Bücher zur Zeit! Das Geschenke-Spezial, Teil 2.

Weihnachtszeit ist Bücherzeit. Zum Glück, einerseits. Andererseits sind das für mich als Buchhändlerin aufreibende Zeiten. Am Abend sind nicht nur die Füße müde, die Zunge hat einen Knoten und der Kopf ist leer gepustet, als wäre dort ein Hurrikan durchgefegt. Wesentlich entspannter sind die ruhigen Nachmittage an freien Tagen zu Hause und dabei über Lieblinge zu schreiben. So schließe ich heute an Herrn Klappentexter an, der vergangene Woche unser Geschenke-Spezial einläutete. Schenkt also Bücher!

Petra Hartlieb: Weihnachten in der wundervollen Buchhandlung

Das Buch ist für mich als Buchhändlerin wie ein High Five. In Petra Hartliebs Buch finde ich so viele Parallelen zu meiner Arbeit, dass es eigentlich als Standardwerk an alle Buchhändler zur Weihnachtszeit verteilt werden sollte. Diese Berge an Ware, die man nicht mehr verräumen kann, weil eine Menschentraube um einen herum steht, die mit Zetteln wedelt und »nur eine kurze Frage« hat. Bücherrätsel, die es zu lösen gilt, wenn Suchende weder Titel noch Autor des gewünschten Buches kennen und zum Teil nur kryptische Andeutungen machen können. Nicht zu vergessen die nörgelnden Kunden, denen immer alles viel zu langsam geht. Dazu all die anderen kleinen und großen Katastrophen, die das Weihnachtsgeschäft jedes Jahr aufs Neue mit sich bringt. Und bei denen man trotzdem stets einen kühlen Kopf bewahren muss und auch tunlichst sollte. Das ist das große Wunder dieser aufregenden, verrückten Zeit, die wir dann alle am Ende immer wieder wie durch ein Wunder überleben.

Somit ist diese Buchempfehlung natürlich meinen KollegInnen im Buchhandel gewidmet, die bei der Lektüre dieses Werkes ihre Batterien wieder aufladen können, so herrlich wahr und unterhaltsam ist es. Aber auch allen Bücherfreunden möchte ich Weihnachten in der wundervollen Buchhandlung sehr ans Herz legen, weil es einfach so köstlich geschrieben ist, dass man aus dem Kichern oft gar nicht mehr herauskommt. Einfach wundervoll!

Petra Hartlieb: Weihnachten in der wundervollen Buchhandlung. Dumont Buchverlag, September 2018, 160 Seiten, gebunden, 18,- €.

Zwischen den Büchern – Wie mich die Liebe in der Buchhandlung traf

Dreizehn Autoren erzählen, wie man sich in der Gegenwart von Büchern verliebt. Zur Abwechslung mal nicht in die Bücher, sondern in einen anderen Menschen. Und ich treffe erneut auf Petra Hartlieb, die eine der Geschichten beigesteuert hat. Sie erzählt, wie sie als Mitarbeiterin eines Verlages auf der Leipziger Buchmesse jemanden kennenlernt. Wieder wunderbar geschrieben, und die Auflösung am Ende ihrer Geschichte ist wirklich herzallerliebst. Weitere Autoren sind zum Beispiel Jörg Thadeusz, Anthony McCarten und Sergio Bambaren. Liebe zwischen den Büchern – kann es Schöneres geben? Vor allem, wenn die Lovestories auch noch derart liebevoll gestaltet sind. So ist das Buch ein fabelhaftes Geschenk für alle BücherliebhaberInnen.

Zwischen den Büchern. Wie mich die Liebe in der Buchhandlung traf. Herausgegeben von Martina Bollinger und Rainer Weiss. weissbooks, Oktober 2018, gebunden, 118 Seiten, 16,- €

Lucy Fricke: Töchter

Töchter von Lucy Fricke ist 2018 das, was Mariana Leky mit ihrem Buch Was man von hier aus sehen kann im Jahr 2017 für mich war: Ein absolutes Herzensbuch, das mich auf vielerlei Ebenen höchst beglückt hat. Und dem ich deswegen noch viele, viele weitere LeserInnen wünsche. Die Roadnovel führt uns von Deutschland über Italien bis auf die griechischen Inseln. Im Mittelpunkt stehen zwei Freundinnen, beide Anfang Vierzig, die dem todkranken Vater einer der beiden einen letzten Wunsch erfüllen wollen. Eigentlich soll es in die Schweiz gehen, doch am Ende kommt – wie so oft im Leben – alles ganz anders. Und es ist auch das Aufregende an dieser großartigen Lektüre, die in ihrer Sprache geradezu leuchtet. Dieses Buch strahlt einem wie die Sonne ins Gesicht. Nachdenklich sind die Worte, aber auch witzig und lebensklug. So springen die Augen vor und zurück, voller Staunen und mit absoluter Lesewonne. Oft zuckt die Hand, denn ich möchte die Sätze festhalten, markieren und abspeichern, weil sie derart clever, aufbauend und weise sind. Mit anderen Worten: Töchter ist ein Garant für ganz, ganz große Glücksgefühle.

