Lesen heißt leben: Der Welttag des Buches.

© Torsten Woywod

Die gute Nachricht lautet: Das Buch lebt! Die weniger gute: Es lesen immer weniger. In den letzten Jahren gingen dem Buchhandel Millionen von Bücherkäufern verloren. Da kommt der Welttag des Buches gerade richtig. Und ein Plädoyer von der Klappentexterin und Herrn Klappentexter, das Lesen doch bitte nie, nie, nie einzustellen.

Passend zum Anlass empfehlen wir daher heute drei Bücher, in denen es um zwei der schönsten Dinge des Lebens geht: das Lesen und die Buchhandlungen. Die Bücher von Torsten Woywod und Martha Schoknecht bespricht die Klappentexterin, Herr Klappentexter hat sich mit Alberto Manguel beschäftigt.

Torsten Woywod: In 80 Buchhandlungen um die Welt.

Es klingt wie die Erfüllung eines Traumes: Um die Welt reisen und Buchhandlungen zu besuchen. Torsten Woywod hat sich diesen Traum erfüllt. Zunächst reiste er durch Europa und veröffentlichte darüber bereits sein Buch In 60 Buchhandlungen durch Europa. Aber Europa ist ja bekanntlich nicht die Welt. So machte er sich ein zweites Mal auf den Weg und reiste in drei Monaten quasi einmal um den gesamten Erdball, um besonders eindrucksvolle Buchhandlungen aufzusuchen. Sein Projekt führte ihn von Asien (Japan, Südkorea, China, Taiwan, Philippinen, Thailand, Malaysia, Singapur, Indonesien) über Australien bis nach Amerika (USA, Mexiko, Chile, Argentinien, Brasilien).

Uns Daheimgebliebene nimmt Torsten Woywod in seinem Buch In 80 Buchhandlungen um die Welt nun mit auf diese unvergleichliche Reise. Wie zu einem Freund spricht er von seinen Erlebnissen zwischen den Buchhandlungen und im Flugzeug, berichtet von Zufällen und wunderbaren Begegnungen. So zum Beispiel über die unglaubliche Hilfsbereitschaft der Chinesen. Er startet jedoch in Japan, was mich als ausgewiesene Liebhaberin des Landes und seiner Literatur natürlich begeistert.

© Torsten Woywod.

Torstens erste Übernachtungsmöglichkeit außerhalb des Flugzeugs führt ihn in das Book and Bed Tokyo, ein bibliophiles Hostel. Die Schlafplätze sind in die Bücherregale integriert, und selbst von der Decke hängen Bücher. Retro-Glühbirnen unterstützen die Lesewohlfühlatmosphäre, insgesamt ein magischer Ort für alle Büchermenschen.

Genauso traumhaft ist Jimbocho, ein Viertel, in dem sich sagenhafte 180 Buchhandlungen niedergelassen haben. Dort trifft der Reisende auf die wahrscheinlich kleinste Buchhandlung der Welt: Der Verkaufsraum misst gerade mal zwanzig Quadratmeter und präsentiert nur ein Buch. A Single room with a single book lautet das Motto von Morioka Shoten. Der Inhaber wechselt jede Woche das Buch aus. Minimalismus in Buchhandelsform. Sehr, sehr ungewöhnlich, aber durchaus erfolgreich. So wurde der Shop mit dem Red Dot Design Award ausgezeichnet.

Auf den Philippinen erwartet uns ein atemberaubend schönes Kunstwerk, das ihr am Anfang des Beitrages seht: Der US-Künstler Mike Stelkey hat aus über dreitausend gebrauchten Büchern eine Bücherskulptur geschaffen, von denen sich die Augen nicht lösen wollen. Bestaunen könnt ihr es im Fully Booked.

© Torsten Woywod.

Den originellsten Claim finde ich in Kalifornien: „What are you waiting for? We won’t be here forever.“ Willkommen in The Last Bookstore. Der Name ist ironisch gemeint, aber auch ein wenig dystopisch. Im Zuge des immer weiter wachsenden Internethandels und der abnehmenden Anzahl an stationären Buchhandlungen war so eine gigantische Neueröffnung schon im Jahr 2005 nicht ganz ohne Risiko. Dennoch hat man es gewagt – und gewonnen. Wie so viele andere vorgestellte Buchhandlungen präsentiert sich auch hier ein architektonisches Meisterwerk. Man schaue sich nur den Durchgang aus achtzehn (!) Bücherstapeln an. Ebenso begeistert mich der Buchladen in Los Angeles mit seinem riesigen Sortiment: Hier warten auf 2.500 Quadratmetern über 250.000 Bücher und Schallplatten auf neue Eigentümer. The Last Bookstore ist die größte Neu- und Gebrauchtbuchhandlung Kaliforniens. Und sie macht verdammt viel Mut.

