Es gibt was zu feiern: Der Internationale Übersetzertag.

Was wäre die Literatur ohne die Übersetzungen in andere Sprachen? Welche Bücher hätte ich ohne sie niemals gelesen? Sicher sehr, sehr viele. Meine Bücherregale wären fast nackt, kein Buch von Haruki Murakami, keins von Banana Yoshimoto, keine Werke von Truman Capote. Maeve Brennan wäre mir bis heute unbekannt. Es würde mir – ja uns allen – derart viel fehlen, vor allem der Blick in andere Länder und Welten. Denn es ist ja nun mal so, dass der Mensch am besten seine eigene Sprache spricht und versteht. Nicht umsonst heißt es ja Fremdsprache.

Aber es gibt ein paar Menschen, die eine andere Sprache (manchmal sogar mehrere, beneidenswerte Naturtalente!) so perfekt beherrschen, dass sie die Werke aus fremden Sprachen für uns übersetzen. Da ist es nur wichtig und richtig, dass wir den Helden und Heldinnen des Übersetzens danken. Dafür wurde 1991 der Internationale Übersetzertag ins Leben gerufen, der stets am 30. September stattfindet. Warum? Nun, der 30. September ist der Todestag von Hieronymus, einem Geistlichen, der die Bibel aus dem Hebräischen und Griechischen ins Latein übersetzte und so zum Schutzheiligen aller Übersetzer wurde. Daher wird der Tag auch Hieronymustag genannt.

Weltlesebühne e.V. lädt um den 30. September zu 26 Veranstaltungen in weltweit 20 Städten ein. Zwei davon finden am kommenden Freitag, den 28. September, in Leipzig statt. Das habe ich zum Anlass genommen, um Maria Hummitzsch zu interviewen. Die Leipzigerin übersetzt u.a. Werke von David Foster Wallace, David Garnett, Imbolo Mbue und Ayobámi Adébáyò. Maria Hummitzsch ist bei den Veranstaltungen im Haus der Buches mit dabei.

 

Foto: Maria Hummitzsch / © Ebba Drolshagen

Klappentexterin: Wie sind Sie Übersetzerin geworden?

Maria Hummitzsch: Ich habe in Leipzig, Lissabon und Florianópolis Übersetzung, Afrikanistik und Psychologie studiert und bin als diplomierte Fachtextübersetzerin von der Uni gegangen. Literaturübersetzerin war ich damit aber noch nicht.
Während meines Studienaufenthalts in Brasilien hatte ich sehr gute Professorinnen und Dozenten. Ich konnte mich dort zum ersten Mal an literarischen Texten versuchen und diese ersten Versuche mit klugen, erfahrenen Köpfen diskutieren. Das war so fordernd und befriedigend zugleich, dass mir von da an klar war, dass ich mich in diese Richtung strecken wollte. Denn plötzlich ging es nicht mehr nur darum, was, sondern wie etwas gesagt wird.

Diese Suche nach der passenden Sprache, die Beschäftigung mit Rhythmus und Klang hat mich fasziniert. Ich habe dann meine Diplomarbeit über die Zusammenarbeit zwischen Lektorinnen und Übersetzerinnen geschrieben und dafür zehn Interviews mit Lektoren und Lektorinnen großer deutscher Publikumsverlage geführt, ein Verlagspraktikum in einem kleinen Leipziger Verlag absolviert und ein Volontariat im Literaturlektorat des C.H.Beck Verlags München, verschiedene Workshops und Seminare für Nachwuchsübersetzerinnen besucht und Verlagen brasilianische Bücher empfohlen, indem ich Gutachten und Exposés geschrieben und mit Übersetzungsproben an ausgewählte Lektoren geschickt habe. Dann kam 2010 die Nachricht, dass Brasilien im Herbst 2013 Gastland der Frankfurter Buchmesse werden sollte, und da haben sich verschiedene Verlage an meine Empfehlungen erinnert. Das war dann der Durchbruch, wenn man so will. Seitdem übersetze ich Literatur von englisch- und portugiesischsprachigen Autorinnen ins Deutsche.

Erinnern Sie sich noch an das erste Buch, das Sie übersetzt haben?

Klar! Das erste Buch vergisst man nicht. Meine erste Übersetzung war der Roman Go to Sleep der britischen Autorin Helen Walsh, den ich im Frühjahr 2011 für den Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch übersetzt habe, für den ich noch heute wahnsinnig gern arbeite. Es war die Geschichte einer jungen alleinerziehenden Mutter, die mit einer postpartalen Depression zu kämpfen hatte. Auf Deutsch ist der Roman dann 2012 unter dem Titel Ich will schlafen! erschienen.

