Stille Stunden mit einer guten Freundin.

Weihnachten. Trotz allem Stress für mich immer noch ein Zauberwort für Sternenglanz, Zimtküsse, Kerzenschein und geheimnisvolle Geschichten. Gemütlich und hyggelig macht man es sich an diesen Tagen. Der Tod passt da irgendwie nicht hinein. Zsuzsa Bánk macht in ihrem kleinen, feinen Buch Weihnachtshaus eine Ausnahme und öffnet dem Tod die Tür. Er ist gleich zu Beginn anwesend und setzt sich in einen Sessel. Das ist mutig, aber Zsuzsa Bánk darf das. Denn sie ist eine Meisterin dieser ganz eigenen tragischen Geschichten, die einen trotz aller Tragik niemals ganz hinunterziehen. Egal, wie hart das Schicksal ihren Figuren ins Gesicht schlägt, ich fühle mich nie verloren. Weil stets eine tröstende Hand auf der Schulter liegt, die sagt: »Alles wird gut. Bleib ruhig, atme.« Ja, bei Zsuzsa Bánk kann es noch so finster sein, es bleibt warm in unseren Herzen, wenngleich sie hier und da nicht aufhören wollen, zu zittern.

Das Aufblättern des Buches ist wie ein Nachhausekommen. So dauert es nur wenige Sekunden, und schon finde ich in der Ich-Erzählerin eine Verbündete, mit der mich ein unsichtbares Band verbindet. Es ist ein vertrautes Lesegefühl, das sich sofort bei Zsuzsa Bánks Büchern einstellt, wie ein Schal, der sich um meinen Hals schmiegt.

Die namenlose Erzählerin erinnert sich gleich zu Beginn, wie sie mit Clemens das Bett geteilt hat und wie sich gemeinsam die Namen für die Kinder ausgedacht haben. Nicht mehr als vier Buchstaben sollten sie haben, Elsa oder Luis zum Beispiel. Dass Clemens schon nicht mehr lebt, erfahre ich auf der dritten Seite und schlucke. Der beginnende Winter blickt durchs Fenster und die Erzählerin und ich versuchen, das Unaussprechliche zu umgehen. Dieses Wort, das aber eben auch zum Leben dazu gehört. Bevor ich stolpere, betritt Lilli den Raum. Sie ist die Freundin der Erzählerin und ein wahrer Herzensmensch. Lilli findet stets die richtigen Worte und ist der Fels in der Brandung, an dem sich die Erzählerin festhält und aufrichtet.

Die beiden betreiben zusammen das Café Lilli und rotieren ähnlich wie ich in meinem Job als Buchhändlerin im vorweihnachtlichen Ansturm der Kunden. Zustimmend nickend lese ich folgende Passage: »Stille Zeit im Advent – das schließt sich praktisch aus, das ist unser Oxymoron, unser Contradictio in adiecto, sagt Lilli.« Ich grinse und fahre fort: »… Stille und Advent fallen weit auseinander, schon beim Aussprechen fallen sie weit auseinander, ach was, schon beim Denken stechen sie sich aus, sie wollen sich einfach nicht zusammen denken lassen.«

Die beiden eint eine langjährige wie innige Freundschaft und ein Projekt, ein Lebenstraum, den sie sich kürzlich erfüllt haben: den Erwerb eines Grundstückes. Nur mit dem Aufbau des Häuschens kommt es nicht wirklich voran. Und dann, kurz vor Weihnachten, schickt ihnen der Himmel Bill. Ein Amerikaner, der nach einem verheerenden Hurrikan alles verloren hat, und den es nach Deutschland verschlagen hat. In der kirchlichen Gemeinde hat Lillis Vater Bill aufgespürt und ihn eines Tages eingeladen. Zusammen mit anderen Stammgästen bildet er eine Art Schicksalsgemeinschaft, die ich in dem Café beobachte. Die Erzählerin kann ihren Clemens einfach nicht loslassen, zu überwältigend sind immer noch die Gefühle für ihn, zu schmerzlich der Verlust. Sie versucht, so gut es geht, den Alltag zu organisieren, das Leben mit ihren beiden Kindern auf die Reihe zu bekommen. Und wird immer wieder von ihren Ängsten eingeholt. Doch das alles ist nur halb so schlimm, so lange sie ihre Lilli hat, die sie auffängt.

Weihnachtshaus ist ein stilles und ungemein tröstliches Buch, in dem Zsuzsa Bánk mit ihrer feinfühligen Art die bewegenden Themen des Lebens verarbeitet: Verlust, Neuanfang, das Loslassen, Freundschaft, Familie und die Suche nach dem Ankommen. Gleichzeitig ist es ein Buch voller Menschlichkeit, in dem das Wort Solidarität hell leuchtet wie der Weihnachtsstern. Vielleicht tut die Lektüre deshalb so gut, weil ich das dort draußen gerade sehr vermisse. Stattdessen erlebe ich oftmals eine aggressive, ungeduldige und egoistische Welt.

Trotz aller Stürme, die unsere Erzählerin auszuhalten hat, funkelt in diesem außergewöhnlichen Werk die bezaubernde Vorweihnachtszeit mit leckeren Lebkuchen, Kerzenglanz und strahlenden Kinderaugen. Ein Buch wie eine gute Freundin.

Zsuzsa Bánk: Weihnachtshaus. edition chrismon, September 2018, 111 Seiten, 12,- €.

Und zum Schluss noch ein Veranstaltungshinweis für alle Leipziger: Die Autorin ist am kommenden Donnerstag, 29.11., um 19.30 Uhr im Haus des Buches und liest aus ihrem Buch.

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