Die Klappentexterin kommt ins Museum. Und liest.

Wenn ein Blog mittlerweile acht Jahre alt ist, wird er schon mal von einem Museum gewürdigt. Könnte man fast meinen. Aber ganz so war es dann doch nicht, als sich die Klappentexterin am letzten Sonntag ins Leipziger Museum der bildenden Künste (MdbK) begab.

Der eigentliche Anlass war eine wunderbare kulinarische und kulturelle Entdeckungstour, die Christine Klauder vom Genussführer Thüringen nach Leipzig geholt hat. Gemeinsam mit dem von Stefan Felgenhauer neu gegründeten Veranstaltungsmagazin Ahoi können Interessierte drei Tage unter dem Motto Stadtgenuss Leipzig „Zu Luft“, „Zu Wasser“, „Zu Land“ lang die Stadt an verschiedenen Orten erkunden. Die Baumwollspinnerei beispielsweise gehört dazu und das MdbK. An vielen Orten runden einige Buchhandlungen das Programm literarisch ab. Und so konnte ich im Namen von Hugendubel im MdbK eine kleine Lesung halten.

Von außen sieht das Museum recht kühl und puristisch aus, ein grauer Quader, aber innen faszinieren die Lichtverhältnisse. So stehe ich in der imposanten, luftig-hellen Halle und bewundere das Deckengemälde. Dort eröffnet sich mir in 17 Meter Höhe ein unglaubliches Bild, das ich bestaune: Das 462 Quadratmeter große Kunstwerk ist eine Komposition des 1939 in Leipzig geborene Künstler Ben Willikens. Er selbst beschreibt es als eine „visuelle Enzyklopädie meines Gesamtwerkes.“ Unbedingt anschauen! Klickt oben auf den MdbK-Link, dann könnt ihr das Kunstwerk bestaunen, das vor Ort natürlich nochmal um einiges großartiger zu bestaunen ist.

Nur wenige Meter weiter überraschen mich zwei Gesellen aus Pappmaché, die mir zuzwinkern, und zusammen haben wir schnell unseren Spaß. Die Figuren wurden von dem Künstlerkollektiv „Art N’ More“ geschaffen. Mit freundlicher Genehmigung des Museums darf ich euch die beiden Herren hier zeigen. Warum wir alle so erstaunt schauen? Nun, das bleibt unser Geheimnis.

Der große Kassenbereich ist zurückhaltender illuminiert als der Eingang, aber trotzdem sehr stimmungsvoll und anziehend. Klar, hier muss man als normaler Besucher ja auch seinen Eintritt entrichten. Gleich nebenan schließt der Ausstellungsraum für junge Künstler an, den man auch von draußen betreten kann. An der Wand hängt die wahrscheinlich größte Zündkerze der Welt, „Isolator“ genannt. Natürlich auch ein Kunstwerk, das von dem Museum sozusagen gerettet wurde. Denn ihr altes Zuhause in der Prager Straße wurde abgerissen.

Zurück zum Raum für junge Künstler, den mir der Pressesprecher Jörg Dittmer vorstellt: »Junge Leipziger Kunstschaffende, die einen Bezug zur Stadt haben, durften sich bewerben, um hier auszustellen.« In der Reihe CONNECT zeigt der künstlerische Nachwuchs seit Frühjahr dieses Jahres abwechselnd seine vielfältigen Werke. Von Malerei über Videokunst bis zu Installationen ist alles dabei. Aktuell präsentiert Gregor Peschko seine Installation Eingang. Die Illusion funktioniert perfekt: Die Besucher, die über den Seiteneingang ins Museum kommen, holen am Tresen ihr Portemonnaie aus der Tasche und wollen bezahlen. Aber weit und breit ist niemand zu sehen, der ihnen eine Eintrittskarte verkauft. Nur eine lächelnde Klappentexterin und Jörg Dittmer, der die Besucher an die „richtige“ Kasse weiterleitet.

An diesem Sonntag wurde der Raum für Zuhörer bestuhlt, und für mich steht ein Stuhl samt Tisch und Mikro bereit. Vor mir auf dem Tisch präsentiere ich die Bücher, die ich vorstellen möchte. Sie sind mir in den vergangenen Wochen der Vorbereitung sehr vertraut geworden. Das ist eben die Kraft der Bücher – sie schaffen Brücken zwischen dem Vertrauten und dem Fremden.

Meine kleine Auswahl ist mir sehr ans Herz gewachsen, und allesamt eint ein Thema: die Kunst. Der unabhängige Berliner Verlag ebersbach & simon hat mich wiederholt mit einer wundervoll gestalteten und wissensreichen Lektüre beglückt: Ich bin eine befreite Frau – Peggy Guggenheim. Der Autorin Annette Seemann ist eine lesenswerte Biographie über die berühmte Kunstsammlerin gelungen und bringt uns die schillernde Persönlichkeit mit charmantem Blick näher. Eine äußerst erfrischende Lektüre voller außergewöhnlicher Momente und fabelhafter Anekdoten. Das ideale Buch für eine Vorlesezeit.

Ebenso amüsant und interessant ist der Titel Geht ins Museum von Alan Bennett. Der Autor nimmt den Leser mit in zahlreiche Museen und Ausstellungen, dabei würzt er seine Features mit einer gehörigen Prise britischen Humors. Und macht vor allem eins: Lust aufs Museum.

Auch eine große Freude ist ein weiteres Buch aus der Salto-Reihe von Wagenbach: Die Kunst und das Leben. Erinnerungen, Portraits, Schnurren. Geschrieben von Heinz Berggruen, einem der bekanntesten Kunstsammler des 20. Jahrhunderts. Das Werk ist ein schier unerschöpfliches Sammelsurium an Begegnungen mit Künstlern wie ungewöhnlichen Menschen und erfreut mit herrlich altmodischen Dingen, wie zum Beispiel dem Ausdruck Gazette. Erheiternd, interessant und bezaubernd.

Genauso ergeht es mir mit John Bergers letztem Buch, das im Frühjahr – ein Jahr nach dem Tod des Schriftstellers, Malers und Kunstkritikers – bei der Edition Hanser Akzente erschienen ist: Ein Geschenk für Rosa. Derart feinsinnig, klug, scharf beobachtend und berührend, dass es mir zunächst schwerfällt, eine Passage herauszupicken, um daraus vorzulesen. Am liebsten möchte ich das ganze Buch vortragen, weil Berger in seine Betrachtungen und Beobachtungen so viel Lebensklugheit hineingestreut hat. Nicht offensiv, eher zart wie feine Pinselstriche, die Maler zuletzt setzen. Obendrein finde ich hier viel Wärme, die sich schützend über die Kälte des Lebens legt. Zahlreiche Bilder runden das Gesamtkunstwerk ab.

Es war also ein interessanter Mix, den die Klappentexterin an jenem Sonntagvormittag in der wunderbaren Halle vorgetragen hat. Ja, es fühlt sich gut an, in einem so inspirierenden Umfeld wie einem Museum zu lesen und ein Teil davon zu sein. Manchmal ist es also eine Kunst, die Klappentexterin zu sein.

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