Sie arbeiten schon sehr lange in Ihrem Beruf. Was hat sich in den vergangenen Jahren verändert? Ich nehme den Büchermarkt als schnelllebiger wahr. Gilt das auch für Ihre Arbeit?

Im Vergleich zu vielen andere geschätzten Kolleginnen und Kollegen, die seit 20 Jahren und mehr im Geschäft sind, bin ich noch nicht lange dabei, aber mittlerweile sind es doch 20 Romanübersetzungen, einige davon im Team, und ich kann verschiedene Beobachtungen anstellen.
Wenn ich allein für die Literaturübersetzerinnen spreche, so lässt sich positiv sagen, dass Literaturübersetzer stärker als deutsche Stimmen „ihrer“ Autorinnen und Autoren wahrgenommen werden, sichtbarerer sind, ein reges Interesse an unserer Tätigkeit besteht und immer mehr Rezensenten und Journalistinnen differenziert lesen und auch auf die Qualität der jeweiligen Übersetzung achten.

Wer Literatur übersetzt, ist Urheber seines geistigen Werks, und die Stärkung der Urheber, die in den letzten Jahren stattgefunden hat, stärkt auch uns. Der Spruch, ohne Literaturübersetzer gäbe es keine Weltliteratur, der auf den portugiesischen Autor José Saramago zurückgeht, ist mittlerweile zwar etwas abgenutzt, in seinem Kern aber absolut wahr. Fakt ist, wir Literaturübersetzerinnen agieren nicht im luftleeren Raum. Wir arbeiten für und mit Verlagen, und am schönsten ist diese Zusammenarbeit, wenn sie auf Augenhöhe geschieht, von gegenseitiger Sympathie und Wertschätzung getragen wird und man im Team dafür Sorge trägt, den bestmöglichsten deutschen Text in der schönstmöglichen Verpackung herauszubringen. Wenn das gelingt, ist das für alle Seiten sehr befriedigend (nicht zuletzt für die Leser).

Schnell- bzw. Kurzlebigkeit (der einzelnen Titel) ist aber tatsächlich ein großes Thema, allerdings war es das vor knapp zehn Jahren auch schon. Die Produktionsabläufe sind immer schneller geworden. Die Digitalisierung und internationale Vernetzung haben dazu geführt, dass viele Verlage vor allem englischsprachige Titel noch im unfertigen Manuskriptstadium einkaufen (müssen) und die deutsche Übersetzung zeitgleich mit dem Original erscheinen soll, um möglichst wenige potentielle Leserinnen zu verlieren. Das führt dann mitunter zu sehr eng gesetzten Abgabeterminen, ungewollten Teamübersetzungen und sorgt für Druck auf allen Seiten.

In den Verlagen, die sowohl unsere Auftraggeber als auch Ansprechpartner und Teamplayer sind, ist der Druck ebenfalls gewachsen. Lektorinnen können schon lange nicht mehr unbehelligt nur Textarbeit machen. Sie sitzen in Literatur-, Marketing- und Vertreterkonferenzen, sind Schaltstellen zwischen den einzelnen Abteilungen usw. und sind dem Druck ausgesetzt, nicht nur gute Texte zu finden und mitzuerschaffen, sondern auch möglichst hohe Verkaufszahlen vorzulegen. Druck kann beflügeln, aber auch lähmen. Literatur jedoch braucht Zeit, Druck ist da selten hilfreich. Das spüren wir alle nur zu oft.

Sie übersetzen neben englischsprachigen Autoren wie David Foster Wallace auch gebürtige afrikanische Autorinnen wie Imbolo Mbue und zuletzt Ayobámi Adébáyò, in deren Geschichten viele traditionelle Begriffe vorkommen. Inwiefern unterscheidet sich hier die Arbeit des Übersetzens?

Zunächst einmal übersetze ich aus zwei Sprachen ins Deutsche: dem Englischen und dem Portugiesischen. Jede dieser beiden Sprachen deckt viele Ländern und mehrere Kontinente ab. Das ist ja das spannende. Allein aus dem Englischen zu übersetzen, heißt, dass man wie ich bspw. sowohl amerikanische, schottische, britische oder wie die beiden Autorinnen, die Sie nennen, kamerunische oder nigerianische Autorinnen und Autoren übersetzt, wobei Imbolo Mbue, die seit über 15 Jahren in den USA lebt, mittlerweile die amerikanische Staatsbürgerschaft hat (und damit ihre kamerunische abgeben musste, was sie sehr bedauert).

