Roman graphique: Graphic Novels à la française.

Illustration: Reprodukt / Pénélope Bagieu

Hier nun der abschließende Teil des Frankreich-Specials: frankophone Graphic Novels. Erst französischsprachige Autoren und Illustratoren haben mich zur begeisterten Anhängerin von Graphic Novels werden lassen. Die Vielzahl von illustrierten Geschichten haben wir besonders kleinen Verlagen wie dem Reprodukt Verlag zu verdanken. Anfang des Jahres durfte ich den unabhängigen Verlag im Berliner Wedding besuchen und war erstaunt, auf wie wenig Raum derart großartige Publikationen entstehen. Wenn man Filip Kolek und seinen Kollegen zuhört, wie viel Arbeit hinter einer Produktion steckt, weiß man erst recht den Preis der Graphic Novels zu schätzen. Denn die Texte müssen nicht nur übersetzt werden, sondern auch die Anzahl der Wörter in die Sprechblasen passen. Viele Feinheiten, bevor das Werk dann fertig ist. Ich zeige euch heute eine kleine Auswahl  aus meinem Fundus der bilderreichen Graphic Novels.

 

Fanny Britt, Isabelle Arsenault: Jane, der Fuchs und ich

Das Autorenduo kommt aus Montreal. Also nicht direkt Frankreich, aber frankokanadisch. Meine allererste Graphic Novel, die ich bewundert und mit besonderer Freude gelesen habe. Allein schon deshalb hat sie sich in dem Beitrag einen Ehrenplatz verdient. Fanny Britt und Isabelle Arsenault erzählen in exzellenter Teamarbeit eine traurig-schöne und fantasievolle Geschichte, die sich mit dem Mobbing und Außenseitersein beschäftigt.

Hélène ist ein ganz normales Mädchen, das mich an ihrem Leben teilhaben lässt, das oft finster ist wie ein Gespensterhaus bei Nacht. Sie wird von ihren Mitschülern gehänselt und geärgert. Einzig in dem Buch »Jane Eyre« findet das Mädchen eine Fluchtmöglichkeit in die Welt der Fantasie. Herrlich, zählt doch dieser Klassiker zu meinen Lieblingsbüchern. Als später noch ein Fuchs und eine mögliche Freundin auftauchen, ist das Glück perfekt.

© Illustrationen: Reprodukt / Isabelle Arsenault (2)

Fanny Britt und Isabelle Arsenault haben sich mit viel Fingerspitzengefühl mit brisanten Themen wie Mobbing und dem Außenseiter-Dasein auseinandergesetzt. Obwohl die bewegende Geschichte sehr zu Herzen geht, schenkt sie mir zauberhafte Augenblicke und am Ende sogar die wunderschöne Hoffnung, dass alles gut werden kann. Diese Graphic Novel ist zu Recht mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden.

Fanny Britt, Isabelle Arsenault: Jane, der Fuchs und ich. Aus dem Französischen von Ina Pfitzner. Handlettering von Michael Hau. Reprodukt, März 2014, 104 Seiten, 29,- €.

Pénélope Bagieu: Unerschrocken. Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen

Wer kennt sie nicht – bedeutende Frauen, die aus Geschichte, Kultur, Politik und Literatur nicht mehr wegzudenken sind… Und doch gibt es für mich immer noch weibliche Persönlichkeiten, die ich entdecken kann. Das weiß ich jetzt nach diesem Buch. Pénélope Bagieu schenkt mir Begegnungen mit eindrucksvollen Frauen, die mir bisher unbekannt waren. Und das macht doppelt Spaß, weil sie die Lebenswege der Frauen wundervoll illustriert hat.

Gleich zu Beginn begrüßt mich Clémentine Delait, Dame mit Bart. Clémentine wurde 1865 geboren, ein kleines kräftiges Mädchen, der in der Pubertät auch noch ein Bart wächst. Statt sich zu grämen, nimmt sie ihr Äußeres einfach an. Das imponiert Joseph, der sich in Clémentine verliebt. Verschiedene Umstände führen das Paar schließlich ins Nachtleben, sie eröffnen eine Bar – in verdrehter Rollenverteilung. Die starke Clémentine steht hinterm Tresen und der zarte Joseph macht die Buchhaltung. Sich durch dieses ungewöhnliche Leben zu lesen, ist inspirierend und sehr erfrischend.

