Man kann nicht immer gewinnen.

© George Steinmetz, Über den Dächern von New York, DUMONT Kalenderverlag

Wenn etwas Großes zu Ende geht, ist nichts mehr wie es war. So auch bei 1200 Seiten Literatur, die ich gerade beendet habe. Auf der einen Seite ein Seufzer der Erleichterung, der aus den Tiefen des Bauches nach draußen strömt. Auf der anderen eine Träne, die über ein erhitztes Gesicht läuft und kurz für Abkühlung sorgt. Der Blick schweift durch das Fenster nach draußen, die Augen halten sich fest am frischen Grün der Bäume, am friedvollen Blau des Himmels. Das Jahr ist noch nicht einmal halb rum, aber ich habe das Gefühl, schon jetzt das wohl umfangreichste und erstaunlichste Buch dieses Literaturjahres gelesen zu haben.

Eben war es noch laut, jetzt ist es still. Wo sind sie hin – Mordecai, Owen, Max und Mischa? Hallo, wo seid ihr? Wo beginnen bei den 1200 Seiten? Und wo aufhören? Ich könnte eine ganze Menge über »Max, Mischa und die Tet-Offensive« von Johan Harstad berichten, muss mich jedoch bremsen. Und schon rufen sie »Hier sind wir!«, meine liebgewonnenen Protagonisten, und ich richte meinen Blick wieder zurück zum Buch, das zunächst wie ein Ziegelstein in der Hand liegt, aber beim Lesen zu einem geschmeidigen und wärmenden Vergnügen wird. Deshalb mag ich sie noch gar nicht gehen lassen, die Hauptakteure dieses Schauspiels, für das ich mir irgendwann eine Verfilmung wünschen würde, am liebsten eine nicht enden wollende Serie. Wohl wissend, dass die Bilder in meinem Kopf immer ihren ganz eigenen Charakter bewahren werden.

So, am besten starte ich mit den Protagonisten: Max, Mordecai, Mischa und Owen sind in den vergangenen Lektürewochen zu innig Vertrauten geworden. Daher lasse ich sie ungern los. So sehe ich Mischa vor einer Leinwand in ihrem Atelier in SoHo vor mir, wie sie schief singt. Mordecai, der grün im Gesicht ist und schmerzverzerrt auf der Theaterbühne steht. Hinter dem Vorhang schaut ihm Max zu und denkt nach. Woran? Sicher, wie herrlich verrückt sein bester Freund doch ist. Oder an seinen Vater, den er lange nicht gesprochen hat. Oder an seine Mutter, die er dringend wieder besuchen sollte. Von weiter hinten vernehme ich Klaviermusik. Owen! Er springt in dem Moment auf und rennt durch die 300qm große Wohnung im legendären Apthorp-Gebäude. Irgendwo hatte er doch seine Aufzeichnungen hingelegt. Verdammt, nur wo?

Oh ja, Johan Harstad ist ein Autor voller fantastischer Fabulierfreude und begeistert obendrein durch wechselnde Erzählperspektiven. Virtuos spielt er mit der Sprache, indem er mitunter Sätze wie Kaugummis langzieht, um sie am Ende in einem kurzen und prägnanten Statement, einem Funken gleich, explodieren zu lassen.

© Dennis Dirksen.

An anderer Stelle zoomt er sich mikroskopisch in die Köpfe und Seelen seiner Figuren. Kein Wunder, dass sie mir sehr schnell ans Herz gewachsen sind, und jeder von ihnen hat so seine extrem liebenswerten Eigenarten. Wir wachsen geradezu zusammen, dort in New York in der WG, wo ich mich während der Lektüre kurzerhand hingebeamt habe. Noch so ein Grund, weshalb mich das Buch in seinen Bann gezogen und lange Zeit nicht losgelassen hat. Während ich manchmal in die Realität entschwinden muss, geht das Leben zwischen den Buchdeckeln munter weiter. Nichts wirkt abgehoben, alle bleiben auf dem Boden. Es ist irgendwie erfrischend normal, und wiederum auch nicht. Wir bewegen uns stets voran, und nicht nur die Figuren wandeln sich, auch New York. Und wie!

2001 wird Big Apple schwer verletzt, und Johan Harstad öffnet die Wunde wieder. Er lässt mich den 11. September nochmals hautnah erleben. New York ist somit die fünfte Hauptfigur, die atmet, sich verändert und fast an einem Herzinfarkt stirbt. Manchmal schwenkt der Autor die Kamera an andere Orte: Zu Beginn sind wir in Norwegen, dem Heimatland des Autors und seines Ich-Erzählers Max. Später läuft auf der Leinwand Apokalypse Now – erst als Film, und dann stehe ich mit Owen im blutgetränkten Schlamm des Vietnamkrieges. Mischa verschafft mir in Kanada eine Atempause, bis wir hunderte Seiten weiter beim großartig verrückten Burning-Man-Festival durch die Wüste tanzen.

So setzt sich der Roman aus vielen kleinen Mosaiksteinen zu einem großen Gesamtkunstwerk mit riesiger Themenpalette zusammen. Johan Harstad erzählt davon, was es bedeutet, seine Heimat zu verlassen, um in einen neuen Land anzukommen. Die Kraft des Theaters und der Kunst bekomme ich erneut mit allen Sinnen zu spüren, wie die wärmenden Hände der Liebe und der Freundschaft. Zusammen bilden sie einen Rettungsschirm, dem kaum etwas anhaben kann, nicht mal das Ende eines so gewaltigen und faszinierenden Buches. Ein Buch, das für mich ein einziger, großer Gewinn war.

Johan Harstad: Max, Mischa & die Tet-Offensive. Aus dem Norwegischen übersetzt von Ursel Allenstein. Rowohlt, März 2019, 1244 Seiten, 34,- €. Das eBook kostet 29,99 €.

Weitere Besprechungen zum Buch findet ihr bei:

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8 Gedanken zu “Man kann nicht immer gewinnen.

  1. Liebe Klappentexterin,

    auch ich habe das Buch in einem Rutsch verschlungen und bin eingetaucht in die Welt von Max und Mischa. Tief beeindruckt habe ich das Buch am Ende zugeschlagen und musste erst einmal Luft holen. Welch großartige Literatur!

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  2. Das Buch liegt schwer in der Hand, wie ein Barren Gold, in etwa. Ich warte noch, weil ich im letzten Monat das Budget völlig ausgereizt habe. Trotzdem möchte ich, besonders nach deinen wunderbaren Zeilen, das Buch Tet-Offensive lesen und die Protagonisten, die dir so ans Herz gewachsen sind, kennenlernen. Vielen Dank für deine Mühe uns einen kleinen Einblick in diesen Wälzer zu verschaffen. LG, Tanja

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  3. Ich freu‘ mich, über ‚Stöckchen und Steinchen‘ auf diese Seite aufmerksam geworden zu sein. Mich anregen bzw. inspirieren zu lassen durch diese hervorragenden Buchbesprechungen, die die Leidenschaft für gute Literatur spürbar transportieren, nehme ich gerne an. Und auf explizit dieses Buch ‚Max, Mischa und die Tet-Offensive‘, das ich noch nicht kenne, bin ich jetzt wahnsinnig neugierig geworden ;-). Danke! Herzl. Gruß – Monika

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