Pianos, Paris und ein packender Plot.

Für gewöhnlich schrecken mich allzu umfangreiche Bücher meist ab, außer sie stammen von Nino Haratischwili oder Haruki Murakami. Warum? Nun, der Gedanke, mir könnten während der Lektüre andere Bücher entgehen, macht mich fast wahnsinnig. Ist natürlich alles Quatsch mit Soße, besonders in diesem Frühjahr, in dem mich ein Schwergewicht nach dem anderen fasziniert. So erklärt sich auch die kleine Winterpause auf dem Blog, die mittlerweile beendet ist und nachträglich mit Rezensionen meiner großen Lesefreuden gefüllt wird. Beginnen wir mit »Blinde Liebe – Die Verzückung des Brodie Moncur« von William Boyd, demnächst folgt Johan Harstads Meisterwerk »Max, Mischa & die Tet-Offensive«.

Das Cover des Buches mag zunächst etwas irreführend wirken, denn »Blinde Liebe« ist mehr, so viel mehr, als ein Roman über die Liebe. Ja, die knapp über 500 Seiten des mitreißenden Werkes erzählen auch eine Liebesgeschichte, sogar eine ziemlich faszinierende, die extremes Herzklopfen auslösen kann. Aber neben der reinen Lovestory reise ich als Leserin mit William Boyd durch das Europa Ende des 19. Jahrhunderts. Spannende Zeiten! Wir starten in Schottland, wo der hoch talentierte Klavierstimmer Brodie von seinem Chef erfährt, dass die Geschäfte in der Pariser Dependance des Pianoherstellers schlecht laufen und er ihn als stellvertretenden Filialleiter seinem Sohn zur Seite stellen will. Brodie macht seine ganz eigenen Erfahrungen und Entdeckungen in der Stadt der Liebe, obendrein hat er eine geniale Geschäftsidee. So kommt er in Kontakt mit dem brillanten Pianisten John Kilbarron, einem Künstler wie aus dem Bilderbuch – schillernd, mitunter recht anstrengend und umgeben von einer interessanten Frau. Besonders beeindruckt ist Brodie von der Lika. Femme Fatal! Und schon verwandelt sich der Roman in einen Krimi mit unglaublichen Spannungsmomenten, so dass ich beim Lesen in den sprichwörtlichen Sog gerate, der dazu führt, dass die Seiten des Buches regelrecht verschlungen werden.

William Boyd hat einen fabelhaften, packenden und atmosphärischen Pageturner mit Tiefgang geschrieben. Der Protagonist ist eine kluge und zutiefst sympathische Figur, die sich im Laufe der Geschichte wandelt, so dass von der anfänglichen Leichtigkeit später kaum noch etwas zu spüren ist. Das Schicksal meint es nicht immer gut mit Brodie, der nie wirklich sesshaft werden und ankommen wird, nein, er wird sogar zum Gejagten. Von Paris geht es über Nizza (wo Brodie eine Tuberkulose auskuriert) bis nach St. Petersburg. Und noch weiter, immer weiter… Wieso, warum, weshalb – das werde ich natürlich nicht verraten. Nur soviel: Keine Angst vor großen, dicken Romanen. William Boyd nimmt sie uns auf denkbar spannende und wunderbare Art und Weise. Lasst euch packen!

* Das Foto habe ich im Piano Centrum Leipzig in der Löhrstraße aufnehmen dürfen. Zudem konnte ich über den auskunfsfreundlichen Verkäufer Wissenswertes über die Geschichte der Klavierherstellung in der Stadt erfahren. Hier seht ihr ein Klavier der Gebrüder Zimmermann, die im Jahr 1890 ihre eigene Klavierfabrik in Leipzig eröffnet haben.

William Boyd: Blinde Liebe – Die Verzückung des Brodie Moncur. Aus dem Englischen von Ulrike Thiesmeyer. Kampa Verlag, März 2019, 505 Seiten, 24,- €.

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Ein Gedanke zu “Pianos, Paris und ein packender Plot.

  1. Das klingt fabelhaft und vielversprechend! Gerade habe ich Boyds „Die Fotografin“ gelesen, es hat mir gut gefallen. Jetzt freue ich mich um so mehr auf seinen neuen Roman! Danke für die schöne Rezension!

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