Der Unermüdliche.

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Foto: © Hermance Triay

Wer als Schweizer, noch dazu als Nationalrat, den Kapitalismus kritisiert, der muss Mut haben. Die Schweiz, dieses angeblich neutrale Land im Herzen Europas, ist ja geradezu die Verkörperung des Kapitalismus in seiner Funktion als Heimat der diskreten Banken, als Schauplatz der Hochfinanz und Zufluchtsort der Superreichen. Da können Sie prima unter sich sein, es stellt ihnen niemand unangenehme Fragen oder hinterfragt gar ihre ethisch-moralische Einstellung. Wo das viele Geld herkommt? Psst, ist schließlich Privatsache. Unangenehme Fragen müssen sich in der Schweiz nur Einwanderer oder Einbürgerungswillige aus den unteren Klassen gefallen lassen.

Jean Ziegler ist Schweizer und einer der leidenschaftlichsten Kritiker des internationalen Kapitalismus im Allgemeinen und der imperialen Strategien der Großmächte im Besonderen. Dazu ein unermüdlicher Autor erhellender Bücher, wie zum Beispiel den aktuellen Werken „Was ist so schlimm am Kapitalismus?“ und „Warum wir weiter kämpfen müssen“, auf deren Inhalte ich nun näher eingehen möchte.

 

Machen wir uns nichts vor – wir haben´s ja mit unserem kapitalistischen und demokratisch geführten Deutschland nicht so schlecht getroffen. Gut, es könnte hier und da ein wenig gerechter zugehen, aber im Großen und Ganzen haben wir nicht viel zu befürchten, niemand muss verhungern oder wird wegen seiner politischen Haltung gefoltert. Aber zu welchem Preis? Auf wessen Kosten? Noch immer wächst unser Wohlstand auf dem Rücken unzähliger Arbeitssklaven in unterentwickelten Ländern, noch immer kaufen wir Produkte, die unter unwürdigen Umständen hergestellt werden und noch immer liefern wir uns Konzernen aus, deren Verhalten in einigen wichtigen Punkten äußerst fragwürdig ist. Und Jean Ziegler? Der macht es sich wirklich nicht einfach, geht oft dahin, wo es wehtut, wo es gefährlich wird und ihm ganz persönlich Konsequenzen drohen. Apropos drohen. Man fragt sich doch, wie ein offizieller Mitarbeiter der Vereinten Nationen – denn das ist Ziegler nach wie vor – von Geheimdiensten durchaus demokratischer Staaten diskreditiert und sogar bedroht, wie er von windigen Börsenspekulanten verklagt oder sogar seiner Immunität als Nationalrat enthoben werden kann, nur weil er die Wahrheit sagt. Genau das ist mehrfach geschehen.

Die Gier nach Macht und Geld.

Dabei hat er nur das getan, wofür er bezahlt bzw. berufen wurde: Berichte geliefert, in denen glasklar aufgezeigt wird, wo, wie und warum es noch immer Hunger auf dieser Welt gibt. Auch hier sitzen die Verantwortlichen selten in den betroffenen Ländern, denn die selbstverständlich vorhandene Korruption in den Krisengebieten dieser Welt wird bei weitem übertroffen von der Gier nach Macht und Geld in den Konzernzentralen multinationaler Nahrungsmittelhersteller.

Übertroffen von den Börsenplätzen der wohlhabenden Welt, wo nach wie vor Spekulationen auf Nahrungsmittel erlaubt sind. Und nicht zu vergessen die gesamte sogenannte westliche Welt, die sich immer noch mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen eine gerechtere Verteilung von Geld, Nahrung und Ressourcen wehrt. Aber aus Sicht der kapitalistischen Länder ist jeglicher Eingriff in das freie Spiel der Märkte ein Sakrileg. Dabei ist dieses sogenannte freie Spiel eine ziemlich unfaire Partie, vor allem für die Länder der südlichen Hemisphäre. Gewinnen tun stets nur Nestlé & Co.

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Bild von Free-Photos auf Pixabay

Drei Dinge möchte ich kurz hervorheben, weil sie sehr exemplarisch für einen ungerechten Status Quo stehen, an dem sich so schnell nichts ändern wird. Da hätten wir an vorderster Front die USA, für viele zurzeit mit dem aktuellen bösen Clown als Präsident die Zielscheibe Nummer Eins. Dabei war diese imperiale Großmacht seit dem Zweiten Weltkrieg an nahezu jeder nennenswerten kriegerischen Auseinandersetzung beteiligt, oft sogar aktiv als Aggressor. Und ob der Präsident nun Republikaner oder Demokrat war – nie, wirklich nie wurde von der imperialen Strategie abgerückt. Und bei aller Sympathie – auch unter Obama blieb Guantanamo bestehen, wurden durch Drohnenangriffe unschuldige Zivilisten getötet und der Internationale Strafgerichtshof nicht anerkannt.

Ebenso wird die Handlungsfähigkeit der Vereinten Nationen immer wieder durch Vetos von den Großmächten massiv eingeschränkt. Aktuelles Stichwort: Syrien. Beschämend, was Russland da heuchelnd und zynisch argumentierend aufführt. Dabei wurden die UN ja aus nichts weniger gegründet, um den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren. Und natürlich, um die angeborene Würde der Menschen zuachten, Ihre Rechte als Grundlage für Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit. Und wo stehen wir heute? Es ist ein Jammer.

Ein Kriegsverbrecher namens Kissinger.

