Encore une fois: Vive la littérature!

Nachdem sich Herr Klappentexter ja schon mit seinen Favoriten zu Wort gemeldet hat, folgt nun der zweite Teil unseres Frankreich-Specials. Frankreich! Schon das Wort hält für mich viel Schönes bereit: Köstliche Croissants, stilvolle Mode, großartige Filme, eine wunderschön klingende Sprache und natürlich formidable Literatur. Französische Literatur ist für mich stets ein Garant für allerfeinste Lesestunden. Insofern war ich höchst beglückt, als ich vom diesjährigen Gastland der Frankfurter Buchmesse erfuhr. Zu diesem Anlass erschienen etliche frankophone Neuerscheinungen. Eine kleine Auswahl davon präsentiere ich euch heute. Aber nicht nur. So ist die französische Literatur in meinem Regal der Lieblingsbücher zahlreich vertreten. Was wäre ich ohne Françoise Sagan? Oder ohne Simone de Beauvoir und Irène Némirovsky? Auch ein Leseleben ohne Albert Camus oder Patrick Modiano kann ich mir nicht vorstellen.

Patrick Modiano. © Foto: Catherine Hèlie

Ich erinnere mich noch an den großen Jubel vor drei Jahren, als Patrick Modiano den Literaturnobelpreis erhielt, auch bei mir. Der Autor zählt seit langem zu meinen Lieblingen. Sicher auch, weil das erste Buch, das Herr Klappentexter mir schenkte, eben eines von Modiano war: In Unbekannte Frauen traf ich auf Gleichgesinnte. Seinerzeit fühlte auch ich mich irgendwie in der großen Welt verloren, und Patrick Modiano fing mich auf mit seinen drei jungen Frauen, die sich unsicher durch das Leben bewegen und den suchenden Blick im Gesicht haben. Umgeben von einer süßen Melancholie, die ich in einigen Werken des Autors wiederfand. Sie versprüht einen Hauch Nostalgie und lässt mich an einen alten Citroen DS denken.

Patrick Modiano: Unbekannte Frauen. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. dtv 2014, 144 Seiten, 8,90 €.

Bittersüße Melancholie, eingebettet in eine federnde Leichtigkeit, finde ich ebenso bei Françoise Sagan. Bonjour Tristesse ist ein wunderbar sommerliches, stimmungsvolles und gleichsam tragisches Buch, das der Ullstein Verlag jetzt von Rainer Moritz hat neu übersetzen lassen, versehen mit einem lesenswerten Nachwort von Sibylle Berg. Darin geht sie auf den Erfolg des Buches ein und durchleuchtet die Zeit, in der das Werke erschienen ist. Eine Zeit, in der Frauen nur mit der Genehmigung ihres Mannes arbeiten durften. Plötzlich erscheint das Buch einer 18jährigen mit diesem Inhalt. Welch Skandal!

Schön, dass mit der Neuübersetzung würdevoll an die Autorin erinnert und neuerliches Interesse an ihr geweckt wird. Während sich der melancholische Atem der Vergangenheit in der frischen Herbstluft auflöst, wandert mein Blick zu den zeitgenössischen französischen Autoren und Autorinnen. Von ihnen gibt es diesen Herbst zahlreiche zu entdecken.

Grégoire Hervier: Vintage

Grégoire Hervier leuchtet auf dem Bücherberg geradezu hervor. Unter den mitunter sehr bewegenden neuen Büchern der Saison bewegt sich Vintage mit einer gewissen Schwerelosigkeit und beschert dennoch ein packendes Lesevergnügen. Eine besondere Stimmung und ein sympathischer Erzähler ziehen mich magisch an und wollen mich einfach nicht mehr loslassen.