Die Unterschiede, die es innerhalb einer Sprache gibt, sind da und relevant, sowohl in sprachlicher Hinsicht als auch hinsichtlich der Erzähltraditionen und literarischen Einflüsse, die spürbar werden, und doch sind sie kleiner, als man denkt. Viel wichtiger als schottische Lexik oder Dialoge in Pidgin-Englisch ist für mich als Übersetzerin, wie gut geschrieben das Original ist. Ich übersetze immer in meine Muttersprache, ich möchte, dass ein deutschsprachiger literarischer Text entsteht, der sich als eigenständiger Text liest. Ich frage mich darum eher, welchen Ton hat das Original? Welche Erzählhaltung? Wie sprechen die Figuren? Was trägt den Text, was wird in ihm veranstaltet und wie bringe ich das ins Deutsche?

Für mich haben nigerianische Autorinnen einen ganz bestimmten Sound, den Sie wirklich bewundernswert übersetzen. Wie fängt man diesen Stil als Übersetzerin ein? Oder ist der Sound einfach da?

Ihr Kompliment freut mich natürlich sehr, andererseits merke ich tatsächlich, dass ich hier gern stärker differenzieren möchte. Ich selbst glaube nicht, dass sich vom Sound nigerianischer Autorinnen sprechen lässt. Gerade Nigeria ist ein so vielgestaltiges Land, das sich in seiner sprachlichen, ethnischen und religiösen Fragmentiertheit kaum greifen lässt. Die Hauptstadt Lagos hat 18 Millionen Einwohner. Das heißt, da leben auf einer ähnlich großen Fläche wie Berlin acht Mal so viele Menschen, das können wir uns kaum vorstellen. Ich glaube nicht, dass es so etwas wie einen spezifisch nationalen Sound gibt, weder für die deutsche noch für die nigerianische oder irgendeine andere Literatur. Für mich gibt es den Sound einzelner Bücher und Autorinnen. Ich stimme Ihnen aber zu, dass man, wenn man mehrere nigerianische Autoren und Autorinnen gelesen hat, eventuell verschiedene Einflüsse und Erzählhaltungen wiederfindet.

Den Sound eines Buchs einzufangen, ist für Literaturübersetzer bei jedem Buch die größte Herausforderung. Es gibt kein Patentrezept, aber es gibt vieles, das dabei hilft, diesen Sound zu finden: Genaues Lektüre und Analyse des Buchs. Wie wirkt der Text auf mich? Ist er humorvoll, sarkastisch, trostlos oder funkensprühend? Nimmt der Text schnell Fahrt auf, oder plätschert er so dahin? Ist es ein leiser Text, oder trumpft er rhetorisch auf? Und wie gelingt dem Autor oder der Autorin diese Wirkung? Sind die Sätze schlicht, oder verschachtelt? Gespickt mit Fremdwörtern oder eher umgangssprachlich? Dialogreich und polyphon, oder von einer einzelnen Erzählstimme getragen? Sind die Bilder ungewöhnlich oder erwartbar? Streift der Text Kitsch oder Kunst?

Und wenn man sich all diesen Fragen gestellt und beantwortet hat, schaut man nach dem, was die eigene Muttersprache hergibt. Oft tastet man sich an einen Sound heran. Mal hat man ihn schneller im Ohr, mal erst kurz vor Ende der ersten Rohfassung, und dann geht es an die Überarbeitung. „Einfach da“ ist ein Sound fast nie. Aber wenn man ihn dann endlich hat, ist das ein beglückendes Gefühl!

Sie sind über die eigene Arbeit hinaus sehr engagiert. Seit 2017 sind Sie die 2. Vorsitzende des Verbandes der Literaturübersetzer (VdÜ). Im Jahr 2015 haben Sie das Übersetzerzentrum auf der Leipziger Buchmesse gegründet, das Sie zusammen mit Roberta Gado und Thomas Weiler kuratieren. Worin besteht dort genau Ihre Tätigkeit?

