Optimismus in Zeiten des Virus.

Bild von Chickenonline auf Pixabay

Es gibt Bücher, bei deren Lektüre ganz viel mit einem passiert. „Die Optimisten“ von Rebecca Makkai ist so eines: Unzählige Gedanken und Gefühle krabbeln wie Ameisen durch Geist und Körper, während man atemlos und zutiefst berührt Seite um Seite umblättert. Eine wahrlich bewegende Geschichte. Beginnen wir mit einem nachdenklichen und gleichsam optimistisch stimmenden Zitat: »Optimisten wie wir haben schon etwas durchgemacht und stehen trotzdem jeden Tag auf, weil wir glauben, wir könnten verhindern, dass es noch einmal passiert. Oder wir tricksen uns einfach aus, um das zu glauben.« Aus diesen Zeilen spricht nichts weniger als ein unerschütterlicher, starker Überlebenswille. Und so einen Willen braucht, denke ich, jeder hin und wieder in Momenten, wo das Leben finster und bedrohlich erscheint.

Rebecca Makkai erzählt eine warmherzige Geschichte von Freundschaft und Liebe vor dem Hintergrund der AIDS-Epidemie in den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Ja, hört sich länger her an, aber wie wir gerade sehen, ist die Geschichte aktueller denn je.

Einerseits berichtet die Amerikanerin davon, wie dieser Virus und die Krankheit die Menschen innerlich zerstört, ja regelrecht aufgefressen hat. Andererseits erfahren wir viel über die Diskriminierung der Infizierten. Vielleicht erinnert sich noch jemand: Ein nicht ganz unbekannter Politiker wollte die mit dem HIV-Virus Infizierten in unserem Land sogar in Lager sperren lassen.

So liest man diese bewegende Geschichte mit einer Menge an Mitgefühl. Mehr noch: Schnell ist man Teil der Clique um Charlie, Fiona, Julian und Yale. Und erlebt, in welch kurzer Zeit ihr Freundeskreis von dem Virus betroffen ist.

Der Kunstexperte Yale wächst mir besonders ans Herz, will er doch einer alten Dame ihren letzten Wunsch erfüllen und ihre Kunstsammlung in einer Ausstellung präsentieren. Die Lady hat ein bewegtes Leben hinter sich und war in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg in Paris Muse von mehreren bedeutenden Künstlern.

Für Yale ist dies eine unglaubliche Chance und Herausforderung zugleich. Denn die Familie der Spenderin fürchtet um ihr Erbe und versucht, den Deal mit rechtlichen Schritten zu verhindern. Während Yale von dem Geschäft nahezu komplett eingenommen wird, wütet der Virus weiter, viele Freunde erkranken.

Die aktuelle Zeitebene des Romans beschreibt das Jahr 2015 in Paris. Fiona ist auf der Suche nach ihrer Tochter Claire und kommt bei einem guten Freund aus alten Zeiten unter. Als sie dort auf einen längst verstorben geglaubten Gefährten aus alten Tagen trifft, ist das Chicago der Achtziger sofort wieder in Fionas Kopf gegenwärtig und sie spürt, dass sie die Vergangenheit nie ganz überwunden hat. Sind die Ereignisse sogar die Ursache dafür, dass sich Claire von ihr abgewandt hat?

„Die Optimisten“ ist zutiefst berührend und unglaublich spannend erzählt. Gleichwohl wird das Werk von hellen Lichtpunkten durchzogen, die mich immer wieder aufrichten und lächeln lassen. Genau diese Mischung macht aus dem Buch eine unvergleichliche Lektüre und ist ebenso ein Gedenken an alle AIDS-Erkrankten und Verstorbenen. Und wir? Bleiben bewegt und doch mit einem Funken Optimismus versehen zurück.

Rebecca Makkai: Die Optimisten. Aus dem amerikanischen Englisch von Bettina Abarbanell. Eisele Verlag, 30. März 2020, 620 Seiten, 24,- €.

4 Gedanken zu „Optimismus in Zeiten des Virus.

  1. Mikka Liest

    Hallo,

    dieses Buch hat mich auch so sehr bewegt wie kaum ein anderes in den letzten Jahren. Ich kann mich gerade noch so an diese Zeit der ersten Aids-Erkrankungen erinnern, auch wenn ich zum Zeitpunk, an dem das Buch beginnt, noch in der Grundschule war. Es war lange unbeirrbar in mir einprogrammiert: Aids ist gleichbedeutend mit Leid und Tod und wird es immer sein. Später war die Trauer in meiner Klasse groß, als Freddy Mercury starb, und das hat das natürlich noch bestärkt.

    Es kommt mir beinahe unwirklich vor, dass man Aids zwar immer noch nicht heilen, aber in Schach halten kann – obwohl ich selber mit einer unheilbaren chronischen Erkrankung lebe, die noch in den 80ern als Todesurteil galt und die ich seit vielen Jahren mit zunehmend besseren Medikamenten ausbremse. Eigentlich paradox, dass progrediente MS für mich die Normalität ist, während Aids trotz allem immer noch den alten Schrecken für mich hat. Corona versetzt mich dagegen zwar in Sorge, aber nicht in Panik – obwohl eine Erkrankung für mich sehr gefährlich wäre.

    Wird es in dreißig Jahren darüber Romane geben? Ich vermute schon – je nachdem, wie drastisch es weitergeht, mit mehr oder weniger Abstand.

    LG,
    Mikka

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    1. Klappentexterin Autor

      Liebe Mikka,
      hab ganz lieben Dank für deinen ausführlichen und berührenden Kommentar! Den ich erst heute beanworten kann.

      Man ist den Figuren in dem Buch besonders nah, zudem erzählt die Autorin derart mitreißend und bewegend, dass man es erst aus der Hand legen kann, aber eigentlich gar nicht möchte, nachdem der letzte Satz aufgelesen wurde. Sie fehlen mir immer noch.

      Mir ging es ähnlich wie dir bzw. AIDS habe ich in seiner Entstehungszeit gar nicht mitbekommen und das, was es mit den Menschen gemacht hat. So gesehen ist das Buch auch eine wichtige Dokumentation für Menschen wir uns.

      Ich wünsche dir alles Gute – denn deine Erkrankung ist ja schon eine große Belastung und du musst nochmal mehr aufpassen als ich. Ich hoffe, dass du gut geschützt durch diese unsichere Zeit kommst.

      Viele liebe Grüße sendet dir
      Klappentexterin

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  2. Elke Schneefuß

    Schöne Rezension, ein Buch , zu dem ich von allein vielleicht nicht gegriffen hätte. Die Krankheit AIDS schien weit weg, dabei geht es ja nicht nur um die um die jeweilige Krankheit, sondern um die Emotionen, die lebensbedrohende Krankheiten auslösen. Sehr passende Empfehlung also zum Zeitgeschehen, finde ich…

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    1. Klappentexterin Autor

      Liebe Elke,
      ein bisschen verspätet, winke ich dir lächelnd zu und danke für deine Wortmeldung! Ich habe kurz gezögert, aber dann begann ich das Buch und konnte nicht mehr aufhören, war derartig berührt und begeistert, dass ich dem Werk noch mehr Leser*innen wünsche.

      Ganz liebe Grüße
      Klappentexterin

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