Sommersonne? Einverstanden!

Brauchen wir derzeit nicht alle ein bisschen mehr Sonne als sonst? Vor allem die im Herzen. Und wenig bringt so viel Licht ins Leben, wie ein gutes Buch. Ein richtig gutes Buch, wie es
»Hintergrund für Liebe« von Helen Wolff ist. Schon nach den ersten Sätzen zieht die Autorin die Vorhänge auf und lässt ganz viel Licht hinein. Aufmerksame Leserinnen und Leser werden sich bei dem Nachnamen der Autorin vielleicht schon gefragt haben, ob sie etwas mit Kurt Wolff zu tun hat. Ja, hat sie!

Kurt Wolff war seit 1913 Verleger und ist der Namensgeber einer der wichtigsten Institutionen aus dem Verlagswesen – der Kurt-Wolff-Stiftung. Die Stiftung unterstützt die unabhängigen Verlage auf verschiedenen Ebenen, auch den Weidle Verlag, in dem Helen Wolffs Roman nun erschienen ist. Ihrer Großnichte Marion Detjen ist es übrigens zu verdanken, dass ich diese bewundernswerte Frau jetzt kennengelernt habe. In einem umfangreichen Essay durchleuchtet Detjen im Anhang Helen Wolffs Wirken als Verlegerin, die sich stets für viele Autoren eingesetzt hat, beispielsweise Günter Grass, George Simenon und Uwe Johnson. Sie pflegte mit einigen sogar einen vertrauten und beinahe mütterlichen Umgang.

Foto: Das Verlegerpaar Helen und Kurt Wolff © privat / Weidle Verlag

Dass Helen Wolff selbst über literarische Qualitäten verfügte, beweist sie uns in »Hintergrund für Liebe« nachdrücklich. Das Manuskript hielt sie bis zu ihrem Tod unter Verschluss und schrieb sogar auf dem Umschlag: »At my death, burn oder throw away unread!« Warum? Zum einen gehörte es zum »Credo Helen und Kurt Wolffs, daß die Hingabe an die Bücher der anderen, die der Verlagsberuf verlangt, eine eigene schöpferische Tätigkeit verbiete.« Zum anderen stand die  Verlegerin Texten mit persönlich Erlebten äußerst kritisch gegenüber, da sie diese Literatur als weiblich und minderwertiger ansah, wenngleich die weibliche Literatur andere Qualität aufweise. Oha – wenn Helen Wolff damals gewusst hätte, dass Jahrzehnte später ein Karl Ove Knausgård oder Tomas Espedal mit ihrer folglich weiblichen Art des Erzählens ziemlich großen Erfolg haben würden. Dieses Buch hat also erhebliches Potenzial, auch für den einen oder anderen Diskurs, ich denke hierbei vor allem an den gehaltvollen und wissensreichen Essay im Anschluss.

Aber jetzt auf zur Sonne, Leseratten! Der autobiographisch gefärbte Roman startet zunächst als Roadnovel und mit einem gefühlten Verrat. Die Ich-Erzählerin sitzt im Auto und beschreibt alles um sie herum auf wundervollste Art, mit Chuzpe, Charme und Poesie hat sie mich sehr schnell als Komplizin gewonnen. Einerseits ist sie voller Aufbruchstimmung, andererseits plagen sie Schuldgefühle. Derartig zwiespältig verlassen sie und ihr älterer Gefährte an einem frühen Morgen ihre Freunde und auch ihre Heimat. Ausgerechnet zu einer Zeit, da sie dort am dringendsten gebraucht werden, der Zeit des aufkommenden Nationalsozialismus. Aber das Paar wollte unbedingt raus, weg, einfach für ein paar Monate unterwegs sein im Süden. Gut, lassen wir uns also vom Fahrtwind mitreißen, denn der Fahrer hat´s sehr eilig, will er doch so schnell wie möglich in Südfrankreich ankommen. Schon kurz nach der Ankunft müssen die beiden Reisenden jedoch feststellen, dass sie ziemlich unterschiedliche Vorstellungen von ihrer Auszeit haben. Er will im Hotel leben, abends ausgehen und ins Casino. Sie sehnt sich eher nach Ruhe und einem Häuschen im Grünen. Das kann natürlich nicht gutgehen.

Und so packt unsere Erzählerin kurzerhand ihre sieben Sachen und macht sich allein auf den Weg, um schließlich in Saint-Tropez zu landen. Und das, so viel darf ich vorwegnehmen, wird einfach nur schön. Unsere Erzählerin wächst über sich hinaus, das liest sich höchst beglückend. Die Sonne macht es sich in unserem Gemüt ziemlich gemütlich, denn Helen Wolff versteht es ausgezeichnet, ihre Leser zu verzaubern.

Sie bringt ganz viel Sommerstimmung zu uns auf die heimische Couch, alleine schon durch ihren einzigartigen Schreibstil. Helen Wolff malt mit Worten allerschönste Bilder und ist obendrein eine lebenskluge Erzählerin. Ja, sie schenkt uns Sätze, an denen wir uns festhalten wollen. Sätze, die uns aufrichten und mit Hoffnung aufladen: »Das Leben ist großartig, sobald man damit einverstanden ist. Alles andere ist falsch. Einwilligen, so wie man sich beim Schwimmen dem Wasser vertrauensvoll in die Arme legt, und wer keine Angst hat, geht auch nicht unter.«

So lasst uns in diesen unsicheren Zeiten mit erhobenen Häuptern der Sonne entgegen gehen, lesen oder auch schwimmen. Hauptsache, wir sind einverstanden und furchtlos!

Helen Wolff: Hintergrund für Liebe. Mit einem Essay von Marion Detjen. Zum Hintergrund des Hintergrunds. Weidle Verlag, März 2020, 216 Seiten, 20,- €. Kat Menschik hat den Umschlag illustriert. Und wer das eBook haben möchte, bekommt es bei CulturBooks für 12,99 €.

2 Gedanken zu „Sommersonne? Einverstanden!

  1. Heidi Scholzen

    Zu meinem großen Bedauern kann mir bisher niemand erklären, warum die Stiftung NICHT „ Helen & Kurt Wolff-Stiftung“ heißt! Kannst du es?

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    Antwort

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