Lucy Fricke: Töchter. Rowohlt, Februar 2018, gebunden, 235 Seiten, 20,- €.

Christian Berkel: Der Apfelbaum

Wenn sich ein Buch mit dem Titel Überraschung des Jahres 2018 schmücken darf, dann wohl dieses. Ich habe es als Hörbuch genossen, vom Autor vorgelesen. Ich weiß nicht, wie oft ich in den Himmel geschaut und gerufen habe: Unfassbar. Denn genau das ist die Geschichte, die Berkel über seine Familie erzählt. Besonders die Geschichte seiner Mutter, die an Altersdemenz erkrankt ist. Berkel greift ihre unfassbare Lebensgeschichte auf, bevor sprichwörtlich alles in Vergessenheit gerät. Auf der einen Seite bin ich im Hier und Jetzt, nehme Berkels Gedanken auf. Auf der anderen Seite folge ich Salas Lebensweg, der in den frühen dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts in Berlin beginnt. Seine Mutter Sala kommt aus einer intellektuellen jüdischen Familie und verliebt sich ausgerechnet in Otto. Denn der Mann stammt aus einfachsten Verhältnissen, hat aber ein großes Ziel: Er will Arzt werden. Wird die Liebe siegen? Vor allem in Zeiten, die immer düsterer werden, und später Sala aus Deutschland vertreiben. Salas Flucht ist so bewegend, dass ich mich frage: Wie kann ein Mensch das alles aushalten? Sie führt sie auch nach Paris, wo die junge Frau für eine kurze Zeit ein aufregendes und nahezu unbeschwertes Leben führt. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Deutschen in Frankreich einmarschieren und Sala wenig später deportiert wird. Es sind besonders diese Passagen, die an die Substanz gehen, die mich frösteln und ganz still werden lassen. Doch weiter, immer weiter, höre ich Berkel diese atemberaubende Geschichte vorlesen, die mich rund um den Globus schickt. Am Ende denke ich: Diese faszinierende und berührende Lebensgeschichte hat nur darauf gewartet, aufgeschrieben zu werden. Wie überraschend gut sie dabei geschrieben ist, erstaunt mich noch immer. Und vorlesen, nun, das kann so ein Schauspieler natürlich sowieso.

Christian Berkel: Der Apfelbaum. Ullstein, Oktober 2018, gebunden, 413 Seiten, 22,- €. Das Hörbuch ist bei Hörbuch Hamburg erschienen, 736 Minuten, 10 CDs. Der Preis variiert, bei Hugendubel.de kostet es derzeit (Stand 12.12.2018) 16,99 €.

Benedict Wells: Die Wahrheit über das Lügen

Stellt euch eine geschlossene Bibliothek an Weihnachten vor. Stille hat sich über die Stadt wie ein warmer Mantel gelegt, und der Wachmann in der Bibliothek hat soeben seine Runde beendet. Plötzlich fängt es zu rascheln an. »Ganz vorsichtig hatte sich Jules Vernes umgedreht. Es war in 80 Tagen um die Welt. Die anderem taten es ihm zögerlich nach.« Ehe ich mich versehe, ertönt vor meinen Augen ein kleines Intermezzo zwischen den Büchern, sie fangen an, miteinander zu sprechen. Aber nur die echten Klassiker wie Romeo und Julia, Krieg und Frieden oder Madame Bovary dürfen sprechen, die jüngeren hingegen nicht oder nur sehr leise. Ihnen allen zuzuhören ist zauberhaft und amüsant zugleich. Damit wären wir schon mitten drin in einem meiner absoluten Lieblinge aus diesem Jahr: Die Wahrheit über das Lügen von Benedict Wells. Unter dem Titel steht noch ergänzend: Zehn Geschichten aus zehn Jahren. Die Erzählungen bieten ein buntes Kaleidoskop an Geschichten, und ich bekomme eine Ahnung davon, was dem Autor in den letzten zehn Jahren so alles unter die Feder gekommen ist. Welch ein Reichtum an Phantasie! Ich entdecke in den Seiten märchenhafte, verträumte, aufrüttelnde und beklemmende Geschichten. Keine gleicht der anderen, die Abwechslung ist Freude und Überraschung zugleich. Und so unterschiedlich die Geschichten auch sind, in einem Punkt ähneln sie sich dann doch: in der tiefen Lebensweisheit. Nach der Lektüre bleibt ein Lächeln der Dankbarkeit zurück, das ich hiermit weiterreichen möchte. Und wenn ihr demnächst in einer Bibliothek ein leises Flüstern hören solltet, dann muss es sich nicht unbedingt um Menschenstimmen handeln.

