Pferde und Bücher. Gibt´s nur zu Weihnachten.

IMG_3450Tja, da dachte man nun, man wäre bis ans Ende seiner Tage ein staatlich geprüfter Großstadtneurotiker. Aber dann veränderten sich die Städte und wurden zu Kampfzonen. Besonders die besonders große Stadt, in die ich mich schon als Kind verknallt und die ich immer wie den Weihnachtsbaum angestaunt hatte. Wie haste dir verändert! Vom Abenteuerspielplatz zum Monopoly für alle Spielarten von Kapitalisten. »Keiner, der vom Profitsystem profitiert, vermag darin ohne Schande zu existieren.« Selbstverständlich hat Adorno recht. Und ich werde zu einem späteren Zeitpunkt an dieser Stelle noch ausführlicher auf diesen geistreichen und scharfsinnigen Mann zurückkommen. In jedem Fall ist das derzeitige Treiben des Turbokapitalismus nun mal der Lauf der Dinge, auch wenn es ein unangenehmer und ungerechter Lauf ist.

Wie gut, wenn der Mensch trotzdem noch Wahlmöglichkeiten hat. Wir hatten Sie, zum Glück. Leben am Meer, das ist ein Glück. Weites Land, weiter Himmel, weites Meer. Ich bin angekommen. Und was macht der Großstadtneurotiker hier? Er fängt an, mit Pferden und Schafen zu reden. Und die denken sich: »Wer ist dieses seltsame Wesen ganz in Schwarz, das da mit uns spricht in einer Sprache, die wir nicht verstehen?« Genau weiß man das natürlich nicht. Ganz genau wissen wir jedoch, dass übermorgen Weihnachten ist. Wer also auf die letzte Minute ein gutes Buch sucht, dem seien hier noch fix ein paar empfohlen. Kann man sich aber auch nach Weihnachten kaufen, wenn´s zum Feste Geld gab.

***

Zeche zahlen

Sorj Chalandon_Am_Tag_DavorDieser Roman wurde bereits im Literarischen Quartett zu Recht von allen Seiten gelobt. Und ihm wären wirklich viel, viel mehr Leser zu wünschen. Der Autor Sorj Chalandon zählt bei uns eher zu den Unbekannten, in Frankreich ist er eine feste Größe der zeitgenössischen Literatur. Am Tag davor erzählt im Rahmen eines tatsächlichen Unglücks eine ergreifende Geschichte über zwei Brüder, über Rache, Schuld und die unglaubliche Kraft der Verdrängung.

Das Unglück geschieht am 27. Dezember 1974 auf der Zeche Saint-Amé. 42 Bergleute sterben. Aber was ist am Tag davor geschehen? Dem Tag, an dem Michel wie immer seinen großen Bruder Joseph anhimmelt und mit ihm eine abendliche Spritztour auf dem Moped unternimmt. Kein Tag wie jeder andere, und das Leben von Michel ist nach dem Unglück erst recht völlig aus den Fugen geraten. »Michel, räche uns an der Zeche.« Die letzten Worte des Vaters begleiten Michel sein ganzes Leben lang, bis er eines Tages tatsächlich an den Ort des Geschehens zurückkehrt. Was dann geschieht, ist atemberaubend erzählt und von großer menschlicher Tragik. Für Rache zahlt man meist einen hohen Preis, einen zu hohen. Für mich der Roman des Jahres. Glaubt mir – ihr werdet nicht enttäuscht sein!

Sorj Chalandon – Am Tag davor. Aus dem Französischen übersetzt von Brigitte Große. dtv, 2019, 320 Seiten, 23,- €

***

Auf Leben und Tod

Der Tod ist ja nicht zu fürchten, da einem die schlimmsten Dinge bekanntlich zustoßen, solange man lebt. Aber was geschieht eigentlich nach dem Tod? Der Biologe Bernd Heinrich hat dazu in der wunderbaren Reihe Naturkunden vom geschätzten Verlag Matthes & Seitz ein höchst informatives wie unterhaltsames Buch veröffentlicht. Leben ohne Ende lautet der Titel, aber im Mittelpunkt steht der Tod. Ein Widerspruch? Nur für uns westliche Menschen, die wir irgendwann angefangen haben, unsere Toten mit möglichst viel biblischem Brimborium zu bestatten.

Bernd_Heinrich_Leben_ohne_Ende

Biologisch gesehen ist der Tod stets auch der Anfang von neuem Leben. Solange man die Wesen nicht in einer Holzkiste im Boden verscharrt oder die Asche in eine Art verschlossener Vase packt. Das Buch beginnt denn auch eindrucksvoll mit der Bitte eines todkranken Freundes, ihm eine Himmelsbestattung zu schenken. Was nichts anderes bedeutet, als dass man den Körper nach seinem Lebensende wieder in den Kreislauf der Natur entlässt, sprich: Man lässt sich von Tieren beseitigen. Dies sind im Normalfall die mir schon immer höchst sympathischen Raben und die nicht minder interessanten Geier. Eine Bestattungsart, die eigentlich nur in Tibet und Nepal aufgrund des permanent gefrorenen Bodens üblich ist. In der westlichen Welt ist dies schlichtweg illegal.

