Natürlich fantastisch: Im weiten Land der Literatur.

Schließt kurz eure Augen und stellt euch eine warme, leuchtende Landschaft vor. Es summt, es raschelt, weit und breit keine Menschen, nur ihr und die wunderbare Welt der Natur. Genau so fühlt sich »Weites Land« an, die neue Graphic Novel von Catherine Meurisse. Die Autorin lässt mich erneut an ihrem Leben teilhaben, denn wir kennen uns ja bereits ein bisschen. In »Die Leichtigkeit« hat die Französin das Überleben nach dem Attentat von »Charlie Hebdo« verarbeitet. Sie kam zu spät zur Arbeit und genau das hat ihr das Leben gerettet. Nach einem ersten Aufatmen über ihre Rettung war sie jedoch wie gelähmt, spürte eine tiefe Ohnmacht, ihre Inspiration war plötzlich weg. Dieser Einschnitt hat Narben auf ihrer Seele hinterlassen, die sie mit der Kraft der Kunst zu überwinden versucht.

© Dargaud / Rita Scaglia

In ihrer neuen Arbeit richtet sie den Blick zurück in ihre Kindheit. Eines Tages folgen die Eltern einer Eingebung und ziehen mit ihren beiden Töchtern aufs Land in ein wirklich kleines Dorf. Der Hof ist ziemlich heruntergekommen, geradezu eine Ruine, kaum lebendiges Grün. Das stört Meurisses Eltern nicht, ganz im Gegenteil: Die Herausforderung spornt sie regelrecht an. Der Vater liebt das Mauern mit Naturstein und legt mit großer Sorgfalt Stein auf Stein, während seine Tochter ihm bewundernd zuschaut. Neue Beete entstehen und zahlreiche Ableger werden in den Boden gesetzt. Überhaupt ist Ableger ist ein magisches Wort in der Familie.

Marcel Proust – sozusagen ein literarischer Freund der Familie – hat auch in diesem Werk wieder seinen Platz. Es wird aus Swanns Welt rezitiert, und Meurisses Mutter hat sogar einen Ableger (da ist es wieder, das wichtige Wort!) von einer Rose, die sie von Prousts Haus in Illiers-Combray mitgebracht hat. Meurisses Vaters erfreut sich indes an einem Rosenstock aus dem Haus Montaignes.

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© Carlsen

Neben Ablegern spielt auch die Literatur eine große Rolle in »Weites Land«. So lerne ich Pierre Loti kennen, dessen Buch »Roman eines Kindes« immer wieder auftaucht. Auch Émile Zola hat einen Gastauftritt, allerdings kommt »Die Sünde des Abbé Mouret« nicht besonders gut weg. Denn in dem Werk blühen die Blumen zur falschen Jahreszeit, was die Mutter derart wütend macht, dass sie das Buch wegwirft. Und wusstet ihr, dass wenn die Quitte austreibt, es an der Zeit ist, Kartoffeln zu setzen? Das weiß nicht Zola, sondern Monsieur Meurisse.

So ein großes Fleckchen Erde ist für Kinder natürlich ein aufregender Spielplatz. Es gibt viel zu entdecken – nur, wohin mit all den Fundstücken? Ein Museum muss her! Die Mädchen schaffen kurzerhand ein eigenes, in dem sie stolz ihre Funde ausstellen: Schneckenhäuser, eine angebrochene Skulptur, alte Nägel – fein sortiert in Nägel Antik, Nägel Mittelalter und Nägel Prähistorisch. Und tatsächlich auch die Hinterlassenschaften von Tieren. Igitt? Aber nein! Als Leserin grinse ich nur und freue mich.

Allerdings findet sich nicht nur Leichtigkeit zwischen den Seiten. »Dieses Paradies zu verlassen barg das Risiko zornig zu werden.« Sobald die Familie ihr eigenes, kleines Paradies verlässt, wird sie mit lieblosen Neubauten und den Spuren der industriellen Landwirtschaft konfrontiert. Der Vater erklärt seinen Töchtern, was die Flurbereinigung für Folgen hat: Leerstand auf dem Land, keine Bäume, keine Sträucher. Und er berichtet, was die Monokultur anrichtet: Bienensterben. Ebenso hässlich und stinkend: die toten Tiere, die mit Antibiotika gefüttert werden. Deren Geruch verpestet bisweilen derartig die Luft, dass die Familie schon an Flucht denkt. Aber soweit kommt es dann doch nicht.

Die Graphic Novels von Catherine Meurisse sind in ihrer Art einzigartig. Sie lassen mich stets mit einem besonderen Gefühl der Frische und gleichsam nachdenklich zurück. Ich schlage ihre Bücher nicht einfach zu und stelle sie zurück ins Regal. Viele Bilder und Gedanken bleiben, ja, sie hüpfen aus den Seiten heraus. Ihre Arbeiten sind bewundernswert, äußerst lebendig. Dies ist auch ihrem feinen und klugen Humor zu verdanken.

Was bleibt diesmal? Vielleicht diese Sätze: »Was vermag einen zu trösten?« »Die Natur, immer und wieder!«. Und natürlich die Literatur. Und dass »Weites Land« ebenso Literatur ist, wie Proust und Zola, daran besteht für mich kein Zweifel.

Catherine Meurisse: Weites Land. Aus dem Französischen übersetzt von Ulrich Pröfrock. Kolorierung: Isabelle Merlet. Lettering: Olav Kurth. Carlsen, März 2019, 96 Seiten, gebunden, 18,- €.

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