Das Leben ist eine Reise.

Ein Blick aufs Meer verursacht ja oft Fernweh, und auch der Roman „Offene See“ ist eine Einladung zu einer Reise. Der Autor Benjamin Myers nimmt uns mit ins England der späten Vierziger Jahre, der Zweite Weltkrieg ist endlich vorbei, alle atmen auf, doch die Narben sind noch spürbar. Genauso wie beim Protagonisten dieses vielfach gelobten Romans – Robert ging als Kind in den Krieg und kehrt als junger Mann zurück.

In seinem Rucksack trägt er nach den aufregenden Erlebnissen eine unbändige Sehnsucht nach Natur und – vor allem – dem Meer. So macht sich Robert auf den Weg, eine Wanderung mit offenem Ausgang, der wir uns nur zu gern anschließen. Das Buch wurde schon vor Erscheinen überschwänglich gelobt, und das nicht nur wegen seiner wundervoll anmutenden äußeren Erscheinung. Wir Buchhändler sind ja so etwas wie Goldgräber: Aufmerksam und neugierig forschen wir bei den zahlreichen Neuerscheinungen nach herausragenden Titeln.

„Offene See“ ist so eine Rarität. Es enthält exakt die Zutaten, die aus einer Lektüre ein Leseerlebnis macht. Mit anderen Worten: Etwas ungemein Schönes bleibt in einem zurück, wenn man das Buch schließt. Benjamin Myers schafft dieses Kunststück mit poetischen Sätzen und atmosphärischen Naturbeschreibungen, die sich beim Lesen fast zu so etwas wie Glück vereinigen.

Genau genommen gibt es in diesem Roman zwei Hauptfiguren. Denn der genügsame Robert gerät eines Tages auf seiner Wanderung an eine ältere Dame namens Dulcie. Sie ist ein wenig eigensinnig und sucht gerade nach ihrem Hund Butler. Als Dulcie bei der Suche nach Butler auf Robert trifft, lädt sie ihn spontan in ihr Cottage zu einer Tasse Brennnesseltee ein. Brennnesseltee? Robert wundert sich: „Ich habe immer gedacht, sie seien giftig.“ Schon sitzen die beiden zusammen, und Dulcie klärt ihn über die wohltuende Wirkung von Brennnesseln auf, wenn man sie als Tee zubereitet. Schnell werden aus Minuten Stunden, und dann ganze Tage. Robert bleibt bei Dulcie.

Und die ältere Dame ist tatsächlich in vielerlei Hinsicht eine außergewöhnliche Frau. Auch als Köchin brilliert sie, kann nicht nur Brennessel, sondern auch Fenchel so gekonnt zubereiten, dass Robert schier begeistert ist von diesen neuen Sinneseindrücken und den kulinarischen Verführungskünsten der Dame Dulcie. Er lauscht bei dem einen oder anderen Gläschen Wein den hochinteressanten Geschichten, die Dulcie zu berichten weiß. Beinah mütterlich nimmt sich die Frau des Jungen an und versucht ihm so viel Wissen und Weisheit wie nur möglich auf seinem weiteren Weg mitzugeben. Dazu gehört selbstverständlich auch die unendlich bereichernde Welt der Kultur, speziell der Literatur, aus der wir zu allen Zeiten und Gelegenheiten Kraft schöpfen können.

Die Gespräche erheitern und berühren mich gleichermaßen. Dulcie hat nicht nur eine selbstbewusste Zunge, sie ist gleichwohl lebensklug und streut wunderbare Gedanken in ihre Sätze. So sagt sie über die Lyrik: „Du kannst mir glauben, alles, was du je gefühlt hast, wurde vor dir schon von einem anderen menschlichen Wesen gefühlt. Vielleicht kannst du dir das nicht vorstellen, aber es ist die Wahrheit. Darum geht es in der Lyrik. Sie erinnert uns genau an diese Tatsache. Durch Dichtung vermittelt uns die Menschheit, dass wir nicht völlig auf der Welt allein sind.“ Überhaupt hat Dulcie eine ganz besondere Beziehung zur Poesie, was uns der Autor noch an späterer Stelle verrät.

„Offene See“ möchte das Gute und Schöne in die Welt tragen. Vergessen sind die Hässlichkeiten, die Narben des Krieges und die Engstirnigkeiten vieler Menschen. Dafür öffnet sich ein wohlriechender und inspirierender Raum. Dulcie und Robert zeigen, dass Freundschaft keine Grenzen kennt, nicht mal die des Alters und die der Gegensätze. Behutsam und mit einer ganz feinsinnigen Strahlkraft erobert sich das Buch das Herz seiner Leser. Und weil das ganze Leben bekanntlich eine große Reise ist, aber die Freiheit zurzeit immer noch ein wenig eingeschränkt, nimmt dieses Buch euch mit auf eine kleine, wunderbare Reise im Kopf.

Benjamin Myers: Offene See. Aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Dumont Buchverlag, März 2020, 270 Seiten, 20,- €

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