»Vintage« kommt ohne eine Lovestory aus und trifft trotzdem mitten ins Herz. Wie das? Nun, Grégoire Hervier versprüht die richtige Dosis an Leichtigkeit, schreibt obendrein unglaublich erfrischend und weiß, wie man eine knisternde Spannung erzeugt. Sein Ich-Erzähler Thomas Dupré gerät mitten hinein in eine Detektivstory – er soll eine gestohlene Gibson Moderne wiederfinden. Eine sehr kostbare Gitarre. Wenn ihm das gelingt, erhält er eine Million. Nicht schlecht, aber ganz so einfach ist es natürlich nicht. Sehr abenteuerlich wird’s auch für mich als Leserin, die bei der Lektüre häufig ein verschmitztes Lächeln im Gesicht trägt, denn der Autor ist ein Charmeur par excellance.

Und er nimmt den Leser mich an die unterschiedlichsten Orte: Von Paris aus geht’s zunächst nach Schottland, dann weiter nach Australien und von dort brechen wir nach Amerika auf, genauer gesagt nach Memphis, Tennessee und von dort aus weiter in andere Städte. Unterwegs stoßen wir auf einige liebenswerte Sammler und zwielichtige Gestalten. In alldem mein sympathischer Jäger, an dessen Fersen ich kleben bleibe. Bis zum Schluss und freudig in die Hände klatsche. Grégoire Hervier ist ein unbekannter Autor, den es zu entdecken gilt!

Grégoire Hervier: Vintage. Aus dem Französischen übersetzt von Alexandra Baisch und Stefanie Jacobs. Diogenes 2017, 400 Seiten, 20,99 €.

Tristan Garcia: Faber

© Foto: privat

Bei Tristan Garcia sollte man schon gefestigter sein. Faber. Der Zerstörer geht vor allem ab der Mitte des Buches immer mehr an die Substanz und hat einen verstörenden Charakter. Einige von euch kennen den Autor vielleicht von seinem Sachbuch Das intensive Leben. Eine moderne Obsession (erschienen bei Suhrkamp). In seinem nun vorliegenden Roman präsentiert er seine philosophische und literarische Ader. Das Buch kreist um die drei Freunde Basile, Madeleine und Faber, wobei Faber der herausragende Kopf ist, ein schlauer und ebenso geheimnisvoller Mensch, der in der Grundschulzeit seine beiden Freunde vorm Mobbing der Mitschüler gerettet hat.

Aus den Einzelgängern wird ein unzertrennliches Trio. Faber hat einen großen Gerechtigkeitssinn, ist seinen Freunden weit voraus und saugt mit seinen jungen Jahren alles über Geschichte, Literatur und Kunst auf. Im Unterricht hört er kaum zu und vertieft sich nur in seine Bücher. Trotzdem bekommt Faber Bestnoten, ein Waise und Wunderkind. Ein Junge mit verschlossenen Türen, durch die man schwer hindurchkommt.

Wie schon einmal, ist Faber plötzlich verschwunden. Madeleine macht sich auf, um ihn zu suchen, nachdem sie einen Brief erhalten hat. Sie findet Faber ziemlich heruntergekommen in einer Holzhütte in den Pyrenäen, und nur widerwillig folgt er ihr. Zurück in der Heimatstadt erwartet sie der gemeinsame Freund Basile. Sodann tauche ich in die Kindheit der drei und verliere mich mit jeder Seite mehr in dieser Geschichte.

Tristan Garcia nimmt mich mit in eine außergewöhnliche Freundschaft, die fasziniert. Doch das Hier und Jetzt drängt sich mitunter dazwischen. Die Unsicherheiten und Fragen klopfen wie Hagelkörner in die Stille: Werden die beiden den verwahrlosten Faber retten können? Wollen sie es überhaupt? Welchen Plan verfolgen Madeleine und Basile? Der vielstimmige Roman offenbart unterschiedliche Wahrheiten, sofern sie denn welche sind. Selbst nach der Lektüre laufe ich ziemlich aufgewühlt durch die Wohnung und denke: Ein zerstörerisch gutes Buch!

