Sympathie für den Teufel?

carrere_der_widersacher_bauchlage2 (1)

Jeder kennt sie, diese Geschichten, die mit einer gewissen Regelmäßigkeit in den Nachrichten erscheinen: Familienvater bringt erst Frau und Kinder um und dann sich selbst. Überall Fassungslosigkeit, schnell werden Kerzen und Plüschtiere am Tatort deponiert, oft mit Zetteln garniert, auf denen ein einziges Wort steht: Warum? Ein paar Tage später wird diese schockierende Nachricht dann bereits von den nächsten Verbrechen, zu denen Menschen fähig sind, ins Reich des Vergessens geschickt.

Außer, Emmanuel Carrère interessiert sich für die Geschichte: Dann könnte ein spannender Tatsachenroman daraus werden. Erfunden hat der französische Autor dieses Genre nicht – das war Truman Capote mit seinem Opus Magnum „Kaltblütig“. Aber Carrère hat es mit diesem Werk wiederbelebt und im Laufe der Jahre zur Perfektion weiterentwickelt, mit seinem ganz eigenen Carrère-Stil, indem er tatsächliche Ereignisse mit seinem eigenen Leben und Schicksal verknüpft, mit dem von Freunden und Familie.

Nur so hat er überhaupt Zugang zu diesem Stoff gefunden. Zunächst hatte er die Geschichte als Idee für einen fiktionalen Roman genutzt, mit dem er aber nicht glücklich wurde. Ihm fehlte etwas. Es könnte Empathie und echte Neugier am Schicksal eines Menschen gewesen sein, denn in diesem speziellen Fall hat der Täter sein eigenes Massaker als einziger überlebt. Carrère hat dann etwas Bemerkenswertes getan: Anstatt wie die Sensationspresse einfach im Leben und Umfeld der Familie und des Täters herumzuschnüffeln, hat er dem Täter Jean-Claude Romand einen Brief geschrieben. Einen sehr persönlichen, außergewöhnlichen Brief, die letzten Sätze hauen einen schier um: „Wie auch immer Sie auf diesen Brief reagieren mögen, ich wünsche Ihnen jedenfalls viel Kraft. Seien Sie meines tiefen Mitgefühls gewiss.“ Mitgefühl für ein Monster! Gute Wünsche für eine Bestie! Aber so leicht, wie es sich das sogenannte gesunde Volksempfinden (ist es nicht oft ein krankes?) macht, macht es sich Carrère eben nicht. „Es war der schwierigste Brief, den ich je verfasst habe.“

Hinter jeder grausamen Tat steht eine Geschichte, eine Antwort auf das berühmte Warum? Und weil sich Carrère eben genau dafür interessiert, wird er zum Spurensucher für jeden von uns, der sich von oberflächlichen Erklärungen, Schuldzuweisungen und schrillen Parolen nicht beeindrucken lässt. Damit ist „Der Widersacher“ sozusagen die Mutter all seiner Tatsachenromane und autofiktionalen Werke geworden, denn der Roman erschien bereits im Jahr 2000 unter dem etwas reißerischen Titel „Amok“. Nun hat ihn Claudia Hamm neu übersetzt, sehr gut übrigens, und ihm den originalgetreuen Titel gegeben. Ein Titel, der sich auf den Satan, den Teufel, den Widersacher von Jesus Christus bezieht. Dem Gegenteil von Güte und Barmherzigkeit.

Aber ist Jean-Claude Romand tatsächlich so ein widerlicher, teuflischer Mörder, ein Unmensch, der skrupellos erst seine Frau, dann seine beiden Kinder und schließlich noch seine eigenen Eltern und deren Hund getötet hat? Carrère hat da seine eigene Antwort: „Ich empfand Mitleid und eine schmerzliche Sympathie, als ich meine Schritte in die Spuren dieses Mannes setzte.“