Dabei bestätigt das Buch von Bernd Heinrich die nicht neue, aber hier eindrucksvoll untermauerte Tatsache, dass wir Menschen auch nur Tiere sind. Und zwar die allerschlimmsten Prädatoren und Aasfresser, die diese Erde je gesehen hat. Denn, machen wir uns nichts vor, Leute, ein Steak ist ein Stück totes Tier. Also Aas. Hol uns die Geier!

Bernd Heinrich – Leben ohne Ende. Matthes & Seitz, 2019, 203 Seiten, 34,- €

***

Wer wie was

Pressebild_TomiUngerer_cFoto-Gaetan-BallyKEYSTONE_72dpi
Foto: © Gaeton Bally

In diesem Jahr gab es einen entsetzlichen Verlust zu beklagen – den Tod von Tomi Ungerer. Doch, manchen Menschen möchte man so etwas wie ein ewiges Leben gönnen, weil sie einfach eine Bereicherung für diese Welt darstellen. Tomi Ungerer war einer dieser Zeitgenossen, irgendwie schon immer da und man mochte ihn nicht missen, weil er uns zuverlässig mit guten Geschichten fütterte. Sei es nun in seinen Büchern, in Interviews oder Ausstellungen.

Tomi_Ungerer_Dies_und_DasUngerer war Zeit seines Lebens ein Universalgenie, ein begnadeter Zeichner wie Texter, er konnte Menschen mit einer spitzbübischen und spöttischen Art begeistern, so sie denn nicht gerade Gegenstand seines Spottes waren. Wobei solche Menschen selten zu den Sympathen gehörten. Tomi Ungerer blieb auf seine Weise und in positiver Hinsicht stets ein Kind, neugierig und kreativ bis ins hohe Alter. Und wenn man seiner Tochter Aria Ungerer Glauben schenken möchte – und nichts spricht dagegen –, hatte dieser lebenshungrige Mann einen schönen Tod. Mitten in der Arbeit, mit Stift und Notizbuch in der Hand. Zumal er aufgrund von schweren Erkrankungen und drei Nahtoderfahrungen bereits ein entspanntes Verhältnis zum Ende des Lebens hatte. »Ich lebe mit einer Sehnsucht des Todes«, hat er einmal gesagt.

Und wer von euch Sehnsucht nach seinem Humor hat, dem sei Dies und Das empfohlen, sein aktuelles Bilderbuch. Von einem und für große Kinder. Und ich glaube, sogar schon für kleinere. Berührend und bezaubernd.

Tomi Ungerer – Dies und Das. Diogenes, 2019, 40 Seiten, 20,- €

***

Literarisches Schwergewichtsboxen

Volker Weidermann entwickelt sich langsam zum Chronisten der deutschen Literatur. Mit Grass und Marcel Reich-Ranicki hat er sich nun in seinem neuesten Werk Das Duell die beiden Schwergewichte der deutschen Nachkriegsliteratur vorgenommen. Genauer – ihre jahrzehntelange Rivalität, diese ganz besondere Beziehung, die Grass einmal in das hübsche Bonmot packte: »Es gibt Ehen, die werden auf keinem Standesamt besiegelt und auch von keinem Scheidungsrichter getrennt. Ich werde ihn nicht los, er wird mich nicht los.«

Volker_Weidermann_Das_Duell

Man erfährt viel über die spannende Zeit kurz nach dem Krieg, als die legendäre Gruppe 47 entstand. Und überhaupt jede Menge aus dem Literaturzirkus. Gut, einiges aus dem Leben von MRR kannte man schon aus seiner Autobiografie, aber was waren das für Leben, was hatten diese beiden Männer schon früh und auch später alles auszuhalten! Aber das schönste Zitat stammt ausgerechnet nicht von den beiden Platzhirschen, sondern vom unsterblichen Joseph Roth: »Ich bin ein Franzose aus dem Osten, ein Humanist, ein Rationalist mit Religion, ein Katholik mit jüdischem Gehirn, ein wirklicher Revolutionär.« Weltbürger, herrlich! Wie auch immer: Diese Doppelbiografie ist die ideale Lektüre für die Feiertage, denn sie langweilt und quält einen nicht. Im Gegensatz zu vielen weihnachtlichen Verpflichtungen.

