Rendezvous mit dem Schlickmergel.

Foto: Herr Klappentexter

Unsere neue Heimat ist wohltuend für Geist und Seele, dabei auch inspirierend. So erstaunt es nicht, dass in dem Land rund um das faszinierende Wattenmeer bereits zahlreiche Kunstwerke wie auch Bücher entstanden sind.

Jana Scheerer hat sich von dieser Energie offenbar anstecken lassen und mit „Das Meer in meinem Zimmer“ einen erstaunlichen Roman vorgelegt. Das Werk ist sicher keine harmonische Urlaubsgeschichte, aber doch eine echte Sommerlektüre. Die Geschichte ist faszinierend, manchmal weht ein kräftiger Wind und verdreht den Menschen die Köpfe, aber stets strahlt sie wie ein Leuchtturm.

Aber der Tod gehört auch zu dieser Geschichte, dieses unfassbare Ereignis, das man nicht greifen kann. Auch Jolanda, die Ich-Erzählerin zweifelt. Ist ihr Vater wirklich tot?

Ihre Mutter Constanze will es nicht wahrhaben, dass Pax den Kampf gegen die Krankheit verloren hat. So lebt die Familie eine Zeit lang in einer Art Blase und Jolanda taucht ein in die Familiengeschichte, sie nimmt mich mit in diesen eigenwilligen Kosmos und läuft mit mir durchs Wattenmeer.

Der Vater, Pax, ist nicht von dieser Welt, das merke ich schnell. Der arbeitslose Kunstlehrer lebt in seinem ganz eigenen Universum. Unbedingt muss er das Schiffswrack Jolande finden, er ist geradezu besessen davon. Die Familie ist auf eine Nordseeinsel gezogen, damit Pax an seinem Projekt arbeiten kann. Sie kaufen eine leerstehende Pension, in der sich Pax zunächst mit großem Eifer daranmacht, die Wände der Zimmer mit Kunstwerken zu bemalen. Überhaupt will sich die so sehr erwünschte Ruhe nicht einstellen. Selbst, als die jüngste Tochter Lilli geboren wird.

Denn Pax bleibt ein Getriebener, mit einem Detektor pirscht er suchend durchs Watt und nimmt manchmal seine ältere Tochter mit. Er zeigt ihr seine selbst entworfene Karte – mit einem seltsamen Männlein darauf. Das ist der Schlickmergel, ein Wattgeist. Wenn Pax seiner Tochter die Geschichte vom Wattgeist und der Jolande erzählt, scheint in ihm die Sonne, genau dann ruht der Wind seiner Seele. Doch es gibt genauso die anderen Zeiten, in denen Pax jähzornig wird, er sich wie ein Wattwurm davon schlängelt und einfach nicht zu bändigen ist.

Tief im Inneren ist die Geschichte unglaublich traurig, zwischen den Zeilen zwickt eine bedrückende Note, als hätte sich ein Sandkorn im Auge verirrt. Doch die Melancholie erfasst mich nicht vollkommen, denn Jana Scheerer zieht ihr mit einer ganz eigenen Sprache das Dunkle heraus. Mit klaren, kurzen Sätzen verleiht sie der Erzählung eine wohltuende Geschwindigkeit und einem wunderbaren Rhythmus – da bleibt keine Zeit, schwermütig zu werden. Nicht zu vergessen die herrliche Situationskomik, die mich oft lauthals auflachen lässt.

Jana Scheerer hat ein Herz für die Menschen, die aus der Reihe tanzen. So erzählt sie mit großer Empathie für ihre Figuren, bis sich das Unwirkliche bald fast normal anfühlt, ich tief berührt bin und gleichsam grinsend das Buch zuschlage, während neben mir der Schlickmergel sitzt.

Jana Scheerer: Das Meer in meinem Zimmer. Schöffling Verlag, August 2020, 249 Seiten, 22,- €.

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