Alleine die Vorgeschichte ist so unglaublich (im wahrsten Sinne des Wortes), dass sie in einer Fiktion wohl wegen akuter Unglaubwürdigkeit von jedem vernünftigen Lektor abgelehnt worden wäre: Denn Romand hat nicht weniger als siebzehn (!) Jahre ein Doppelleben geführt, und niemand aus seinem Umfeld, selbst seine Ehefrau und engste Freunde, wurden ernsthaft argwöhnisch. Er kam irrsinnig lange durch mit seinem Lügenleben. Er gab vor, Medizin studiert und promoviert zu haben. Er gab vor, bei der Weltgesundheitsorganisation WHO in führender Position zu arbeiten. Er gab vor, erfolgreich und gutsituiert zu sein. All das war er nicht. Und irgendwie doch. Das macht den Fall psychologisch so interessant. Jean-Claude Romand war früh depressiv, wuchs in beklemmenden Verhältnissen auf, ein Einzelgänger, aber auch ein Sympath und er sehnte sich aufrichtig nach Liebe, nach Freunden und Familie. Und war doch in seiner eigenen Finsternis gefangen, einer großen Leere, einem gigantischen Nichts. Gleichzeitig brachte er nach der Tat sein Umfeld zum Nachdenken, besonders seinen besten Freund, einen unauffälligen Apotheker und Familienvater: „Und es offenbarten sich (…) die Ängste, die er eigentlich selbst hegte: seine Familie zu verlieren, aber auch, sich selbst zu verlieren und festzustellen, dass er hinter seiner sozialen Fassade niemand war.“ Natürlich fragt der Freund sich auch, wie er nur so lange mit jemandem befreundet sein konnte, ohne irgendetwas zu merken.

Tja, und wodurch wurde dann das Kartenhaus nach siebzehn Jahren zum Einsturz gebracht? Natürlich durch eine Todsünde. Durch die Begierde.

MSB_Emmanuel Carrère_(c)_Julia von Vietinghoff_honorarfrei(15)
Foto: © Julia von Vietinghoff

Carrère erzählt all das in seiner eigenen, klaren, schnörkellosen Sprache und spannt einen Spannungsbogen, der süchtig macht, obwohl man den Täter ja von der ersten Seite an kennt. Der Autor vergisst selbstverständlich auch die Opfer nicht. Nicht die, die tot sind und auch nicht die, die am Leben geblieben sind. Die Kinder der Nachbarschaft und seines besten Freundes. Kinder, die nach der grausamen Tat ihren eigenen Eltern nicht mehr trauten, das Urvertrauen war plötzlich gestört, in Frage gestellt von einem Ereignis, das besonders Kinder noch gar nicht einordnen, geschweige denn verarbeiten können.

Eindrucksvoll auch die Schilderung des Momentes, in dem Romand die Waffe auf seine Eltern richtete: „(…) beiden war demnach bewusst gewesen, dass sie durch die Hand ihres Sohnes starben, sodass sie im selben Augenblick sowohl ihrem Tod ins Auge sahen (…) als auch der Auslöschung all dessen, was ihrem Leben Sinn, Freude und Würde verliehen hatte.“ Eine griechische Tragödie, die sich im Jahr 1993 in der französischen Provinz abspielte.

Ein starkes, schmerzhaftes und sehr wichtiges Werk in Zeiten, wo überall nach einfachen Antworten gesucht wird. In Zeiten, wo in Sekundenschnelle im Netz die Rollen von Gut und Böse verteilt werden. Ein Mord ist ein Mord, bleibt ein Mord und eine furchtbare Tat. Aber hinter jeder Tat steht ein Warum, steht ein Grund, lauert eine Geschichte, oft eine ebenso schreckliche. Wir dürfen nie aufhören, nach den Ursachen zu suchen und – im besten Fall – Antworten zu finden.

Am Ende dieses Buches findet sich noch ein äußerst lesenswertes Interview der Übersetzerin mit dem Autor. Spätestens dort lernt man ihn als das Gegenteil eines zynischen und berechnenden Schriftstellers kennen, er lässt uns an seinen Emotionen teilhaben und bestätigt jede mitfühlende Zeile, die wir von ihm gelesen haben. Dann stellt Claudia Hamm die Gretchenfrage: Sollte Literatur tröstlich sein? Hundertprozentig, meint Carrère. Ich stimme hundertprozentig zu, selbst, wenn der Teufel höchstpersönlich mit von der Partie ist. Solange Carrère über ihn schreibt, ist auch dies tröstlich.

Emmanuel Carrère: Der Widersacher. Aus dem Französischen von Claudia Hamm. Matthes & Seitz Berlin, 195 Seiten, 22,- €. Jetzt direkt und portofrei bei Hugendubel.de bestellen. Auch als eBook für 17,99 € erhältlich.

karenina-illustration

Advertisements

Ein Gedanke zu “Sympathie für den Teufel?

  1. Ein sehr schwieriges, ganz klar herzerweichendes Thema, das bei mir und vielen Anderen oft nur eine gewisse Hilflosigkeit hinterlässt. Eine wichtige, eine gute Rezension! Und ein Buch, auf das ich anderenfalls niemals aufmerksam geworden wäre! Dankeschön!

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s