Volker Weidermann – Das Duell. Kiepenheuer & Witsch, 2019, 320 Seiten, 22,- €

***

Zeitlose, verlorene Zeit

Und wer sich nun zur sogenannten besinnlichen Zeit auf etwas ganz Großes besinnen möchte, der greift natürlich – zu Proust! Wie oft habe ich das Jahrhundertwerk Auf der Suche nach der verlorenen Zeit schon begonnen und stets wieder abgebrochen. Nun scheine ich einen Durchbruch erzielt zu haben, denn ich befinde mich bereits auf der Zielgraden von In Swanns Welt, dem ersten Teil dieser epochalen Geschichte über die Erinnerung, die Liebe, das Leben (mittlerweile neu benannt in Unterwegs zu Swann). Und bin sozusagen eingetaucht in eine der berühmtesten Passagen der Literaturgeschichte, die mit der Madeleine, ihr versteht.

Marcel_Proust_In_Swanns_WeltWas ganz besonders gut funktioniert und bereits einen Vorgeschmack auf den epischen Stil von Proust gibt, ist, wenn man die ersten zwanzig, dreißig Seiten im Bett liest. Denn dort beginnt dieser Bewusstseinsstrom auch, eine einzige literarische Meditation über den Schlaf, das Aufwachen und insbesondere die Unmöglichkeit, in den Schlaf zu finden. Klingt doch zeitgemäß, oder? Überhaupt ist dieser Proust überraschend modern und zeitlos. Las man doch in den vergangenen Jahren immer mal wieder, dass das ganze Werk ein wenig überzuckert, gouvernantenhaft und salongeschwängert sei. Blödsinn. Sicher, niemand darf vergessen, wann und von wem es geschrieben wurde.

Aber diese Sprache, diese Bilder! Ich muss gestehen, dass ich bisher nichts Vergleichbares gelesen habe. Einmal ganz zu schweigen von dem, was man uns als neu und noch nie dagewesen verkaufen will. Aber lest selbst, ein kurzer Ausschnitt: »Vielleicht hätte sie das Böse nicht für einen so außergewöhnlichen, seltenen, aus allen Gewohnheiten herausführenden und dadurch erholenden Zustand gehalten, wenn sie in sich selbst die auch in allen anderen Menschen vorhandene Gleichgültigkeit gegen Leiden, die man schafft, erkannt hätte…« Das ist Proust, das ist Weltliteratur.

Marcel Proust – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Frankfurter Ausgabe. Drei Bände in Kassette. Suhrkamp Verlag, 5200 Seiten, 49,95 €

***

Goldrausch

Gold ist schön anzuschauen, ohne Zweifel. Aber seien wir ehrlich – es ist auch ein schmutziges Geschäft, an jedem noch so funkelndem Goldgeschmeide klebt Blut. Jeder Goldrausch hatte für die meisten Menschen, die sich ihm hingaben, und nicht zuletzt für die Umwelt, fatale Folgen. Früher und heute immer noch.

Sebastião Salgado_Gold

Wie schmutzig und wie verheerend das Geschäft und das Geschürfe von Gold ist, dies lässt sich auf intensive Art erfahren, wenn man den Bildband Gold von Sebastião Salgado zur Hand nimmt und sich diese schier unfassbaren Fotos aus einer der damals größten Goldminen der Welt anschaut. Manchmal wirst du das Gefühl nicht los, dass du ein Bild von Hieronymus Bosch vor dir hast. Diese fiebrige Gier nach Gold und dem Geld, gepaart mit den entsetzlichen Mühen, mit Leid und Schmerz, das ist in dieser Form natürlich große Kunst. Was soll man zu Salgado noch sagen? Nicht nur ein atemberaubend guter Fotograf, sondern auch ein eindrucksvoller Mensch, der 2019 völlig zu Recht mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde. Wer sich diesen beeindruckenden Bildband, erschienen bei Taschen, im deutschen Buchhandel holt, der trägt auch ein wenig mit zum Weltfrieden bei.

Wie, ihr habt noch ein paar Barren von dem Zeug im Keller oder Schmuck von der Großmutter in der Schublade? Alles verkaufen! Gebt den Erlös den Armen! Oder prekären Bloggern, die sich ein Pferd davon kaufen und dann in einen goldenen Sonnenuntergang reiten. Friede auf Erden!

Sebastião Salgado – Gold. Taschen, 208 Seiten, 50,- €

2 Gedanken zu “Pferde und Bücher. Gibt´s nur zu Weihnachten.

  1. Liebe Klappentexterin, ich wußte es schon immer mit Pferden zu sprechen beruhigt und gute Bücher regen an. Danke für Deine schöne Auswahl. Am Tag davor kommt auf die Bücher Liste.
    Erholsame Feiertage und Viele Grüße aus der Großen Stadt

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s