Benedict Wells: Die Wahrheit über das Lügen. Diogenes, August 2018, gebunden, 256 Seiten, 22,- €.

Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste

Zu diesem Buch beschäftigte mich zunächst eine Frage: Kann man ein Buch über Verluste verschenken? Kaum hatte ich das Buch aufgeschlagen, fiel die Antwort eindeutig aus: Man kann! Und sollte sogar. Das Werk ist bereits haptisch ein Erlebnis, so dass ich es erstmal gar nicht aufschlagen wollte, sondern nur in der Hand halten. Im Buch selbst erwartete mich dann die nächste bibliophile Überraschung: Jede der zwölf Geschichten wird durch eine schwarze Seite getrennt. Beginnt man eine neue, schimmert auf der linken Seite zart das Motiv des jeweiligen Verlustes hervor, wie ein Abdruck. Umwerfend! Wie soll ich mich bei all der Schönheit noch auf das Lesen konzentrieren? Konzentration braucht man wahrlich für das Buch. Es ist kein Werk, das man abends vorm Einschlafen eben schnell wegliest. Hier steckt jahrelange Arbeit drin, das spüre ich mit jedem Satz und jeder Seite.

Judith Schalansky ist ja bekannt für ihre Buchkunst, mit der sie bei Matthes & Seitz Berlin die formschöne Reihe Naturkunden herausgibt. Ebenfalls meisterhaft erweist sie sich als Autorin, die ihr neues Buch in einer äußerst facettenreichen Sprache geschrieben hat. Von klar und nüchtern, von frech und schillernd bis hin zu warm und bildreich. Immer dabei ihr präziser beobachtender Blick, dem rein gar nichts entgeht. So reise ich mit ihr zu verschwundenen Orten, lese Erstaunliches über Dinge, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gibt. Und laufe mit ihr durch das New York vergangener Zeiten, bin überrascht, als sie mir zeigt, hinter welchem Gesicht sich die Erzählerin verbirgt. In einer anderen Geschichte sucht die Autorin in den Bergen Ruhe und gleichzeitig Inspiration für ein Buchprojekt über Monster. Auf einer Wanderung stolpert sie fast an einem unförmigen Klumpen im Stroh. Gänsehaut und Ekel überziehen mich gleichermaßen, als sie dieses einäugige Tier beschreibt, das einen unangenehmen Geruch verströmt. Er kriecht förmlich aus den Seiten heraus. Dies ist übrigens charakteristisch für das Werk – dieses Ganz-nah-dran-sein. Oh ja, dieses Buch hält das, was sein kunstvoller Umschlag verspricht: Es ist voller Magie und verborgener Schätze. Und noch etwas hinterlässt es, einen wirklich weisen Satz: »Am Leben zu sein, bedeutet Verluste zu erfahren.«

Judith Schalansky: Verzeichnis einiger Verluste. Suhrkamp, September 2018, gebunden, 251 Seiten, 24,- €.