Dann möchte ich euch einen Mann vorstellen, den manche vielleicht noch kennen: Henry Kissinger. Persönlicher Freund des ebenfalls nicht unsympathischen Helmut Schmidts. So wie Putin ja auch persönlicher Freund von Gerhard Schröder ist. Frage nur ich mich, wie man mit jemandem persönlich befreundet sein kann, an dessen Händen Blut von vielen, vielen unschuldigen Menschen klebt? Gut, Kissinger. Immer wieder hat die USA ja eine unrühmliche Rolle gespielt, wenn es darum ging, aus Wirtschafts- oder Machtinteressen Diktatoren zu unterstützen oder unliebsame Regierungen zu stürzen. Kissinger war direkt involviert in den Sturz der chilenischen Regierung unter Salvador Allende, der Operation Condor und der völkerrechtswidrigen Invasion in Osttimor. Von Vietnam wollen wir gar nicht erst reden. Und was geschah? Schlchtweg nichts. Kissinger wurde weiter hofiert und genießt heute unbehelligt seinen Ruhestand. Ziegler meint: „Nach allen Kriterien des internationalen Rechts, der Menschenrechte und des Humanitären Völkerrechts ist Kissinger ein Kriegsverbrecher.“

Auch möchte ich euch noch ein besonders perfides Instrument des Turbokapitalismus vorstellen – die sogenannten Geierfonds. Wobei man den Geiern wirklich Unrecht tut, eine von Menschenhirnen ausgedachte, teuflische Perversion nach ihnen zu benennen. Denn im Gegensatz zu den Leuten, die hinter den Geierfonds stehen, sind die nicht eben beliebten Vögel sehr nützlich für unsere Welt.

Diese Fonds sind spekulative Investmentfonds, die ihren Sitz in Steuerparadiesen haben und für relativ kleines Geld Schultitel von zahlungsunfähigen Ländern aufkaufen. Im Gegensatz zur Privatinsolvenz oder Insolvenz von Unternehmen werden Länder selten hundertprozentig von ihren Schulden befreit. Kommt so ein armes Land aber trotzdem wieder langsam auf die Beine, stehen die Superreichen mit ihren Geierfonds und ihren Heerscharen von Anwälten sofort bereit, um die Länder auf vollständige Rückzahlung der Schuldtitel zu verklagen. Und das Unfassbare ist – sie bekommen bei den allermeisten Gerichten Recht, denn die Sache ist völlig legal. Also eine schreiende Ungerechtigkeit. Obendrein eine, die dazu führt, dass viele arme Länder so gut wie nie ihre Schulden loswerden.

Kannibalen in Nadelstreifen.

Das wäre so, als wenn du Privatinsolvenz anmeldest, nach sechs Jahren offiziell schuldenfrei bist, und plötzlich steht einer vor deiner Tür und pfändet dir noch das letzte Hemd weg. Niemand weist diese kannibalistische Klasse der Superreichen in ihre Schranken, ganz im Gegenteil: Heimlich haben die Wirtschaftsmogule schon in vielen Staaten quasi die Macht übernommen und ihnen so einiges an Souveränität, Kraft und Handlungsfähigkeit genommen. Oder warum tut selbst unsere Regierung nichts gegen diese Art von Fonds oder andere Ungerechtigkeiten?

Wir sollten uns genau überlegen, wen wir wählen, was wir essen, was wir konsumieren. Und was wir selbst dafür tun können, dass dieser Planet nicht vor die Hunde geht, sondern trotz allem ein lebenswerter Ort bleibt. Jean Ziegler tut eine Menge dafür. Und man fragt sich verwundert wie auch bewundernd – wie macht der Mann das alles und, vor allem, warum tut er sich das immer noch an? Die Antwort kann nur lauten: Weil es ihm ernst ist mit dem Kampf für mehr Gerechtigkeit.

„Das Leiden des anderen lässt mich leiden, selbst wenn ich mich dagegen wehre“, schreibt Ziegler. Ein kluger, mutiger Mensch mit Herz, Hirn und Mitgefühl. Selten geworden in diesen Zeiten. Trotzdem, da gebe ich ihm recht: Wir müssen weiter kämpfen. Immer weiter.

 

Jean Ziegler: Was ist so schlimm am Kapitalismus? Aus dem Französischen übertragen von Hainer Kober, C. Bertelsmann, 128 Seiten, 15,- €
Jean Ziegler:  Warum wir weiter kämpfen müssen. Aus dem Französischen übertragen von Hainer Kober, Pantheon Verlag, 320 Seiten, 15,- €

Ein Gedanke zu „Der Unermüdliche.

  1. dagmaregeroffel

    Lieber Klappentexter, das ist interessant, gerade diese Tage habe ich mir „Was ist so schlimm am Kapitalismus“ und das neueste von Jean Ziegler: „Die Schande Europas bestellt“. Ihm gilt meine Bewunderung für seine ganz direkten Analysen und Anklagen seit er UN-Botschafter für das Menschenrecht auf Nahrung war. Ich habe ihn immer noch bildlich vor mir im Erwin Wagenhofer Film „We feed the World“ von 2005. Wahrhaftig ein Unermüdlicher. Danke für die tolle Besprechung. Gerade jetzt muss man sich damit auseinandersetzen, dass es hingenommen wird als Folge der Pandemie, dass wir die Sustainable Development Goals nicht erreichen werden, allem voran das Besiegen des Hungers auf der Welt.
    Grüße
    Dagmar

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