Starke Stimmen der Hoffnung.

Bisher symbolisierten die 50er und 60er Jahre für mich vor allem eins: ein unglaubliches Stilvermögen. Ganz oben thront Audrey Hepburn, die mich schon als junges Mädchen mit ihrer Rolle als Holly Golightly in Frühstück bei Tiffany für immer geprägt hat. Einerseits durch ihre entzückende Ausstrahlung, andererseits durch die umwerfende Kleidung. Diese schlichte Eleganz – unaufdringlich und überwältigend zugleich. Oder nehmen wir die Automobile aus diesen Dekaden; Herr Klappentexter machte mich mit der atemberaubend schönen Welt der Oldtimer bekannt, zum Beispiel einem Auto, das Göttin genannt wird. Umwerfend und unerreicht ist dieser Citroën DS. Neben all der Raffinesse und Augenfreude steht diese Epoche jedoch auch für eine der wichtigsten politischen Bewegungen auf der ganzen Welt. Auch in den Vereinigten Staaten tat sich in diesen Jahren viel: Die Bürgerrechtsbewegung Civil Rights Moments erreichte ihren Höhepunkt, und die unglaublichen Demütigungen der Rassentrennung begannen endlich zu bröckeln. Aus dem Kampf für die Bürgerrechte der Afroamerikaner und gegen die Rassentrennung sind einzigartige literarische Stimmen hervorgegangen, denen ich mich heute widmen möchte. So wurde die angloamerikanische Literatur für mich zu der Entdeckung des vergangenen Jahres.

James Baldwin – eine große Entdeckung

Bereits im Frühjahr 2018 wurde ich neugierig, als James Baldwins Debüt Go tell it on the Mountain in einer Neuübersetzung von Miriam Mandelkow als Von dieser Welt beim dtv Verlag erschien. Ein großer Autorenname, den ich endlich entdecken wollte. Neben japanischer Literatur übte die angloamerikanische Literatur schon immer einen Reiz auf mich aus, es ist dieser ganz besondere Sound, den man kaum beschreiben kann. Man muss ihn lesen. Bekannt war mir bis dahin überwiegend Literatur von Gegenwartsautorinnen wie Chimamanda Ngozi Adichie oder Yaa Gyasi. Da wurde es natürlich Zeit, die Klassiker aus den 50er- und 60er Jahre zu entdecken, und James Baldwin war natürlich der perfekte Einstieg.

Von dieser Welt handelt von einer Familie, die der Gewalttätigkeit des strenggläubigen Vaters ausgesetzt ist. James Baldwin erzählt nicht nur das Drama einer Familie in den 30er Jahren in Harlem, er erzählt vor allem vom damals noch allgegenwärtigen Rassismus und von tiefer Religiosität. Die Lektüre hat mich zutiefst erschüttert, sehr aufgewühlt und lange beschäftigt.

Ganz anders dagegen Beale Street Blues. Schon jetzt fiebere ich der Verfilmung des wunderbaren Romans entgegen, ab 7. März ist der gleichnamige Film in den deutschen Kinos zu sehen. Dieses Buch umarmt mich förmlich, so viel Liebe und Wärme strahlt es aus. James Baldwin erzählt darin eine der bewegendsten Liebesgeschichten, die ich je gelesen habe. Denn das junge Glück wird jäh zerrissen, als Fonny in Untersuchungshaft kommt, weil er beschuldigt wird, eine Frau vergewaltigt zu haben. Die Geschichte wird aus der Perspektive seiner Liebsten Tish erzählt. Das Buch geht sehr zu Herzen und hat trotz aller Tragik eine bezaubernde, geradezu federleichte Note. Ein Funkeln, Leuchten und ganz, ganz tiefe Weisheit. Baldwin streut allerhand kluge Sätze in diese Liebesgeschichte, die mich immer wieder durch die dunklen Seiten des Romans tragen. Und somit der Hoffnung stets einen kleinen Spalt in der Tür des Schicksals offen lässt.

