Die unterhaltsame Naturgewalt des Monsieur Depardieu.

arnaud_frilley

Alexandre Dumas war ein Erlebnis, eine kolossale Erscheinung von 130 kg, Schlossbesitzer und Autor von Werken, die man durchaus zu den Klassikern zählen kann, wie „Die drei Musketiere“ und „Der Graf von Monte Christo“. Im 19. Jahrhundert reiste Dumas durch den Kaukasus, begleitet von dem Maler Jean-Pierre Moynet, der das 1859 erschienene Buch mit dem blumigen Titel „Gefährliche Reise durch den wilden Kaukasus“ mit seinen Radierungen illustrierte.

Etwas über 150 Jahre später macht sich ein anderer, ebenfalls gewichtiger Franzose, Schlossbesitzer und weltberühmter Schauspieler, für eine Film-Doku auf den Spuren Alexandre Dumas´ auf den Weg durch den Kaukasus. Heute keine besonders gefährliche Reise mehr, aber durchaus ein Abenteuer, wenn es sich bei dem Schauspieler um Gérard Depardieu handelt.

 

Mathieu Sapin_Fuenf_Jahre_am_Rockzipfel_von_DepardieuBegleitet wird er von dem Zeichner Mathieu Sapin. Nicht der einzige, der von der Filmproduktion angefragt wurde, aber andere haben dankend abgewunken mit der Begründung „Ich bin doch nicht verrückt.“ Für Sapin hat es sich gelohnt – aus ein paar Tagen Reisebegleitung sind insgesamt fünf Jahre geworden, die der schmächtige Zeichner an der Seite des gewichtigen Schauspieler verbracht hat.

„Gérard – Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu“ von Mathieu Sapin führt uns nach Aserbaidschan, nach Moskau, Bayern, Katalonien und Portugal. Und immer wieder zurück nach Paris. Alle diese Reisen und Begegnungen hat Sapin in vielschichtigen, oft detailverliebten und humorvollen Zeichnungen wunderbar eingefangen.

Das Buch zeigt uns den großen Darsteller in seiner ganzen, monumentalen Widersprüchlichkeit. Als jemanden, der den Tod nicht fürchtet und Friedhöfe liebt, aber doch nachts vor lauter Angst vor dem Ende wachliegt. Als Kunstliebhaber und Kulturmensch, der Handke zitiert und gleichzeitig Kontakt zu tschetschenischen Kriminellen pflegt.

Gerard S10-11_red
@ Reprodukt, Mathieu Sapin (2)

Wo kommt so jemand her? Nicht aus der feinen Pariser Gesellschaft. Depardieus Vater war Analphabet, er selbst verließ früh die Schule, fand Gefallen an Schlägereien, Schmuggeleien und den Reizen der Nacht. Verkehrte mit GIs und Huren, die ihm ein Tattoo stachen. Kurz gesagt: Depardieu fing früh an, das Leben zu lieben, das Leben der Straße und im Laufe der Jahre das Leben als Künstler. Er hat nichts dagegen, berühmt zu sein und akzeptiert klaglos die Schattenseiten des weltweiten Ruhms, wenn er, wo immer er sich gerade befindet, angesprochen und zu einem Selfie aufgefordert wird.

Eine seiner Lieblingsrollen ist die des maßlosen Genussmenschen, in der er sich – zugegeben – nicht besonders verstellen muss. Für eine TV-Produktion mit dem Titel „Schlemmen mit Gérard Depardieu“ frisst er sich durch halb Europa, verzehrt Berge von Fleisch, und erzählt dabei schmatzend und kauend großartige Geschichten von der Liebe zum Essen.

Gerard S40-41_redVeganer und Vegetarier werden sich winden. Aber niemand muss Depardieu mögen, diesen Putin-Freund und Wahlhelfer von Sarkozy, der den sozialistischen Präsidenten Hollande während eines Telefonates brüskiert. Diesen Instinktmenschen, der aber auch niemandem gefallen möchte und sich selbst von der großen Politik nicht instrumentalisieren lässt. Der Mann bleibt sich stets treu, ist kein künstliches Produkt des Internet-Zeitalters, sondern ein Ereignis, eine Naturgewalt.

So ist es schwer, sich ihm zu entziehen. Und am Ende empfindet man tatsächlich Sympathie für dieses Riesenkind, das alles aufsaugt, bestaunt und nach allem fragt. Vor allem, weil Depardieu herrlich unbeugsam ist. Moment, hm, unbeugsamer, dicker Gallier, pardon, Franzose, da war doch was? Ich sag es, wie es ist: Ich habe mich seit den wirklich guten Bänden mit Asterix und Obelix selten so amüsiert wie mit diesem Buch. Eine äußerst unterhaltsame Naturgewalt, der Großschauspieler und Selbstdarsteller Gérard Depardieu.

karenina-illustration

Mathieu Sapin: Gérard – Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu. Aus dem Französischen übersetzt von Silv Bannenberg. Handlettering: Olav Korth. Reprodukt 2017, 160 Seiten, farbig, 20,5 x 27,5 cm, Hardcover, 24,- €. Direkt und portofrei bei Hugendubel.de bestellen

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s