Preiswürdige, pure Lesefreude.

Bücher und speziell die Buchbranche sind schon so eine Sache für sich – vor allem die Welt der Buchpreis-Listen. Jedes Jahr warten im August viele Buchhändler*innen gespannt auf die sogenannte Longlist. Ist sie endlich da, gibt’s Jubel, Staunen und bisweilen tiefe Seufzer der Enttäuschung oder Entrüstung. Für mich kann ich nur sagen, dass ich bereits das zweite Jahr in Folge recht zufrieden war. Eine gelungene Mischung tummelte sich da auf der langen Liste. Als aber nun die Shortlist veröffentlicht wurde, musste ich doch tief und langanhaltend seufzen.

Vor allem, weil meine absolute Favoritin fehlte. Gut, immerhin ist Iris Wolff mit Die Unschärfe der Welt noch auf zwei anderen Listen als Nominierte vertreten. Und ich weiß, was für ein besonderes Buch es ist, Liste hin oder her. Warum das so ist, möchte ich euch gern verraten. So war mir das Banat bisher völlig unbekannt, aber der Literatur habe ich es zu verdanken, dass mir diese ganz spezielle Region in Südosteuropa jetzt viel vertrauter ist.

Bereits zu Beginn des Buches umgarnt mich die Autorin mit ihrer Sprache, die zart und voller Poesie ist. Behutsam und gleichsam kraftvoll zieht sie mich in ihre vielstimmige Geschichte hinein. Ein Satz, „der knotig und fest“ ist und überall hin wandert, von der Speiseröhre bis in den Magen und in die Fäuste. Ein Satz, der sofort viele Bilder heraufbeschwört. Bei Iris Wolff finden sich viele solcher Sätze, dazu poetische Sprachtupfer und kluge Beobachtungen: „Jeder Mensch sollte mit einer Gebrauchsanweisung auf die Welt kommen, einen Waschzettel, der einem selbst grob, nur ganz grob, die Richtung wies und anderen Hinweisen zur Pflege gab.“ Oh ja!

Die Protagonistin Florentine ist ein schweigsamer Charakter – wo andere ihre Münder schnell krokodilartig aufreißen, bleibt sie still. „Florentine spürte Worten gegenüber ein nie ganz aufzulösendes Unbehagen. Die Unschärfe der Aussagen verunsicherte sie. Wie sehr sie sich auch bemühte: Sprechen reichte nicht an die Wirklichkeit der Erfahrung heran.“ Viel lieber hängt sie ihren Gedanken nach, während sie Himbeeren erntet, Äpfel pflückt oder morgens die ersten Momente des neuen Tages ganz für sich allein haben möchte.

Florentines Schweigen überträgt sich auf ihren Sohn Samuel. Fast schon logisch, dass der Junge erst spät mit dem Sprechen anfängt und sich zu einem Einzelgänger entwickelt. Samuel hat einfach seinen eigenen Kopf, auch, weil seine Eltern ihm nichts aufdrängen oder ihn verbiegen wollen – er darf stets seinen eigenen Weg gehen.

Wobei sein Vater Hannes eher das Gegenteil ist: Ein offener Geist, der gern Wanderer bei sich aufnimmt. Zunächst scheint er mit der Erziehung des einzigen Sohnes ein wenig überfordert, er fügt sich jedoch bald den Worten seiner Frau („Das Leben wird noch schwer genug werden. Gönn ihm diese Zeit.“). Aber die Weltoffenheit von Hannes wird der Familie zum Verhängnis. Denn im damaligen Ostblock war der nächste Spitzel nie weit.

Foto: Iris Wolff © Annette Hauschild / Ostkreuz

Iris Wolff ist ein stilles und gleichsam eindringliches Buch über Familie und Freundschaft gelungen, das tief berührt und dieses besondere Echo erzeugt, das ich die pure Freude am Lesen nenne. Jede der sieben Figuren bekommt ihren Raum, kann sich in einem eigenen Kapitel ausstrecken. So verschieben sich die Blickwinkel. Manchmal kreuzen sich die Lebenswege, während an anderer Stelle Schicksalsschläge die Bande auseinanderreißen, um sie später wieder zusammenzuführen. All das ist zurückhaltend und angenehm kitschfrei erzählt.

Bei all den zwischenmenschlichen Tragödien und Geschichten verliert die Autorin nie die Beziehung zu ihrem Heimatland. Iris Wolff wurde in Siebenbürgen geboren, wuchs dort und im Banat auf, bevor sie im Jahr 1985 mit ihrer Familie nach Deutschland kam. Selten hat Erdkunde so viel Freude bereitet wie in dem Fall.

Große Erzählkunst, die vielleicht doch noch mit einer Auszeichnung gekrönt wird. So wurde der Roman auch für den Bayerischen Buchpreis sowie den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis nominiert. Einen Preis hat das Buch in jedem Fall schon sicher – den Buchpreis der Herzen. Und da bin ich nicht die Einzige.

Wenn ihr noch mehr über die Autorin erfahren wollte, dann schaut mal bei Sound & Books vorbei. Dort erwartet euch ein sehr lesenswertes Interview mit Iris Wolff.

Und auf der Verlagsseite gibt’s eine kostenlose Leseprobe in pdf-Form zum Downloaden und hineinlesen.

Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt. Klett-Cotta Verlag, August 2020, 213 Seiten, 20,- €.

3 Gedanken zu „Preiswürdige, pure Lesefreude.

  1. Elke Schneefuß

    Den Titel habe ich noch vor mir…. gefallen hat mir persönlich auch „Herzfaden“ , das sogar als Favorit gehandelt wird…. Vielen Dank für die sehr schöne Buchbesprechung!

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  2. Christiane Siegel

    Ich teile deine Einschätzung und Enttäuschung zu 100%. Das Buch fehlt auch mir auf der Shortlist und hat mich sehr beeindruckt. Ich drücke Iris Wolff die Daumen, dass ihr Buch mit einem Pries ausgezeichnet und von Vielen gelesen wird.

    Gefällt 1 Person

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