Übrigens: Zu jedem Land spricht Torsten Woywod am Ende des Abschnitts interessante Lektüreempfehlungen aus. So ist In 80 Buchhandlungen um die Welt ein Reiseführer der ganz besonderen Art. Und gleichzeitig eine Hommage an die Buchhandlungen dieser Welt.

Hier noch ein kleiner Hinweis: Besucht gern auch Torsten Woywods Fanpage auf Facebook: Around the World in 100 Bookshops.

Torsten Woywod: In 80 Buchhandlungen um die Welt. Meine Reise zu den schönsten Bücherorten unserer Erde. Eden Books 2017, 272 Seiten, 19,95 €.

Martha Schoknecht: Der schönste Ort der Welt.

Einen Atemzug nur brauchen das Buch und ich, um Freunde zu werden. Urs Widmer begrüßt mich mit seinem kurzen Text über uns Buchhändler: „Du kletterst auf Leitern und Stühle, um unsre Werke in die Hände der Kunden zu legen. In deinem Büro hängt ein Poster, auf dem steht, was der moderne Buchhändler von heute nicht tun darf, wenn er am Ball bleiben will.“ Ha, erwischt! Ein Grinsen läuft über mein Gesicht und bleibt dort die nächsten 223 Seiten erhalten.

Martha Schoknecht hat eine hinreißende Anthologie über Buchhandlungen und Bücher zusammengestellt. Neben Urs Widmer begrüßen eingangs weitere kurze Texte die neugierigen Leser: „Büchermenschen, sagen Sie? Solche, die im Stehen, Sitzen, Liegen lesen, die ihre Brut vernachlässigen, ihre Haltestelle verpassen, die innerlich überbevölkert leben?“ „Genau, genau“, ruft Herr Klappentexter in meine Richtung. Danke, lieber Roger Willemsen für diese Worte. Ich blicke für einen Moment aus dem Buch in den Himmel.

Die Anthologie zeigt sich genauso vielseitig wie die Welt der Bücher und der Buchhandlungen, die ja seit jeher große Inspirationsquellen sind. Sie führen uns zu neuen Ufern, in fremde Welten und zu interessanten Menschen.

Der schönste Ort der Welt ist ein wundervolles Sammelsurium über Büchermenschen und die Magie der Buchläden. Ich stehe zusammen mit Petra Hartlieb im Weihnachtsgeschäft und verfolge in Zwei Visionärinnen von Madge Jenison zwei Menschen, die das, was sie machen aus ganzem Herzen und voller Überzeugung tun. Und für ihren Traum einer Buchhandlung kämpfen, auch wenn´s dabei oft ums wirtschaftliche Überleben geht. Gustav Flaubert zeigt mir das Drama eines Bibliomanen, der nicht schlafen kann, sondern die Nacht in seinen Büchern verbringt und seinen Schatz eines Tages verliert. Ich fiebere mit und schmunzle dabei viel, träume und finde mich darin wieder.

Nicht zuletzt verbreitet die Anthologie eine wichtige Botschaft: Buchhandlungen sind besondere Orte, die es zu bewahren gilt. Laurel Leto bringt es in ihren Zehn Tipps für das Anbandeln in Buchhandlungen am Ende des Buches auf den Punkt: „Beklage den Umstand, dass ihr euch in einer Welt ohne Buchläden nie begegnet wärt.“ Ganz genau: Was wäre eine Welt ohne Buchläden? Ein sehr trauriger Ort.

Martha Schoknecht: Der schönste Ort der Welt. Von Menschen in Buchhandlungen, Diogenes Verlag 2017, 223 Seiten, 10,- €.

Alberto Manguel: Eine Geschichte des Lesens.

Normalerweise lesen die meisten von uns Geschichten. Geschichten über die Liebe und den Tod oder über tödliche Liebe. Geschichten über das Leben und den Wahnsinn oder wie wahnsinnig man doch am Leben hängt. Aber es kann sich auch lohnen, Eine Geschichte des Lesens von Alberto Manguel zu lesen. Sehr sogar. Bereits in seinem ungemein klugen Vorwort zur vorliegenden Ausgabe schreibt der Autor, wie wohltuend es ist, zu erfahren, dass es offensichtlich auf der ganzen Welt zahlreiche Leser gibt, die die gleichen Erfahrungen, Offenbarungen und Obsessionen mit ihm teilten. „Tatsache ist, dass unsere Macht als Leser universell ist und universell gefürchtet, denn bekanntlich kann das Lesen im Idealfall aus gefügigen Bürgern denkende Wesen machen, die sich gegen Unrecht, Elend und den Missbrauch der Herrschaft auflehnen.

