Ein Lied von Heimat und Freundschaft.

Wie muss es sich anfühlen, wenn man seine Heimat verloren hat und sie nicht einmal mehr besuchen kann? Wohin mit all der großen Sehnsucht, die in den Tiefen des Herzens vibriert und ein trauriges Lied singt? Schreiben mag eine Möglichkeit sein. Ein Weg zumindest, den Elif Shafak geht, und ich bin ihr äußerst dankbar dafür, dass sie ihr Heimweh mit der Kraft der Literatur lindert. »Unerhörte Stimmen« lautet der Titel ihres neuen Werkes, und wir reisen zusammen in die Türkei, ihre verlorene und sehnsüchtig vermisste Heimat. In ihrem Buch verankert die Autorin nicht nur die Geschichte Istanbuls, sie setzt auch Andersdenkenden und Außenseitern ein ganz und gar lesenswertes Denkmal.

Die Geschichte beginnt mit dem Geräusch einer zuschlagenden Tür: Leila ist tot, aber ein Teil von ihr lebt noch. Ihre Seele kann noch nicht aus ihrem Körper hinausfliegen, denn es gibt vorher einiges zu erzählen. Ergreifende, geradezu unheimliche Momente voller Gewalt und Ungerechtigkeit. Das Wort Hoffnung hängt an einem seidenen Faden, ebenso die Erlösung. Die beiden Wörter verbinden Leila und ihre fünf Freunde mit Istanbul, wo die von der manchmal noch archaisch anmutenden Gesellschaft Verstoßenen in der Anonymität der Großstadt eintauchen und sich ein neues Leben aufbauen wollten. Doch Istanbul kann bisweilen ein kratzbürstiger Moloch mit teuflischen Zügen sein, ist aber selbst eine Stadt mit Wunden und Narben.

Bleiben wir bei den Protagonisten, denn die liegen mir besonders am Herzen – wie so oft bei Lieblingsbüchern. Da ist natürlich Leila, deren Schicksal bereits kurz nach der Geburt unter keinem guten Stern steht, beschließt ihr Vater doch, das Mädchen nicht von ihrer leiblichen Mutter, sondern von seiner ersten Frau großziehen zu lassen. Sie konnte bisher keine eigenen Kinder gebären, und seine neue, zweite Frau ist schließlich noch jung genug, um ihm weitere Kinder zu schenken.

So hängt über Leilas Seele von Anfang an eine dunkle Wolke, und auch an Zuneigung mangelt es. Im Sommer 1953 endet Leilas Kindheit abrupt, als ihr Onkel anfängt, sie zu missbrauchen. Anstatt ihrer Tochter später zu helfen, hegt die Familie einen unerhörten Plan. Ein Plan, der selbst mir als Leserin das Blut zu Eis gefrieren lässt. Flucht erscheint für Leila das einzige Mittel, und so gelangt sie nach Istanbul. »Mit Istanbul würde sie fertig werden, hatte sie geglaubt. Sie hatte sich vorgenommen, die Stadt mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. So ahnungslos war sie damals gewesen. Doch sie war kein David und Istanbul kein Goliath.«

So schneidig der Wind der Stadt am Bosporus mitunter sein mag, er hat für Leila auch immer wieder ein paar warme Sonnenstrahlen des Schicksals übrig. Menschen zum Beispiel, die genau wie sie in Istanbul ihre einzige Rettung sehen. Sie heißen Jamila, Nostalgie Nalan, Sabotage Sinan oder Hollywood Humeyra und Zaynab122, nicht zu vergessen ihre große Liebe D/Ali. Nach und nach füllt Elif Shafak die Namen mit Geschichten, die sehr berühren. Im Laufe der Geschichte wird aus den Außenseitern eine Schicksalsgemeinschaft, der Elif Shafak eine mutmachende Botschaft mit auf den Weg gibt: »Zwar ließ sich eine liebevolle, glückliche Blutsfamilie durch nichts ersetzen, doch wenn sie fehlte, konnte eine gute Wasserfamilie das Leid und den Schmerz fortschwemmen, die sich wie schwarzer Ruß im Inneren angesammelt hatten.«

Wie stark und großartig Freundschaft sein kann, zeigt uns die Autorin im letzten Drittel ihres mitreißenden Romans. Es hat geradezu filmreife Züge, derartig abenteuerlich und verrückt sind die Szenen, als die Gemeinschaft ihre Freundin retten will. Das Gesetz sieht für Verstoßene wie Leila den Friedhof der Geächteten vor, aber dies wollen ihre Gefährten nicht einfach hinnehmen und kämpfen trotz der niederdrückenden Trauer tapfer für Gerechtigkeit. Wird es den Fünf gelingen? Mal schauen. In jedem Fall bleibt es bis zuletzt spannend, und Elif Shafak begeistert wieder einmal mit ihrem besonderen Gespür für Menschen und ihre Geschichten.

Der im Exil schreibenden Autorin ist ein ergreifender und sprachgewaltiger Roman gelungen, der voller Liebe, Weisheit und Menschlichkeit das Lied von Freundschaft und Solidarität singt. Selbstverständlich ist er auch eine Liebeserklärung an die Menschen in ihrer Heimat, die sie voller Sehnsucht in ihrem Herzen bewahrt.

Elif Shafak: Unerhörte Stimmen. Aus dem Englischen übersetzt von Michaela Grabinger. Kein & Aber, Mai 2019, 432 Seiten, 24,- €.

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