Wiederentdeckt: Die Sprache der Straße.

Hoffnung – immer wieder spüre ich sie. Sie leuchtet durch die Buchseiten hindurch, ausgeatmet von der Protagonistin dieses beeindruckenden Romans. Lutie Johnson heißt diese tapfere Kriegerin, die immer an das Gute glaubt, obwohl um sie herum so viel Hoffnungslosigkeit ist. 1946 erschien The Street von Ann Petry erstmalig und wurde ein Überraschungserfolg, der sich über 1,5 Millionen Mal verkaufte. Überraschend seinerzeit deshalb, weil er von einer afroamerikanischen Autorin verfasst wurde. Nun liegt das Werk in einer deutschen Neuübersetzung vor. Und hat – leider – bis heute wenig von seiner Aktualität verloren.

Bereits die ersten Seiten wirbeln einen mächtig auf, genau wie der dort beschriebene Novemberwind. Lutie Johnson ist alleinerziehende Mutter und sucht für sich und ihren Sohn eine neue, möglichst billige Bleibe. Sie wird fündig, als sie ein durch die Böen hin- und herwippendes Schild entziffern kann. Aber bereits bei der Besichtigung hat die junge Frau ein mulmiges Gefühl. Nicht nur, dass die Wohnung selbst eher finster und überhaupt nicht einladend ist, es kleben an ihr auch noch die gierigen Augen des Hausmeisters wie Leim. Nur – was soll sie machen? Bei ihrem Vater, seiner anstrengenden Lil und all den anderen Untermietern bleiben? Aber sie will es für sich und ihren kleinen Sohn Bubb doch besser haben. Scharf und bisweilen sogar ein wenig amüsant beobachtet und kommentiert Lutie ihre oft tristen wie entwürdigenden Erlebnisse. Ein literarischer Kniff der Autorin, die so der oft düsteren Stimmung die Schwere entzieht.

Nun gut, Lutie nimmt die Wohnung, zahlt selbstbewusst die Anzahlung und denkt in Richtung des Hausmeister: »Wenn er glaubt, sich darüber hinaus an seine Mieterinnen ranmachen zu müssen, tja, wir sind in New York, wir schreiben das Jahr 1944, völlig verwildert sind die Straßen bisher nicht, und auf die Polizei ist noch halbwegs Verlass.«

Foto: Ann Petry / © Carl Van Vechten/Yale Collection of American Literature, Beinecke Rare Book and Manuscript Library

Neue Wohnung, nun wird alles gut – so möchte die Leserin zumindest denken. Und Lutie in ihrem Mantra zustimmen: »… es gibt nichts, was ich nicht schaffen kann.« Doch Ann Petry erzählt uns kein Märchen, sie lichtet das ab, was Realität ist in Harlem, in den USA, gestern wie heute. Sehr berührend erzählt sie von den Missständen, oft stockt einem der Atem. Zum Beispiel, wenn ich stumme Zeugin davon werde, wie eine Mutter versucht, ihrem Sohn den Rassismus zu erklären. Woran sie naturgemäß scheitert, weil menschenunwürdiges Verhalten nicht erklärt werden kann, schon gar nicht einem Kind. Die 116th Street ist eh ein hartes Pflaster, besonders natürlich für junge Frauen, die nach Einbruch der Dunkelheit Männern begegnen. Wie Lutie in dieser Bar, wo sie eines Abends einfach so singt. Einem Kerl namens Booth Smith gefällt ihre Stimme, er will sie für seine Band gewinnen und lockt mit guter Gage. Aber kann sie ihm wirklich vertrauen?

Was den temporeichen Roman auszeichnet, ist seine großartige Vielstimmigkeit. Sie setzt unerwartet ein – plötzlich verstummt Lutie, und man findet sich plötzlich in der Wohnung des aufdringlichen Hausmeisters wieder. Wirklich überraschend, und Ann Petry geht noch weiter: Sie nimmt einen mit in das Innenleben dieses unsympathischen Mannes. Das macht sie mit nahezu jeder Figur, die in dieser Geschichte rund um Lutie auftaucht. Die Autorin beschreibt nicht nur das Leben all dieser Menschen, sie zoomt sich direkt in ihre Köpfe, bringt uns ihre Sicht nahe, zeigt uns ihre Gedanken und Erfahrungen. Klug, sehr klug ist das, wenn gleich mitunter natürlich auch verstörend. Trotzdem sind diese Perspektivwechsel wichtig, geradezu elementar für diese beeindruckende Geschichte. Sie holen mich aus der Sprachlosigkeit zurück und verleihen dem Buch eine authentische Menschlichkeit.

Lutie jedenfalls begeistert mit ihrem Kampfgeist und ihrem festen Glauben an das Gute. Aber kann ihre Hoffnung all dem Hässlichen standhalten, wird sie tatsächlich den Absprung in ein besseres Leben schaffen? Die Antwort darauf findet ihr in dieser literarischen Wiederentdeckung.

Ann Petry: Die Straße. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Uda Strätling. Mit einem Nachwort von Tayari Jones. Nagel & Kimche, Februar 2020, 383 Seiten, 24.- €.

Auch meine geschätzte Blogger- und Buchhändlerkollegin masuko ist von diesem außergewöhnlichen Werk angetan. Lest hier ihre lesenswerte Rezension.

4 Gedanken zu „Wiederentdeckt: Die Sprache der Straße.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s