Nachtschicht in der Stadt der Träume.

Wenn bei uns zu Hause einmal nicht gelesen wird, dann kommt manchmal sogar der Fernseher samt des guten alten DVD-Players zum Einsatz. Im wahrsten Sinne des Wortes – denn Familie Klappentexterin schätzt gut gemachte Polizei- und Politserien. Zum Beispiel The Wire, Homicide oder auch Homeland sind absolut empfehlenswert und noch vor dem ganzen Streamingwahnsinn entstanden. Serien, die intelligent gemacht sind und zudem etwas vom Alltag der Menschen hinter den einzelnen Fällen erzählen.

Als ich nun Late Show von Michael Connelly las, war mein Spürsinn für guten Krimistoff sofort wieder geweckt. Würde ich in der Hauptfigur Renée Ballard eine Schwester von Carrie Mathison aus Homeland treffen? Manchmal hat mich die Figur tatsächlich an die furchtlose Agentin erinnert. In dem Roman von Michael Connelly nun hat die Protagonistin ihren Vorgesetzen wegen sexueller Nötigung angezeigt. Allerdings war ihr Kollege, der als Zeuge aussagen sollte, zu feige, um gegen seinen Boss auszusagen. So kam es zu keinem Gerichtsverfahren und Renée wurde stattdessen in die Nachtschicht, auch Late Show genannt, strafversetzt.

Zwei Fälle beschäftigen die Ermittlerin dort ganz besonders: Da ist zum einen ein zusammengeschlagener Transvestit und zum anderen die Schießerei in einem angesagten Club, bei dem fünf Menschen starben. Eigentlich nicht ihre Baustelle, aber die Spürnase Renée wäre nicht Renée, wenn sie nicht raffinierte Mittel und Wege finden würde, der Sache doch nachzugehen. Auch in diesem Punkt ist sie Carrie Mathison sehr ähnlich. Ihre Idee: Sie ermittelt einfach tagsüber weiter.

Foto: Pixabay

Renée Ballard ist eine außergewöhnliche und coole Ermittlerin, dabei stets furchtlos, clever und extrem ehrgeizig – und deshalb eine äußerst interessante Person. Renée lebt in ihrem Auto, einem Ford-Transporter, in dem auch noch Platz für ihr Surfbrett ist. Nach ihrer Schicht holt sie morgens ihren Hund Lola bei der Hundesitterin ab und fährt mit dem Tier an den berühmten Venice Beach. Beim Stand-up Paddeln bekommt Renée dann meist ihren übervollen Kopf wieder frei.

Michael Connelly ist ein Meister des Krimigenres und das beweist er Seite um Seite: Starke Dialoge reihen sich an unerwartete Wendungen, und das Setting ist natürlich extrem faszinierend – denn Ballard ermittelt in L.A. Da wünscht man sich dann doch, HBO würde sich den Stoff sichern und daraus eine TV Serie entwickeln.

Potenzial ist in jedem Fall reichlich vorhanden. Denn dies war der erste Fall für Renée Ballard, und ich bin schon jetzt auf weitere gespannt. Vielleicht in dieser Reihenfolge – erst noch zwei Bücher, dann die Serie. Träumen ist ja nicht verboten, schon gar nicht in L.A.

Michael Connelly: Late Show. Renée Ballard – ihr erster Fall. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Sepp Leeb. Kampa, März 2020, 428 Seiten, 19,90 €.

Ein Gedanke zu „Nachtschicht in der Stadt der Träume.

  1. Elke Schneefuß

    Wenn Ihr das nächste Mal eine DVD einlegen möchtet: Empfehlen kann ich noch „Borgen“, eine Lehrstunde in Sachen Politik, mal nicht aus dem englischsprachigen Raum…ganz unblutig und doch sehr spannend!

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