Pénélope Bagieu / © Foto: Chloe Vollmer

Meine Augen funkeln, auch zur nächtlichen Stunde, in der ich die Geschichte von der Niederländerin Josephina van Gorkum lese. Die Katholikin hat im 19. Jahrhundert einen zehn Jahre älteren Protestanten geheiratet. Damals ein Ding der Unmöglichkeit, weil der König Die Versäulung erlassen hatte. Diese besagte, dass die Gesellschaften der religiösen Säulen voneinander getrennt werden: die Juden, Katholiken und Protestanten. Eine Mischform war schlichtweg nicht erlaubt. Dagegen hat sich Josephina widersetzt und so selbst über den Tod hinaus ein Denkmal erwirkt, das man heute im Roermonder Friedhof oder hier im Buch bestaunen kann.Besonders schön sind die letzten Seiten, die in einem Meer aus Farben und großflächigen Bildern schwimmen. Hier fügt die Autorin nochmals alle wichtigen Elemente der Frauenpersönlichkeiten zusammen.

© Illustrationen: Reprodukt / Pénélope Bagieu (2)

Obwohl viele Leben dramatische Züge haben, fällt das Schwere nicht gewichtig ins Bild. Das gelingt der Autorin durch die Leichtigkeit und einen Witz, der sich durch die Seiten bewegt. So ist das Buch eine anregende und gleichsam interessante Bereicherung. Selten wurde Wissen so spielerisch und charmant vermittelt.

Pénélope Bagieu: Unerschrocken. Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen. Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Sandberg und Heike Drescher. Lettering: Olav Korth. Reprodukt 2017, 143 Seiten, 24,- €.

Catherine Meurisse: Die Leichtigkeit

Das Leben kann manchmal ganz schön verdreht sein. Jeder kennt den Satz: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Im Fall von Catherine Meurisse verhält es sich genau anders herum. Weil die französische Comiczeichnerin verschlafen hatte und zu spät in die Redaktion von Charlie Hebdo kam, hat sie überlebt. Doch das Leben danach wurde für die junge Französin bleischwer. Der Schockzustand und die Trauer, enge Vertraute und Kollegen verloren zu haben, raubten ihr jegliche Inspiration und Kraft. Wie sie mit dem Leben nach Charlie Hebdo umging, darüber erzählt sie in ihrer Graphic Novel »Die Leichtigkeit«.

© Illustrationen: Carlsen / Catherine Meurisse (2)

Das Buch ist ein wilder, bunter Mix, der traurig stimmt und sehr nachdenklich macht. Die Autorin öffnet ihre Türen und nimmt mich mit in ihre Seele, die am 7. Januar 2015 nachhaltig verletzt wurde. Seitdem ist sie kein freier Mensch mehr und erhält Polizeischutz. Und sie fühlt sich schrecklich leer. Nichts bringt ihr Freude, nicht einmal ihr Lieblingsautor Marcel Proust. Pardon!, ihre Lebenshilfe, wie sie betont. Und das Meer. Doch auch bis hier hin verfolgt sie ihre Geschichte, die mit dem Schicksal um Charlie Hebdo tief verbunden ist. Andererseits gibt es in dem Buch viele Schmunzelmomente, die mir die Leichtigkeit des Lachens schenken.

Catherine Meurisse hat einen wunderbaren Humor, den sie trotz alledem nicht verloren hat. Genau das macht dieses Buch zu einem einzigartigen Leseerlebnis. Ein Wechselbad der Gefühle mit einer Vielzahl verschiedenen Illustrationen: Von einer schwarz-grauen Tristesse bis hin zu einem goldig-warmen Sonnenuntergang. So wie sie die ganze Farbpalette benutzt, trifft sie beinah jedes Gefühl in mir und macht mich zu einer Wegbegleiterin. Gemeinsam begeben wir uns auf die Suche, ihre Seele wieder mit Leichtigkeit und Inspiration zu füllen, fahren hierzu sogar nach Rom. Wer sich uns anschließen möge, ist herzlich eingeladen, diesen außergewöhnlich berührenden Comic zu öffnen.

Catherine Meurisse: Die Leichtigkeit. Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock. Lettering: Olav Korth. Carlsen 2016, 136 Seiten, 19,99 €.

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2 Gedanken zu “Roman graphique: Graphic Novels à la française.

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