Von beeindruckender Größe: der beste Freund des Menschen.

Neulich, so schien es, hatte mich die Schreibblockade gepackt. Jegliche Lust am Rezensieren war mit dem steifen Wind über die Nordsee verflogen. Bis zu jenem Sonntag, an dem ich Der Freund von Sigrid Nunez aufschlug und anfing, darin zu lesen. Von Seite zu Seite spürte ich mehr, wie die leuchtende Kraft der Inspiration aus ihrer unfreiwilligen Pause zurückkam.

Bald hüpfte ich durch die Wohnung und versuchte, die Horde herumgaloppierenden Pferden in meinem Geist zu zähmen. Nun sitze ich am Computer, die Pferde haben sich mittlerweile beruhigt, zupfen gemächlich am Gras und blicken mich mitunter an. Als würden sie sagen: Los mach schon! Schreib, was du zu schreiben hast. Also tippe ich, erst vorsichtig und schließlich immer schneller, Sätze über ein Buch, dem ich sehr viel verdanke.

Der Freund ist bereits das siebte Werk der amerikanischen Schriftstellerin Sigrid Nunez, so dass wir es hier mit keiner gefeierten Newcomerin zu tun haben. Nunez‘ Buch hat ganz ohne Hype in Amerika für Furore gesorgt und wurde mit dem renommierten National Book Award ausgezeichnet. Im geschätzten Aufbau Verlag erscheint der Roman nun auf Deutsch, und ich hoffe sehr, dass die Autorin nun auch bei uns begeisterte Leser finden wird. Ein Anfang ist gemacht: Das Werk hat es bei uns bereits auf die Spiegel Bestsellerliste geschafft.

Und das völlig zu recht, denn die Lektüre ist sehr berührend, ohne kitschig zu sein. Sigrid Nunez erzählt mit einer Leichtigkeit über das schwere Thema Tod. Die New Yorker Ich-Erzählerin hat kürzlich ihren besten Freund verloren. Und nun? Ist er tot und hat ihr seinen Hund hinterlassen. Nicht irgendeinen Hund, sondern eine 80 Kilo schwere Dogge namens Apollo.

Bild von JodesJ auf Pixabay

Die Ehefrau des Verstorbenen  kann Apollo nicht nehmen, daher bittet sie die Erzählerin nun, den Hund zu adoptieren. Weil er zu Hause auf sein Herrchen wartet. Und in der Hundepension will sie ihn nicht lassen. Das bricht unserer Heldin das Herz, also sagt sie zu. Und das obwohl es eigentlich ganz und gar unmöglich ist, denn zum einen ist ihre 45 Quadratmeter Wohnung viel zu klein für das riesige Tier, zum anderen darf sie überhaupt keinen Hund halten. Als der Hausmeister Apollos Anwesenheit registriert, meldet er dies der Hausverwaltung, und schon landet eine erste Verwarnung in ihrem Briefkasten. Doch unsere Protagonistin unternimmt erst einmal nichts, hofft auf ein Wunder.

Und widmet sich ausgiebig ihrem neuen Mitbewohner. Sie beobachtet den trauenden Hund, sucht dabei nach Antworten und Halt. Diese findet sie in der Literatur und lässt uns unmittelbar daran teilhaben. Nicht nur die Frage nach der Trauerbewältigung treibt die Erzählerin um, das Schreiben nimmt ebenfalls eine bedeutende Rolle in ihren Reflexionen ein. Das liest sich geistreich, ist bereichend und mitunter sehr, sehr tröstlich. Ich denke hierbei an das Zitat von Rainer-Maria Rilke: »Alles Schreckliche braucht unsere Liebe.« Übrigens ist Rilke nur einer von vielen bekannten Schreibgrößen, die in diesem Werk zu Wort kommen.

Bild von Martin Tajmr auf Pixabay

Aber wie kann Apollo getröstet werden? Mit Musik klappt es nicht. Eines Tages dann eine erstaunliche Entdeckung: »Von dem Stapel Bücher auf dem Tisch nehme ich Rilkes Briefe an einen jungen Dichter, ein Buch, das ich in einem meiner Seminare durchnehme. Ich schlage es auf, beginne laut zu lesen. Nach ein paar Seiten zeichnet sich ein Lächeln auf Apollos Gesicht ab, eine halb geöffnete Schnauze, die man ständig bei anderen Hunden sieht, aber besorgniserregend selten bei ihm.«

Von solchen berührenden Szenen gibt es einige in diesem erstaunlichen Buch, das sich nicht in ein Genre pressen lassen möchte. Aber es braucht auch gar keine Schublade, denn Der Freund ist sich selbst genug und von einer leuchtenden Energie durchwoben. Einigen wir uns darauf: Dieses Buch ist wie ein guter Freund – eine tröstende Hand voller Lebendigkeit und Zuversicht.

Sigrid Nunez: Der Freund. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Anette Grube. Aufbau Verlag, Januar 2020, 235 Seiten, 20,- €.

4 Gedanken zu “Von beeindruckender Größe: der beste Freund des Menschen.

    1. Liebe Xeniana,

      hab lieben Dank, das freut mich! Ich empfehle dir das Buch, weil es einfach unglaublich gut tut, trotz des traurigen Themas. Und nicht ohne Grund läuft es dir nun schon zum 2. Mal über den Weg. 😉

      Liebe Grüße
      Klappentexterin

      Gefällt 1 Person

  1. Liebe Klappentexterin,
    Das ist doch eigentlich genau mein Thema: ein Hund im Buch. Aber meist bin ich erst einmal sehr skeptisch, denn die Sache mit den Hunden ist mir zu wichtig, als dass ich sie irgendeinem besonders dramatischen literarischen Schnickschnack überlassen möchte. Aber so, wie du über den Roman schreibst, sollte ich es vielleicht doch wagen, ihn zu lesen.
    Viele Grüße, Claudia

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Claudia,

      ja, allein schon deshalb wäre das Buch wie für dich geschaffen. Auch wenn Apollo eine wichtige Rolle einnimmt, geht es um noch so viel mehr. Und die Hundeszenen sind derart bezaubernd, überhaupt nicht kitschig.

      Es ist ein wirklich kluges, nachdenkliches Buch, das dennoch mit einer Leichtigkeit geschrieben ist. Kurzum: Ein Buch zum Gernhaben und immer wieder Aufschlagenwollen.

      Ganz liebe Grüße,

      Klappentexterin

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