Es ist aus. Fangen wir an.

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Der unbestechliche Autor: Jonathan Franzen / Foto: © Beowulf Sheehan

Sozusagen aus aktuellen und technischen Gründen bleibt die Ethik zunächst auf diesem Blog. Ist ja auch nicht fehl am Platze. Beginnen wir gleich mit einem Bestseller. Dann auch noch mit einem, auf den wir uns alle einigen können, kollektiv bei jedem Wort, jedem Satz und jeder Konklusion zustimmend mit dem Kopf nicken können. Genau so einer ist Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen? von Jonathan Franzen. Aber auch nur auf den ersten Blick, schließlich haben wir es bei Franzen mit einem Intellektuellen zu tun, der vor unbequemen bis radikalen Forderungen nicht zurückschreckt.

Hier unterscheidet er sich deutlich von mehr oder weniger bekannten Fernsehgesichtern, die ihre Popularität nutzen, um die Gorillas, den Regenwald oder gleich den ganzen Planeten zu retten. Wer hilft hier wem? Ebenso hat Franzen keine Sponsoren, die ihm zur Seite stehen, keine Ausrüster von sogenannter Funktionskleidung oder Hersteller klebriger Brause, hinter deren Engagement ebenso nie und nimmer eine echte Besorgnis um den Zustand der Welt liegt, sondern stets knallharte wirtschaftliche Interessen.

Insofern können wir Jonathan Franzen glasklar und lupenrein als unbestechlich bezeichnen, als einen Literaten, einen nachdenkenden Menschen, der sich echt und wahrhaftig um unsere Erde sorgt. Ein Unterfangen, was er mit einer gewissen Beharrlichkeit betreibt, denn bereits mit seinem vor zwei Jahren erschienenen Essay Rette, was du liebst hat er sich neben viel Zustimmung auch eine Menge Feinde eingehandelt. Vor allem in den USA, seinem Heimatland, wo man es mit der persönlichen Freiheit sehr genau nimmt, vor allem, wenn es die eigene ist.

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Eine typisch amerikanische Vorstadt. Sieht bei uns aber auch nicht besser aus.
Foto: Public Co auf Pixabay

Franzen wurde beschimpft und bedroht. Wie das heute so üblich ist, wenn man unpopuläre Wahrheiten ausspricht. Aber, was ist das eigentlich diese Persönliche Freiheit? Wir können es auch Freier Wille nennen, ein Begriff, den nicht erst Schopenhauer mit einem großen Fragezeichen versehen hat. Und er ist derjenige gewesen, der ziemlich erfolgreich dargelegt hat, warum dieser Wille eine Illusion ist.
Freier Wille bedeutet ja, aus eigenem Antrieb eine bewusste Entscheidung treffen. Aber wie bewusst ist eine Entscheidung noch, wenn der Mensch heillos in diverse Abhängigkeiten verstrickt ist? Ob sie nun selbst geschaffen sind oder dem berühmten sozialen Druck entspringen.

Ein paar Beispiele? Bittesehr: Immer mehr Besitz anhäufen, immer mehr Natur für Wohn- und Gewerbeflächen vernichten, überdimensionierte Autos fahren und massig Fleisch aus Massentierhaltung essen, in den sogenannten sozialen Netzwerken überpräsent sein, Urlaub auf dem Kreuzfahrtschiff. Solche Dinge. Dinge, die in unserer modernen Welt nicht eben weniger geworden sind. Das zweifelhafte Gesetz vom ewigen Wachstum.