So ist Tish von Fonny schwanger und fragt sich nach seiner Verhaftung nicht nur einmal: Wie soll das Leben nur weitergehen? Der Mann im Gefängnis, eine Justiz voller Ungerechtigkeit, es scheint aussichtslos – wäre da nicht ihre großartige Familie, die Himmel und Hölle in Bewegung setzt, um Fonnys Unschuld zu beweisen. Sie kämpfen wie die Löwen für Fonny. Beale Street Blues ist also nicht nur eine berührende Liebesgeschichte, es ist auch eine Parabel über die Hoffnung. Nie, nie aufgeben!

Kathleen Collins – Ein unvergleichlicher Sound

Auch bei Kathleen Collins schlüpfe ich in die Haut von Angloamerikanern, vorzugsweise in die von Frauen. Frauen, die für ihre Unabhängigkeit kämpfen, aber auch versuchen, dem Schmerz einer gescheiterten Beziehung und der Melancholie zu entkommen. Es ist Collins Tochter zu verdanken, dass die Texte ihrer Mutter posthum erschienen sind. Neben Drehbüchern, Briefen, Theaterstücken und einem Tagebuch waren die Kurzgeschichten in einer Truhe versteckt. Die Autorin starb viel zu früh mit 46 Jahren an einem Krebsleiden – geblieben ist ein eindringliches Erbe, das seit vergangenem Herbst nun auch auf Deutsch im Kampa Verlag vorliegt.

Zunächst ein Zitat der engagierten Autorin, das jeden Leser begrüßt: »Es ist einfach, Schlechtes zu tun, Einfach sich selbst zu schaden, Gutes zu tun, etwas Gutes für sich selbst, Dagegen ist schwierig.« Wie wahr, wie wahr. In Nur einmal finden sich die unterschiedlichsten Kurzgeschichten, die jedoch eines eint: Sie sind allesamt tief beeindruckend. Einerseits in ihrer Vielfalt, andererseits in ihrem Erzählton, zudem variiert Kathleen Collins stets in Stil und Länge. So erinnert die erste Geschichte Außen mehr einer Regieanweisung, in der Worte als Kamera funktionieren. Wenn die Liebe vergeht, weint alles Leben ist dagegen dialogstark und rückt die Gegenstände in den Hintergrund. Ziemlich oft zoomt sich die Autorin ganz nah in das Seelenleben ihrer Protagonisten heran, so dass ich fast ihren Herzschlag hören kann. Manchmal geht er schnell, vor Aufregung, so, als eine junge Studentin mit ihrem Professor an den Strand fährt. Oder in dem brodelnden Text Was ist nur aus der Liebe zwischen den Rassen geworden? Hier mischen sich nicht nur weiß und schwarz, wie es die Autorin betont, hier verwischen sich auch die Grenzen »zwischen den Rassen, Religionen und Ethnien«. Intensiv auch Ihre Schilderungen darüber, dass »schwarze Eltern« miterleben, wie ihre Kinder sich gegen Ent-Ghettoisierung auflehnen. Söhne kämpfen für die Freiheit und werden mit Gefängnis für ihr politisches Engagement bestraft.

An einer anderer Stelle bleibe ich vor Kummer stumm, eine Stille umgibt mich plötzlich wie ein leerer, kalter Raum. Ich denke hierbei an Innen, in der die Erzählerin eine schmerzhafte Trennung durchlebt. »Ich fing an, abends zwischen sechs und acht über die Brooklyn Bridge zu gehen, und schliff die Kanten meiner Traurigkeit im leuchtenden Sonnenuntergang, ließ sie mit dem Rauschen des Verkehrs, das unter mir wie Brandung auf- und abschwoll, und dem fahlen Glanz der New Yorker Skyline verschmelzen.« Ebenso still vor Rührung liest sich Der Onkel, eine Erzählung über einen depressiven Menschen. Schon der erste Satz seufzt mehr, als das er atmet: »Ich hatte einen Onkel, der sich in den Schlaf weinte.«

Kathleen Collins schreibt voller Lebendigkeit und feinfühlig über bewegende Themen, der Sound ihrer eindringlichen Sprache hallt noch lange nach. Selbst, als das Buch wieder im Regal steht, nehme ich das Vibrieren ihrer Zeilen wahr.

