Der Wahnsinn.

Es gab einmal ein idyllisches Dorf in den Bergen, an der Grenze Österreichs zur Schweiz. Sein Schicksal war es, dass sich die besten und schönsten Skigebiete der ganzen Alpen in direkter Nachbarschaft befinden. Und so wurde aus dem kleinen Dorf mit nicht einmal zweitausend Einwohnern ein Lifestyle-Mekka, wie es im Marketing-Sprech von Menschen genannt wird, die aktiv an seiner Zerstörung mitwirken. Wobei – dieser Prozess ist eigentlich abgeschlossen.

Das idyllische Bergdorf gibt es seit vielen Jahren nicht mehr, es wurde systematisch erdrückt von Beton und Alpenkitsch, von Millionen feierwütigen Skitouristen und skrupellosen Gastronomen und all den anderen Profiteuren, die an diesem Mekka prächtig verdient haben. Die Eigen- und Spitznamen sprechen eigentlich schon für sich: Längste Theke Tirols, Ballermann der Alpen oder gleich das Tal der sündigen Schneehasen, wie es das Zentralorgan aller Ballermannfahrer – die Zeitung mit den vier Buchstaben – in seiner ihm eigenen Poesie titulierte. Nirgendwo sonst sind Alkohol und Sex eine derartig symbiotische Beziehung eingegangen. Klar, der Rausch kann durchaus etwas Transzendentes und Erhabenes haben. Eine Reise in eine andere Welt. Aber hier, in Ischgl und anderen Skiorten findet nur die laute, geschmacklose und abstoßende Variante statt.

Der Tiroler Fotograf Lois Hechenblaikner setzt sich in seinen Bildern seit einigen Jahren kritisch mit den Auswirkungen des alpinen Massentourismus auseinander. Mit Ischgl liegt nun sein neuestes Werk vor, das durch die Corona-Pandemie eine zusätzliche Aktualität und Brisanz besitzt.

Pervertierte Form des Feierns

Denn alles wäre auch im kommenden Winter genau so weitergegangen, wenn der alljährlichen Walze nicht dieses Virus in die Quere gekommen wäre. Kein Verstand dieser Welt, keine Proteste oder Mahnungen haben geschafft, was diesem kleinen fiesen Ding gelungen ist: Ischgl zu demaskieren. Hinter der lustigen Fratze des Spaßdorfes verbirgt sich eine pervertierte Form des Feierns, eine idiotische Seligkeit, die mit einer moralischen Verwahrlosung einhergeht, die große Teile der Gesellschaft erfasst und infiziert hat. Wir sind scheiße, na und? Männer sind Schweine, schon klar.

Aber sie sind es wirklich. Schaut man sich die Fotos an, auf denen eine Sexpuppe mit einer Mohrrübe in sämtlichen Körperöffnungen penetriert wird und eine johlende Menge prustend zuschaut, fällt mir nur noch ein Wort ein: Ekel. Allerdings soll nicht verheimlicht werden, dass sich in der Zuschauermenge auch Frauen befinden und sowohl als Gäste als auch als Animateurinnen ihren Beitrag zu diesem Zirkus leisten.

Einem Zirkus, der viele Verlierer kennt. Zuallererst natürlich die Umwelt, aber auch die Protagonisten dieser Feierorgien kommen einem in ihrer Lächerlichkeit immer mehr als Opfer vor, je mehr Bilder man sich anschaut. Opfer einer feier- und eventsüchtigen Gesellschaft, in der es stets krachen muss. Ob Corona daran etwas ändern wird? Ich will nicht zu pessimistisch sein, habe aber meine Zweifel. Zu zersplittert ist diese Gesellschaft geworden, als dass sich eine homogene Ethik als Basis für ein nachhaltiges Handeln bilden könnte.

Corona als Rettung?

Nicht erst seit Corona sollte sich jeder die Frage stellen, ob denn das jährliche Ritual mit den Skiferien noch zeitgemäß ist, zumal bereits in vielen Skigebieten der richtige Schnee, also der natürliche, der aus gefrorenem Regen, ausbleibt und durch mit viel Aufwand an Ressourcen produziertem Kunstschnee ersetzt wird.

Ein Blick ins Internet genügt, um festzustellen, dass es natürlich auch in Ischgl weitergehen wird: Am 26. November ist Start für die neue Sause. Gut, es gibt die  üblichen Beteuerungen von wegen Umsicht und Abstand und so weiter, auch das traditionelle Top of the Mounting Opening Konzert wird nicht stattfinden. Aber selbstverständlich ist eine Alternative geplant. Vielleicht ja mit Almklausi und Specktakel, mit DJ Ötzi und DJ Jägermeister, und alle lallen – pardon: singen – aus feuchten Kehlen: „Wir sind eine große Familie“.

Übrigens: Seit den Ereignissen im Frühjahr dieses Jahres ermittelt die Staatsanwaltschaft, ob der Verdacht der Gefährdung durch ansteckende Krankheiten besteht. Diese Gefährdung bestand schon seit einigen Jahren. Durch ansteckenden, stumpfsinnigen Wahnsinn.

Lois Hechenblaikner – Ischgl. Mit einem Text von Stefan Gmünder, Steidl Verlag, Fester Einband, 205 Abbildungen, 240 Seiten, 34,- €

Ein Gedanke zu „Der Wahnsinn.

  1. Elke Schneefuß

    Sehr mutiges Buch und ein mutiger Kommentar… ich frage mich, wie wenig Geist und Seele haben Menschen, die diesen zerstörerischen Stumpfsinn mitmachen müssen, um das Gefühl zu haben, am Leben zu sein? Vermutlich ist schon die Frage zu kompliziert für einige der Betroffenen…

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