Und wenn wir uns den Titel des ersten Essays von Franzen noch einmal ganz bewusst vor Augen führen: Rette, was du liebst. Würde das nicht jeder tun? Sich selbst, Ehefrau oder Ehemann, Freund oder Freundin, Kinder? Aber gerade die Menschen, die die Ressourcen unserer Erde gern und oft, bewusst oder gedankenlos, plündern, gerade die sind haben doch in vielen Fällen auch Familie, Freunde, Kinder. Da stellt sich die Frage: Lieben sie das alles wirklich? Lieben sie das Leben wirklich? Dazu fällt mir ein Zitat von Michel Houellebecq ein: „Eine seltsame Idee, sich fortzupflanzen, wenn man das Leben nicht liebt.“

Nun ist es wohl so, dass sich einige Entscheidungen reflexartig ergeben – als perfekt eingespielte Verhaltensmechanismen, die sich in die DNA vieler Menschen eingebrannt hat. Was sie natürlich ausrechenbarer und auch leichter manipulierbar macht. Wenn das Gros der Menschheit das Leben lieben würde, würde es gleichzeitig die Erde, auf der sie leben, besser behandeln. Oder zumindest ihr Verhalten ändern, wenn sie mitbekommen, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Alleine zum Wohl ihrer Kinder oder Enkel.

Franzen ist da nicht besonders optimistisch: „Es besteht die einzige Hoffnung, die Zahlen des Weltklimarats zu erreichen, im radikalen Umbau von beinahe jedem Aspekt unseres täglichen Lebens. Was … sozialer Sprengstoff wäre. In Amerika könnte die Folge buchstäblich ein Bürgerkrieg sein.“ Schon Trump hatte bekanntlich großen Erfolg damit, über Social-Media-Kanäle zu verbreiten, dass „Hillary (Clinton) euch die Waffen wegnehmen will.“ Dazu die Pick-Ups! Das tägliche Steak! Setzen wir hier die Worte Tempolimit, SUV und Schnitzel ein, könnten auch eine Menge deutscher Mitbürger wütend werden. Sind sie es nicht längst? Wie Kinder, denen man ihre Schnuller wegnimmt.

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Kaiserpinguine beobachtet Franzen besonders gern. Solange es sie noch gibt.
Foto: Siggy Nowak auf Pixabay

Der Autor resümiert in einem ebenfalls lesenswerten Interview, das in diesem kleinen aber wichtigen Buch enthalten ist: „Das Spiel ist aus. der Petro-Konsumismus hat gewonnen.“ Trotzdem beobachtet er weiterhin Vögel, hält flammende Reden gegen das gigantische Aussterben von Arten auf unserem Planeten und will sich nicht dem puren, pechschwarzen Pessimismus hingeben: „Ich schätze das Leben, und ich tue, so viel ich kann, für die Menschen und die Orte und die Tiere, an denen mir liegt.“ Ein Bekenntnis für das Leben. Ein Appell an uns alle, ein wenig unser Verhalten zu ändern, etwas abzugeben, sein zu lassen, damit es doch noch so etwas wie Zukunft gibt. Weniger Ego, mehr Vernunft und Verantwortungsbewusstsein. Ob die aktuelle Krise hilft? Wir werden sehen, zum jetzigen Zeitpunkt kann jede Prognose nur falsch sein, da wir auf der einen Seite stumpfsinnigen, zum Teil sogar aggressiven Egoismus beobachten können, auf der anderen aber auch selbstlose Solidarität.

„Sie glauben aber doch …, dass die Pest ihr Gutes hat, dass sie die Augen öffnet, dass sie zum Denken zwingt!“ So beschwört einer der Protagonisten bei Camus Erkenntnis und Menschlichkeit. Gut, zum Glück ist es gerade nicht die sprichwörtliche Pest, aber trotzdem eine für viele von uns bisher nicht gekannte Situation. Fürs Erste bleibt nur, das Mehr an Zeit sinnvoll zu nutzen, nachzudenken und zu lesen.

Wer sie noch nicht hat, dem sei nun diese kleine Bibel für Menschen mit Herz und Hirn empfohlen. Besser kann man jedenfalls im Augenblick 8,- € nicht anlegen als in diesen Bestseller.

Cover _FranzenJonathan Franzen: Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen? Gestehen wir uns ein, dass wir die Klimakatastrophe nicht verhindern können. Aus dem Englischen von Bettina Abarbarnell. Mit einem Interview mit Wieland Freund. Rowohlt, 2020, 60 Seiten, 8,- €.

2 Gedanken zu „Es ist aus. Fangen wir an.

  1. Pingback: Bittersüßer Bloggeburtstag. | Klappentexterin und Herr Klappentexter

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