte mich der Autor mit seinem preisgekrönten Erstling Der Löwensucher höchst beeindruckt und sehnsuchtsvoll zurückgelassen.

Nun ist es also soweit, und erneut nimmt uns Kenneth Bonert mit in sein Heimatland: Südafrika. Bonert wurde 1972 in Johannesburg geboren, ist mit seiner Familie jedoch später nach Kanada ausgewandert. Der Anfang einer Zukunft beginnt Ende der Achtziger Jahre in seiner Geburtsstadt, und wir treffen auf vertraute Gesichter wie Isaac und Hugo Bleznik.

Isaac ist verheiratet, hat zwei Söhne und Herr auf seinem eigenen Schrottplatz. Der Ältere der beiden Jungs wurde gerade gegen seinen Willen zur Armee eingezogen, der Jüngere versucht derzeit an der Solomon-Highschool durchzukommen, hat aber als Außenseiter so seine Schwierigkeiten. Anders als sein Bruder Marcus, scheint Martin vom Schicksal nicht eben verwöhnt zu sein. Wie viel Kraft tatsächlich in ihm schlummert, ahnt er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Zunächst beschäftigt Martin die neue Mitbewohnerin Annie, die während ihres Praktikums an einer Grundschule, bei Martins Familie wohnt. Der Sechzehnjährige ist sofort Feuer und Flamme und ziemlich neugierig auf die Studentin aus New York. Ist sie morgens im Bad, sieht er sich ein bisschen in ihrem Zimmer um. Eines Tages macht er eine Entdeckung und wird prompt von ihr erwischt. Mit Annies Erscheinen erhöht Bonert noch mal die Spannung und hält sie tatsächlich bis zur letzten der 640 Seiten.

Wo genau kommt die Spannung her? Was treibt sie an? Vielleicht Annies Absichten, die einen politischen Hintergrund haben und uns die dunkle Seite von Johannesburg aufzeigen. Der Autor legt seine Hand in eine offene Wunde, was sehr schmerzhaft ist. Für Martin genauso wie für uns Leser.Isaac tobt vor Wut, als sein Sohn von einem erschütternden Ausflug in ein Township von einem nach Hause kommt. Längst verborgene und aufwühlende Erinnerungen werden wach, krabbeln wie Ameisen flink nach oben und geben der Angst reichlich Nahrung.

Bonert erweist sich erneut als fabelhafter Chronist der Zeitgeschichte. In Der Löwensucher umspann er um eine jüdische Familiengeschichte herum die Gräueltaten des Zweiten Weltkrieges, den Holocaust, den Antisemitismus und den Rassismus in Südafrika. In seinem zweiten Werk beschäftigt sich Bonert mit dem Wirken des ANC, des African National Congres, deren bekanntestes Mitglied Nelson Mandela war. All dies wird aus der Perspektive eines heranwachsenden Jungen erzählt. Somit bettet der Autor eine Coming-of-Age-Geschichte in eine politisch brisante Story.

Obwohl mich Bonert mit seinem thrillerähnlichen Roman kaum zur Ruhe kommen lässt, habe ich etwas vermisst: seine sinnliche, poetische Sprache. Und die liebenswert-verrückten Figuren aus seinem Erstling. Andererseits: Vielleicht wäre in diesem spannungsgeladenen Plot gar nicht der Raum für rührselige Protagonisten? Immerhin geht es im letzten Drittel ums nackte Überleben. Unser Ich-Erzähler muss aus dem Kokon eines Jungen in die Kampfmontur eines jungen Erwachsenen steigen. Und der Apartheid die zornige Stirn bieten.

Kenneth Bonert: Der Anfang einer Zukunft. Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer. Diogenes 2019, 651 Seiten, 26,- €.

4 Gedanken zu „Der schmerzvolle Stachel der Apartheid.

  1. Elke Schneefuß

    Ein neuer Autor, jedenfalls für mich, seinen Erstling habe ich glatt verpasst. Sehr anschauliche und ausgewogene Rezension und vielleicht etwas für den Wunschzettel… Vielen Dank!

    Gefällt 1 Person

    Antwort
    1. Klappentexterin Autor

      Liebe Elke,

      das freut mich sehr – vielen Dank für den Kommentar! Kenneth Bonert ist wahrlich ein beeindruckender Erzähler. Das zeigt er auch durch seine Wandelfähigkeit, und natürlich wie er schreibt.

      Ich habe meine Rezension zum Löwensucher in meinem Beitrag jetzt verlinkt. Für dich gibt es den Link an dieser Stelle: https://klappentexterin.wordpress.com/2015/03/25/ein-buch-stark-wie-ein-lowe/

      Ganz liebe Grüße

      Klappentexterin

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      Antwort
  2. Constanze Matthes

    Ich habe Bonerts „Der Löwensucher“ sehr gern gelesen. Es wird Zeit, dass ich nun auch diesen Roman von ihm zur Hand nehmen, er liegt schon eine gewisse Zeit auf dem Stapel. Deine wunderbare Besprechung macht mich neugierig. Viele Grüße

    Gefällt 1 Person

    Antwort

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