Ein herrlich verrücktes Krimiabenteuer.

Eine kleine Warnung vorab: Wer Angst vor Gespenstern hat, sollte jetzt lieber nicht weiterlesen. Allen anderen möchte ich Heilige und andere Tote von Jess Kidd dringend empfehlen. Vorausgesetzt, ihr mögt Krimis, die durchaus einen mystischen Touch haben. Wie bereits in Kidds Debüt Der Freund der Toten tummeln sich in ihrem neuen Werk allerhand übersinnliche Wesen herum. Das Erstaunliche ist jedoch, dass diese sogenannten Heiligen sich nach einer gewissen Lesezeit völlig normal anfühlen. Vielleicht auch deshalb, weil sie treue Begleiter der sympathischen Heldin sind. Aber keine Sorge: Gänsehautmomente und erhöhter Puls sind bei diesem Krimi trotzdem garantiert.

Sollte jemand Jess Kidd noch nicht kennen: Die irische Autorin ist eine ganz besondere Bereicherung der literarischen Krimiwelt. Und ich danke dem Dumont Buchverlag, dass er diese talentierte Autorin dem deutschsprachigen Markt seit 2017 zugänglich macht. Ihr Debüt schaffte es bei uns im vergangenen Jahr verdienterweise auf die Krimibestenliste.

© Travis McBride

Jess Kidd begeistert vor allem Leser, die es nicht so blutig und brutal, dafür aber um so raffinierter lieben. Und wer es dann noch gern phantasievoll mag, der ist eigentlich schon verloren für diese spezielle irische Art des Krimis. Obendrein erfreut mich Jess Kidd mit ihrer hinreißenden Sprache, die oft ein Schmunzeln auf meine Lippen und einen Regenbogen in meine Augen zaubert. Ihre Sätze funkeln regelrecht, und strecken manchmal auch recht verschmitzt die Zunge heraus. Kostprobe erwünscht? Bitteschön: »Der Wind nahm eine Handvoll Sand und verstreute ihn wie fröhliches Konfetti über den festen, vom Meer blank gefegten, menschenleeren Strand.«

Heilige und andere Tote entführt einen zunächst in ein verwunschenes, zugemülltes und sehr unheimliches Haus. »In Bridlemere verschwinden Gegenstände und tauchen irgendwo anders wahllos wieder auf. Legst du deine Armbanduhr auf die Fensterbank, findest du sie an einem Haken der Anrichte wieder.«

Dort wohnt der knurrige Cathal Flood, ein ehemaliger Antiquitäten- und Kuriositätenhändler, der sich nach dem Tod seiner Frau zu einem regelrechten Messie entwickelt hat. Gewöhnlich lässt er sich nie in seine Sammelleidenschaft hineinreden. So geben die ihm zugeteilten Sozialarbeiter stets schnell wieder auf und kommen nie wieder in das Haus zu dem übellaunigen Mann. Bis Maud Drennan kommt. Die junge Frau und Ich-Erzählerin ist deutlich geduldiger und nervenstärker als ihre Vorgänger. Über den Spuk im Haus denkt sie nicht groß nach. Nun, wen wundert’s, hat sie doch selbst die Heiligen täglich an ihrer Seite und spricht mit ihnen.

Mauds unerschrockenes Putzen und mutiges Aussortieren schmeckt Cathal zunächst gar nicht. Trotzdem wirft der alte Flood sie nicht raus. Selbst dann nicht, als er ein gemeinsames Komplott mit seinem Sohn Gabriel vermutet. Denn dieser will seinen Vater schon länger ins Altersheim abschieben. Cathal Flood mag zwar ein alter Mann mit gebrochener Seele sein, aber sein Geist ist nach wie vor wachsam wie der eines Fuchses.

Als Maud das Bad putzt, fällt ihr eine altmodische Milchflasche mit einem Foto in die Hände. Das passiert nicht auf natürlichem Wege. Das ganze Badezimmer veranstaltet ein schaurig-schräges Schauspiel: Aus dem Nichts pfeift es aus dem Druckkessel, Wasserfontänen spritzen aus dem Spülkasten. Und da taucht die Flasche blubbernd aus den Tiefen des Waschbeckens auf. In der Flasche steckt das Foto. Was hat es mit den beiden Kindern dort auf sich? Wer ist das ältere Mädchen neben dem Jungen? Cathal Flood sprach immer nur von einem Sohn. Warum ist das Gesicht aus dem Bild entfernt worden? Die Rückseite gibt nur Auskunft über das Jahr, in dem es entstand: 1977. Der Name neben Gabriel ist nicht zu erkennen.

Noch eine Frage hängt im Raum, als Maud einer Vertrauten von ihrem Fund berichtet: War der tödliche Sturz seiner Frau vor zwanzig Jahren wirklich ein Unfall? Die Vertraute heißt Renata, ist leidenschaftliche Krimileserin und riecht sofort, dass in Bridlemere einiges nicht stimmt. Sie stiftet Maud an, dem nachzugehen. So begibt sich die junge Frau auf eine gefährliche Spurensuche, betritt Zimmer in dem Haus, in die sie lieber nicht gegangen wäre. In ihrer Schnüffelei steht sie Miss Marple in nichts nach, und es geschehen abermals unheimliche Dinge. Hochspannung mit Spaßfaktor.

Je mehr sich Maud mit den Geheimnissen auf Bridlemere beschäftigt, um so mehr wird sie von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt. Auch sie hat einen Schatten in ihrem Herzen: Ihre Schwester ist vor Jahren spurlos verschwunden.

Dieser Krimi erzählt wirklich eine herrlich skurrile, witzige und sinnlich schöne Geschichte mit Verve und Spannung, die zum Ende hin noch mal an Fahrt zunimmt, als sich herausstellt, dass… Stop! Ich hülle mich nun lieber in Schweigen.

Vielleicht mag manchen die Zauberei in Bridlemere ein wenig zu verrückt sein. Für mich ist sie genau richtig, ich mag diese Mischung aus Schaurigkeit und Phantasie. Zudem bin ich ja gewissermaßen eine Expertin für übersinnliche Geschichten im Alltäglichen. In meinen gelesenen Büchern können zwei Monde am Himmel stehen und Forellen vom Himmel fallen, während das normale Leben weitergeht. Jetzt gesellen sich noch sprechende Heilige dazu.

Jess Kidd: Heilige und andere Tote. Aus dem Englischen von Ulrike Wasel. Dumont Buchverlag, September 2018, 382 Seiten, 22,- €. Jetzt portofrei bei Hugendubel.de bestellen. Der Freund der Toten ist im September bei Dumont als Taschenbuch erschienen und kostet 11,-€.

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