Die helfende Hand der Zuversicht.

Der Titel des Buches leuchtet wie eine Fackel, und ich staune erneut über die Macht der Sprache. Ein einziges Wort nur, das die Kraft einer tröstenden Hand hat und zärtlich über eine blasse Wange streicht: Zuversicht. Die wünscht sich die Autorin Mira Magén für ihre Protagonistin in ihrem gleichnamigen Roman. Das spüre ich mit jeder feinfühlig geschriebenen Zeile, und deshalb konnte ich dieses Buch auch nicht mehr aus der Hand legen. Die Sätze aus warmen und bildreichen Wörtern erinnern mich an eine kleine, schöne, aber fleischfressende Pflanze, die zuschnappt, sobald sich ihr etwas Lebendiges nähert. In dem Fall sind es meine Augen. Sofort bemerke ich, dass ich bei Mira Magén eine Anziehung finde, die mich an Zeruya Shalev erinnert. Denn israelische Literatur hat für mich einen ganz besonderen Sound. Wie soll ich ihn beschreiben? Vielleicht kraftvoll, ja, dies scheint mir die richtige Bezeichnung. So vibrierten die Sätze immer noch durch meinen Kopf, wie der Bass aus einem Club am Ende der Straße. Und wo ich hier schreibend sitze, frage ich mich: Wie mag es Nava jetzt wohl ergehen?

Die Romanheldin aus dem von Mirjam Pressler kongenial übersetzen Werk ist zu einer Vertrauten geworden. Durch die Ich-Perspektive kommt sie mir bereits nach den ersten Sätzen sehr nah und berührt mich tief mit ihrem Schicksal. Nava hat alles verloren, was ihr lieb und teuer war. Nun klaffen in ihrem Herzen zwei riesengroße Löcher. Sie kann sie nicht mehr schließen, seit ihr kleiner Sohn und Mann bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen sind.

Wie geht man mit solch einem Verlust um? Gibt es überhaupt ein Patentrezept, das man sich beim Arzt abholen kann? Natürlich nicht. Nava probiert ihren eigenen Ausweg aus dem finsteren Tal der Verzweiflung, der für manchen recht seltsam aussehen mag.

So zeigt sich ihre Schwägerin Jonina entsetzt, als sie von Navas Plan erfährt, dass diese in ein Altenheim ziehen will. Nava entgegnet Jonina: »Was gibt es da zu verstehen, nicht Gott, sondern ein willkürliches Aufeinanderkrachen von Metall hat mein Leben zerstört und mir drei Optionen gelassen, Friedhof, Irrenanstalt oder betreutes Wohnen, und ich habe die dritte Option gewählt.«

Nava wird dort nicht mit offenen Armen begrüßt, es gibt sogar eine Unterschriftenaktion gegen sie, doch die trauende Witwe bleibt in Neve Techelet. Und trifft im Laufe der Zeit auch auf offene, herzensgute und ihr zugewandte Menschen, wie die backfreudigen Zwillinge Billi und Zilli. Oder den Paradiesvogel Sohar Siv: Eine achtzigjährige Bildhauerin, die durch ihr auffälliges Erscheinungsbild allein selbst schon eine Kunstfigur darstellt.

Auch Ola zählt zu Navas neuen Freunden. Eine temperamentvolle, alleinerziehende Mutter mit einem kleinen Jungen, der Nava an ihren verstorbenen Sohn erinnert. Ola ist Navas Kollegin im Supermarkt, in dem sie neuerdings arbeitet. Nava hat nicht nur ihre Wohnung hinter sich gelassen, sondern auch ihren Job als Innenarchitektin abgestreift. Und sie lernt Schlomi kennen, in der Tischlerei ihres Bruders. Schlomi kreiert mit großer Freude Holzspielzeug, für das Nava glückliche Abnehmer findet. So öffnet sich ein Kreis, der viel Schönes zusammenbringt und das Schicksal für eine Weile vergessen lässt.

Was im ersten Moment wie eine neue, heile Welt ausschaut, hat aber Brüche. Es sind nur kurze Augenblicke des Durchatmens, zarten Sonnenstrahlen ähnlich, die sich durch schwere Wolken hindurchkämpfen. Die fürsorglichen Gesten sind ungemein tröstlich. Sie berühren, lassen mich lächeln und öffnen der Zuversicht die Tür. Die Menschen in Navas Umfeld eint nicht nur ihre Herzlichkeit, denn jeder hat so seine Last zu tragen. Aus dem Mund ihrer Schwägerin klingt das so: »… um es kurz zu machen, auch mein Leben ist nicht gerade ein Karibikurlaub, weißt du, jeder schleppt sein Päckchen, das stimmt schon, deines ist ein Schwergewicht, ich sage nicht, dass es nicht so ist…« Statt Nava hier emotional aufzufangen, verschreckt sie Nava weiter und treibt sie in die Arme der Schwachen und Toten. Hier widerspricht ihr wenigstens niemand. Aber ist das der richtige Weg zur Heilung?

Man braucht einen ruhigen, gemütlichen Ort für das Buch und eine gewisse Konstitution, ja, ein bestimmtes Durchhaltevermögen ist vonnöten. Ich ertappe mich dabei, dass ich Nava aus ihrem Tief herausziehen möchte. Andererseits gerate ich bisweilen an einen Punkt, an dem ich seufze und denke: Es reicht. Bis mich die Geduld ermahnt und an die Zeit erinnert. Die braucht es, um über derartige Schicksalsschläge hinwegzukommen. Verlust und Trauer verschwinden nicht einfach wie Morgentau, der mittags längst vergessen scheint. Manchen Menschen gelingt dies überhaupt nicht, sie verlieren sich vollkommen. Und Nava? Nun, das behalte ich für mich. Nur eins sei verraten: Mira Magén zeigt, wie kraftvoll und tröstlich Literatur sein kann. Wie eine helfende Hand.

Mira Magén: Zuversicht. Aus dem Hebräischen übersetzt von Mirjam Pressler. dtv 2018, 431 Seiten, 24,- €. Jetzt direkt und versandkostenfrei bei Hugendubel.de bestellen.

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3 Gedanken zu “Die helfende Hand der Zuversicht.

  1. Eine tolle Rezension. Das klingt ganz nach einem Buch für mich. Zeruya Shalev zählt zu meinen LIeblingsschriftstellerinnen. Und Du stellst hier den Vergleich zu ihr an.
    Der Inhalt klingt zwar sehr dramatisch, aber die Autorin scheint das gut verarbeitet zu haben.
    Also ab damit auf meine Wunschliste.
    Liebe Grüße
    lesesilly

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe lesesilly,

      vielen lieben Dank für deine Worte. Das Buch ist sehr kraftvoll, vor allem in der Sprache, und gleichzeitig sehr intensiv. Ich habe es lange und mit Bedacht gelesen.

      Da wir uns über unsere Bücher kennen, bin ich mir ziemlich sicher, dass es dir mit der Lektüre ebenso gehen wird wie mir. Du wirst begeistert (und vielerlei denken und fühlen) sein – trotz des schweren Themas, insbesondere als große Zeruya Shalev-Leserin.

      Ich freue mich, dass die Autorin deine Aufmerksamkeit bekommen wird. Wie immer bleibe ich neugierig auf deine Leseeindrücke, solltet ihr irgendwann zusammenfinden.

      Sei herzlich gegrüßt

      Klappentexterin

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