Tristan Garcia: Faber. Der Zerstörer. Aus dem Französischen von Birgit Leib. Verlag Klaus Wagenbach 2017, 432 Seiten, 24,- €.

Yasmina Reza: Babylon

Kann ein Buch spannend sein, obwohl man bereits zu Beginn weiß, was passiert ist? In diesem Fall ja. In ihrem neuen Roman Babylon erzählt Yasmina Reza von einem Mord, der über der Wohnung der Ich-Erzählerin Elisabeth passiert ist. Und das kurz nach ihrer Party. Da klingelt Jean-Lino und berichtet, dass er soeben seine Frau Lydie erwürgt hat. Beide waren erst vor wenigen Stunden Gäste der Party. Was nun? Alle bleiben ruhig, erstmal durchatmen. Elisabeth nutzt dies, und lässt uns im Wechselspiel an ihren Gedanken teilhaben. Die sind bisweilen äußerst tiefschürfend. Sie kehrt immer wieder in die nächtliche, doch leicht bizarre Szene zurück. Was tun? Jean-Lino helfen, die Leiche zu beseitigen? Oder die Polizei anrufen? Yasmina Reza erweist sich wie auch in ihren anderen Werken als Meisterin des zwischenmenschlichen Dramas. Das macht Spaß und unterhält auf kluge Art.

Yasmina Reza. © Foto: Pascal Victor

Ich hatte das große Glück, »Babylon« von Yasmina Reza in der Hörbuchfassung von Maren Kroymann zu genießen. Und ich vermute, die Geschichte hat durch das Vortragen um einiges gewonnen. Denn eine richtige Stimme erreicht doch so viel mehr als die Augen und der eigene Ton, der während des Lesens entsteht. Maren Kroymann hat ein fantastisches Theaterstück im Kopf kreiert. Und das allein mit der Kraft ihrer Stimme, die zaubern kann. Kroymann gelingt das Kunststück, indem sie den verschiedenen Charakteren das entsprechende Timbre versieht. Obendrein sind Erzählerin und Vortragende wie zwei Puzzleteile. Wie anders sich ein Buch lesen kann, das beweist die Schauspielerin auf beeindruckende Weise. Unerhört gut!

Yasmina Reza: Babylon. Aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel. Hanser 2017, 224 Seiten, 22,- €. Das Hörbuch ist bei Hörbuch Hamburg erschienen. Dauer: 318 Minuten. Als Download und in CD-Form zu erhalten.

Sophie Divry: Als der Teufel aus dem Badezimmer kam

Stellt euch vor, bis zum nächsten Geldeingang auf eurem Konto sind es noch zehn Tage und habt ihr nur noch 17,70 € in der Tasche. Das ist hart. So ergeht es der Romanheldin aus Sophie Divrys Roman Als der Teufel aus dem Badezimmer kam. Die arbeitslose Ich-Erzählerin hat eine Nachzahlung von ihrem Stromanbieter erhalten und findet sich plötzlich in dieser prekären Situation wieder.

Wenngleich die Ausgangssituation recht tragisch ist, begeistert das Buch jedoch mit ungeahnten Ideen und Wendungen. Denn die Erzählerin erweist sich als äußerst kreativ. So finden sich auf den Seiten fantasievolle graphische Elemente und kleine Buchstabenkunstwerke. Auch Zwiegespräche mit ihrer Mutter und ihrem Freund Hector schenken dem Buch eine amüsante Seite. Eine elegante und lebendige Sprache setzt dem Ganzen noch ein Krönchen auf.