Das 2015 gegründete Übersetzerzentrum auf der Leipziger Buchmesse ist ein Anlaufpunkt für Übersetzer und Übersetzerinnen, Autoren und Autorinnen, Kritiker und Kritikerinnen sowie ein Ort der Begegnung und des Austauschs für alle Literaturfreunde. In Kooperation mit verschiedenen Institutionen, Vereinen und Menschen, denen das Übersetzen am Herzen liegt, planen Roberta Gado, Thomas Weiler und ich jedes Jahr ein vielfältiges Programm mit ca. 10 bis 12 Veranstaltungen und Podien, die sich bspw. sehr spezifischen Themen wie dem Übersetzen von Kinder- und Jugendliteratur widmen, oder der Frage nachgehen, ob Literaturübersetzerinnen auch eine Verpflichtung haben, sich in gesellschaftlich unruhigen Zeiten stärker politisch zu engagieren.

Wir bringen Übersetzerinnen und Lektorinnen bei einem Speed-Dating zusammen, stellen den Gewinner oder die Gewinnerin des Preises der Leipziger Buchmesse in der Sparte Übersetzung noch einmal gesondert vor und lassen live vor Publikum übersetzen. Meine Tätigkeit besteht in der gemeinsamen Programmplanung, Kontaktpflege und der Durchführung des vier Tage andauernden Programms.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich die Erzähl- und Übersetzungsworkshop mit geflüchteten Kindern, die Sie im Auftrag des Deutschen Übersetzerfonds (DÜF) geleitet haben. Ich habe auf der Internetseite sehr bewegende Briefe gelesen. Was genau verbirgt sich hinter diesem Projekt?

2016 haben Literaturübersetzerinnen auf Einladung des Deutschen Übersetzerfonds, der das Projekt initiiert und begleitet hat, in enger Zusammenarbeit mit Schulen und Kultureinrichtungen mehrsprachige Schreib- und Übersetzerwerkstätten in Willkommensklassen, Bibliotheken und Notunterkünften angeboten. Kinder konnten beispielsweise Geschichten in ihrer eigenen Muttersprache schreiben, die dann von den Kindern allein oder gemeinsam mit Literaturübersetzerinnen in die deutsche Sprache übersetzt wurden. Entstanden sind dabei ehrliche und berührende Texte von Kindern und jungen Menschen, für die ins Wanken geraten ist, was für die meisten von uns selbstverständlich ist: an einem Ort und in Sprache zuhause zu sein.

Ich habe im Dezember 2016 einen dieser Workshops geleitet und bin dafür zurück an das Gymnasium gegangen, an dem ich 2002 mein Abitur gemacht habe. Ich dachte, gerade in sächsischen Kleinstädten kann es nicht genug Initiativen geben, also bin ich für eine Woche an das Lessing Gymnasium Döbeln zurückgekehrt und habe mit einem insgesamt 11köpfigen Team mit der dortigen DAZ-Klasse gearbeitet. Es waren 24 Kinder zwischen 10 und 17 Jahren. 24 junge Menschen aus 12 Nationen; 24 Kinder mit 11 Muttersprachen. Manche von ihnen lebten schon länger in Deutschland, andere waren damals gerade erst angekommen, zwei Drittel der Kinder mit ihren Familien, ein Drittel allein.

Entstanden sind in den fünf gemeinsamen Tagen mal mit, mal fast gänzlich ohne Hilfe, Texte in jeweils zwei Sprachen, die so vielfältig sind wie die Kinder und ihre Lebenserfahrungen. Es ging nie darum, eine Art Schreibwettbewerb auszurufen. Es ging nicht darum, besonders schöne oder besonders ausgefeilte Texte zu schreiben. Wichtig war der Prozess selbst. Denn wer je eine Fremdsprache erlernt hat, weiß, wie mühsam und langwierig es ist, den Sprachdschungel zu durchdringen und wie hart erkämpft auch ein Zwei- oder Vierzeiler sein kann. Ich kann nur sagen: Ich habe viel von diesen Kindern gelernt.

Anmerkungen von mir: Weitere Informationen zu diesem Projekt findet ihr hier.

Zum Übersetzertag sind Sie in Leipzig auch mit zwei Veranstaltungen im Haus der Buches vertreten. Auf was dürfen wir uns da freuen?

Am 28.9., 17.00 Uhr wird es eine große Lesung Leipziger Übersetzerinnen geben. Lesen werden dort Reinhild Böhnke, Marie-T. Cermann, Juliane Lochner, Franka Reinhart und Markus Sahr. Und direkt im Anschluss, also 19.30, werde ich mit der Übersetzerin Miriam Mandelkow über ihre Neuübersetzung des Autors James Baldwin sprechen. Darauf freue ich mich sehr!

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht Maria Hummitzsch weiterhin viel Freude bei Ihrer spannenden Arbeit als Übersetzerin.

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