Tja, im Idealfall. Im anderen ahnt man, was alles verlorengeht, wenn immer weniger lesen und immer mehr nur noch auf kleine oder größere Bildschirme starren, auf der Suche nach dem trivialen, schnellen Kick. Deshalb sind diesem Buch viele wissensdurstige Leser zu wünschen, die mehr über die Geschichte des Lesens erfahren möchten. Was ja im übrigen nichts anderes als die Kulturgeschichte und die Geschichte des Lebens ist. Denn der Akt des Lesens steht keinesfalls im Gegensatz zum echten Leben, es dient vielmehr, das Leben zu begreifen.

Manguel nimmt uns mit auf eine Reise durch die Epochen und wir erfahren, dass die ältesten, erhaltenen Schriftzeugnisse aus dem 4. Jahrtausend v. Chr. stammen. Und von Thomas von Aquin, dass das Sehen der wichtigste Sinn ist, durch den wir Wissen erlangen. Allerdings war es vor dem 10. Jahrhundert nicht üblich, still für sich zu lesen, sondern laut und für jedermann gut hörbar. Walt Whitman las am liebsten in der Natur. Lesen verbindet, es ist beglückend zu wissen, dass man nicht allein ist. Dass es immer noch andere Menschen gibt, denen das Lesen Kraft gibt und Vergnügen spendet. Natürlich sind Bücher auch hervorragende Erkennungs- und Verbindungszeichen.

Ich erinnere mich, wie ich mit 17 Jahren im Bus auf dem Weg in die Schule den Herr der Ringe in der froschgrünen Ausgabe von Klett-Cotta las. Dann setzte sich das hübscheste Mädchen des Jahrgangs mir gegenüber, holte das gleiche Buch raus und lächelte mich umwerfend an. Von Haus aus schüchtern und mit schwerer Akne ausgestattet, war mir klar – mehr konnte ich nicht erwarten. So war ich dem Schicksal dankbar für diese bescheidene Zuteilung von Glück. Bücherglück, Leseglück, Lebensglück.

Eine Geschichte des Lesens ist prallvoll mit Geschichten über das Lesen. Selten hat Wissen aneignen so viel Freude bereitet, wie mit diesem reichhaltigen, spannenden Werk. Das Schlusswort überlasse ich Gustave Flaubert: „Lies, um zu leben.

Alberto Manguel: Eine Geschichte des Lesens. Aus dem Englischen von Chris Hirte übersetzt. S. Fischer 2012, 480 Seiten, 14,99 €.

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3 Gedanken zu “Lesen heißt leben: Der Welttag des Buches.

  1. Liebe Frau Klappentexterin, lieber Herr Klappentexter,
    vielen Dank für die tollen Buchvorstellungen. Eine „Geschichte des Lesens“ habe ich auch, die anderen sind mir aber noch unbekannt.
    Passend dazu habe ich gleich noch einen Tipp „Gebrauchsanweisung fürs Lesen“ von Felicitas von Lovenberg, im März im Piper Verlag erschienen. Ebenfalls ein wundervolles kleines Büchlein (in Leinen) über das Lesen. Es enthält u. a. auch das Zitat von Roger Willemsen.
    Liebe Grüße
    Nola

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  2. Huhu!

    Eine Welt ohne Bücher oder Buchhandlungen wäre schlimmer als jede Dystopie. Ich finde sehr schade, dass es anscheinend immer mehr Menschen gibt, die das Lesen nie wirklich für sich entdeckt haben…

    „In 80 Buchhandlungen um die Welt“ müsste hier eigentlich auch mal einziehen. 🙂 Wenn ich jemals nach Tokio reisen sollte, werde ich das „Book and Bed Tokyo“ auf jeden Fall in Betrach ziehen!

    „A Single room with a single book“ klingt nach einer sehr ungewöhnlichen Idee, ich bin überrascht, dass der Shop damit erfolgreich sein kann!

    „Der schönste Ort der Welt“ muss auf jeden Fall mal auf die Wunschliste, auch wenn ich nur EX-Buchhändlerin bin… 🙂

    Auch „Eine Geschichte des Lesens“ ist im Prinzip schon lange überfällig, das gehört doch eigentlich auf mein Regal…

    Diese froschgrüne Ausgabe von „Herr der Ringe“ hatte ich früher auf, bis ich dann später auf eine englische Ausgabe umgestiegen bin. Ich muss zugeben, ich fand die grüne Ausgabe immer sehr hässlich…

    LG,
    Mikka
    [ Mikka liest von A bis Z ]

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