Maya Angelou – Eine mutige Heldin

Maya Angelou ist eine weitere, starke Stimme der angloamerikanischen Literatur. Sie macht etwas mit mir. Gleich nach der Lektüre ihres Buches Ich weiß, warum der gefangene Vogel fliegt eile ich zu meinem Notizbuch und schreibe die vielen markierten Sätze heraus. Ihre Worte sind sie so geschliffen schön und enthalten derart viel Wahres, Trauriges und Mutmachendes, dass ich sie nicht davon fliegen lassen möchte. Sie berührt und beeindruckt mich derartig, dass ich sie jedem nur wärmstens ans Herz legen möchte.

Dieser autobiographisch gefärbte Roman glänzt mit einer großartigen, mutigen und cleveren Heldin, die unvergessen bleibt. Der aufgeweckten Ich-Erzählerin lausche ich von Anfang mit Neugier, einem Lächeln und Staunen. Gerade mal drei Jahre alt ist Maya, als sie einzig mit ihrem Bruder und ansonsten mutterseelenallein in den Zug gen Süden gesetzt wird. Beide tragen haben lediglich Zettel um ihre Handgelenke. Allein die Vorstellung erzeugt eine Gänsehaut – unglaublich! Maya und Bailey waren nur zwei von tausenden schwarzen Kindern, die allein durch Amerika geschickt worden. Entweder zu ihren Großmüttern in den Süden oder zu den wohlhabenden Eltern in den Norden zurück. Maya und Bailey leben fortan bei ihrer strengen und auch strenggläubigen Großmutter, die sie Momma nennen, und die einen Lebensmittelladen betreibt. Mayas schildert ihre ersten Eindrücke: »Ehe wir so heimisch waren, dass der Laden zu uns und wir zu ihm gehörten, waren wir eingeschlossen in einem Tollhaus der Waren, dessen Aufseher für immer verschwunden war.«

Ich folge Maya auf ihrem Lebensweg, der sie zu einer fleißigen Schülerin heranwachsen lässt, stets an der Seite ihres Bruders, der für Maya ein großes Lebensgeschenk ist. Sie wird später einen der besten Schulabschlüsse der 8. Klasse machen, freut sich aber nur kurz darüber, denn ihr ist klar, dass sie trotz Auszeichnung als Angloamerikanerin nicht weiterkommen wird: »Schwarz zu sein, nicht über das eigene Leben bestimmen zu können, war schrecklich. Jung zu sein, aber schon gewohnt, die Vorurteile über die eigene Hautfarbe still und widerspruchslos anzuhören, war brutal. Besser, wir wären alle tot.«

Das sind schmerzvolle Tatsachen, die das Mädchen ausspricht. Doch Maya Angelou ist eine Kämpferin und wird sich im Laufe ihres Leben trotz der vielen Widerstände behaupten. So ist Maya Angelou die erste schwarze Straßenbahnschaffnerin San Franciscos, alleinerziehende Mutter, Tänzerin, Calypo-Sängerin, Schauspielerin, Pimp, Theaterregisseurin, Filmregisseurin, Journalistin, Prosaschriftstellerin, Lyrikerin, Bürgerrechtlerin sowie engste Vertraute von Martin Luther King und Malcolm X gewesen. Und das alles vor ihrem vierzigsten Geburtstag! Somit endet hier die bemerkenswerte Geschichte einer weiteren starken Stimme. Doch es geht weiter, immer weiter mit den Kämpfen für Gleichheit und Gerechtigkeit, im Großen und Kleinen. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen Rassismus und Diskriminierung das Weltgeschehen wieder beschäftigen. Erhebt eure Stimmen!

James Baldwin: Beale Street Blues. Aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow. dtv, Juli 2018, 220 Seiten, gebunden, 20,- €. Pünktlich zur Verfilmung gibt es eine Taschenbuchausgabe für 12,90 €.

Kathleen Collins: Nur einmal. Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit und Volker Oldenburg. Kampa Verlag, Oktober 2018, 188 Seiten, 20,- €.

Maya Angelou: Ich weiß, warum der gefangene Vogel singt. Aus dem amerikanischen Englisch von Harry Oberländer. Suhrkamp, September 2018, 321 Seiten, 12,- €.

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