Kate Young: Little Library Cookbook

Literatur zum Essen und Genießen. Unter diesem Motto steht das außergewöhnliche Kochbuch von Kate Young: Little Library Cookbook – 100 Rezepte aus den schönsten Romanen der Welt. Die Bloggerin hat tatsächlich 100 Rezepte aus den schönsten Romanen der Welt vereint. Gleich zu Beginn schreibt sie: »Ich hatte schon immer einen unersättlichen Lesehunger – und zwar im doppelten Sinn.« Es gebe kein Buch, das sie kulinarisch nicht inspiriere. Nun hat Kate Young ihre beiden Leidenschaften – das Kochen und die Literatur – in einem außergewöhnlichen Kochbuch zusammengeführt. Genau genommen ist das Buch eine Zusammenfassung ihrer Lieblingsrezepte, die sie bereits auf ihrem Blog The Little Library Café veröffentlicht hat. Das Schöne daran: Die meisten Rezepte enthalten einfache Zutaten, auch zum Zubereiten ist kein exotischer Schnickschnack nötig. Little Library Cookbook ist nach den Tageszeiten aufgebaut, und allen Rezepten steht ein Zitat aus dem jeweiligen Buch voran. Dazu kommen eigene Gedanken der Autorin zum Gericht, rechts blinzelt das Rezept mit den Zutaten. Kate Young hat in ihrem Buch wirklich an alle Koch- und Backkünstler gedacht, an Profis wie auch an die weniger Geübten. So entdecke eine Anleitung für Schwedische Pfannkuchen, wie wir sie aus Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf kennen. Und bleibe länger über den Zimtbrötchen hängen, die Kate Young aus Der Distelfink hervorgezogen hat. Die Palette der Rezepte ist genauso vielfältig wie die Welt der Literatur. Allerdings muss man aufpassen, dass man vor lauter Schmökern das Kochen und Backen nicht vergisst. Die Verarbeitung ist liebevoll, mit Lesebändchen, duftendem Papier und schönen Bildern. Das Little Library Cookbook ist daher das ideale Geschenk für alle Feinschmecker unter den Bücherwürmern. Wer sich den Blog anschauen möchte: Einfach einmal hier ganz zart anklicken, so, als würdest du ein Ei aufschlagen.

Kate Young: Little Library Cookbook – 100 Rezepte aus den schönsten Romanen der Welt. Wunderraum, Oktober 2018, gebunden, 319 Seiten, 22,- €.

Der Literatur Kalender 2019

Natürlich gehört in dieses Spezial auch ein literarischer Jahreskalender hinein. Und eigentlich bin ich seit vielen Jahren dem Arche Literatur Kalender treu. Dieses Mal fehlt in dem bekannten Kalender allerdings das Wort Arche im Titel. Wie kommt’s? Die beiden Verlegerinnen Elisabeth Raabe und Regina Vitali haben alle Rechte zur Nutzung der Marke Arche auf die Zürcher Arche Literatur AG und ihrem Geschäftsführer Jan Weitendorf übertragen. So erscheinen ab sofort sämtliche literarische Kalender der beiden Verlegerinnen in ihrem eigenen Verlag edition momente. In jedem Fall geblieben ist Der Literatur Kalender so wie wir ihn kennen und schätzen. Wie jedes Jahr steht auch 2019 unter einem Motto. Es lautet Anfang & Aufbruch. So finden sich zu dem Thema 53 Zitate von bekannten AutorInnen wie Bruce Chatwin, Marguerite Duras oder Henry David Thoreau. Gleichzeitig freue ich mich auf die Entdeckung von neuen Namen, zu denen der Kalender stets einlädt. Eine kleine Agenda erzählt in Kurzform vom wichtigen Schaffen des jeweiligen Autors oder der Autorin. Und erneut begeistert mich der Kalender durch die vielfältige Auswahl und abwechslungsreiche Gestaltung. Mit diesem Kalender schenkt ihr also ein ganzes Jahr Literatur. Was will man mehr?

Der Literatur Kalender 2019, Anfang & Aufbruch. Herausgegeben von Elisabeth Raabe, gestaltet von Max Bartholl. edition momente, 60 Blätter, 57 Fotos und Abbildungen, farbig, 31,5 × 24 cm, 22,­- €.

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2 Gedanken zu “Bücher zur Zeit! Das Geschenke-Spezial, Teil 2.

  1. Aha, Lucy Fricke! War gerade heute unterwegs – auf der Jagd nach Weihnachtsgeschenken, versteht sich – und da fällt mir gerade dieser Titel in die Hand, leider fest verschweißt, kein Leseexemplar da und noch keine Rezension gelesen… da traut man sich doch eher nicht, das Buch näher in Betracht zu ziehen. Aber immerhin, kann nach dieser Rezi ja noch kommen… fröhliche Bücherweihnachten, überall!

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  2. Das ist ein wirklich toller Beitrag 😀 da werde ich mir auf jeden fall der ein oder anderen Buchtipp zum Verschenken schnappen. Besonders Benedict Wells finde ich immer wieder toll!

    Ps. Zur Info – ich bin mit meinem Blog zum selbsthosting umgezogen – wenn du meine Beiträge weiterhin sehen und eine Meldung erhalten möchtest, müsstest du mir neu über E-Mail folgen. Ich würde mich freuen, dich auf meinem Blog wieder zu begrüssen! Alles Liebe http://www.readbooksandfallinlove.com

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