Es gibt viele bewegende Seiten, etwa wenn Divry schreibt: »Im Supermarkt sind die Armen leicht zu erkennen. Es sind die mit einer Einkaufsliste in der Hand, von der sie nicht abweichen. Die, die Waren ohne Preisschild mit dem Barcodescanner prüfen. Die, die vor den Regalen von einem Fuß auf den anderen treten.« Es gibt aber auch lustige Stellen, die mir Erleichterung verschaffen und mir sagen wollen: Nicht so schlimm, alles wird am Ende gut. Doch erstmal ist Sophie hungrig, wartet auf den Geldeingang ihres Honorars und schlägt sich mit dem hochbürokratischen Arbeitsamt herum, dem es egal ist, wie es der Erzählerin geht.

Zunehmend verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fantasie. Als plötzlich noch der Teufel höchst persönlich auftaucht, wird das Verwirrspiel perfekt. Wie viel von dem Text autobiographisch ist, wollte die Autorin nicht verraten. Doch es gab auch in ihrem Leben eine Zeit, in der sie kein Geld hatte. Sophie Divry weiß, wovon sie schreibt, das spüre ich mit jeder Zeile.

Sophie Divry: Als der Teufel aus dem Badezimmer kam. Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky. Ullstein 2017, 272 Seiten, 21,- €.

Gaël Faye: Kleines Land

Fast wäre mir das Buch durchgerutscht. Aber nur fast. Wären da draußen nicht zwei Menschen gewesen, die mir »Kleines Land« innig empfohlen hätten. Jetzt blinzelt mich das kleine Wunder an. Es ist ein zu Herzen gehendes und berührendes Buch – süß wie wie ein Bonbon und finster wie eine Nacht ohne Lichter. Literatur und gleichzeitig ein wichtiges Zeitdokument über das, was in Burundi und Ruanda passiert ist.

Mit den Augen eines Kindes erzählt der junge Autor eine Geschichte, die mitunter biographische Färbungen hat. Gabriel, von seinen Freunden und der Familie liebevoll Gaby genannt, stammt wie der Autor aus dem kleinen afrikanischen Land Burundi, seine Mutter ist gebürtige Ruanderin. Ein Teil von Gabys Kindheit ist durchaus glücklich, in seinen Freunden aus der Straße findet er eine herzerwärmende Gemeinschaft. Sie mögen und necken sich gleichermaßen. Ihr Revier ist die Sackgasse, ein ausrangierter VW-Bus dient als Hauptquartier, in dem sie Pläne schmieden. Gern klauen die Jungs Mangos und essen sie laut schmatzend. Aber hey, was macht das schon? Hier in dem Moment ist alles unbekümmert und wunderbar leicht. Bis zu dem Zeitpunkt, als sich Gabriels Eltern trennen. Danach verändert sich auch das Draußen. Der Konflikt zwischen den Ethnien der Hutu und Tutsi entwickelt sich zum Genozid, der auch an Gaby nicht spurlos vorbeizieht: Schüsse auf der Straße, explodierende Granaten, Familienangehörige, deren Spur sich im Nichts verlieren, Ungewissheit und Angst.

Gaël Faye © Foto: Chris Schwagga

Gaël Faye spricht nicht alles aus, lässt einen Raum zwischen Gaby und mir. Das ist gut und raffiniert wie viele Sätze, die mich aufhorchen lassen: »Der Krieg findet für uns Feinde, ohne dass wir darum gebeten haben.« In Frankreich stand das bemerkenswerte Buch lange auf der Bestsellerliste und gewann zudem den Prix Goncourt de Lycéens. Auch für mich ist das Buch zu einem wichtigen und besonderen Werk geworden, dem ich noch viele LeserInnen wünsche.

Gaël Faye: Kleines Land. Aus dem Französischen von Andrea Alvermann und Brigitte Große. Piper 2017, 224 Seiten, 20,- €.

 

Mit Gaël Faye endet mein heutiges Frankreich-Spezial. Und einem Dankeschön an die Französische Buchhandlung Librairie Française in der Galeries Lafayette für die Erlaubnis zum Fotografieren. Wer französische Bücher im Original sucht, kann sich dort über eine reichhaltige Auswahl freuen. Au revoir!

Französische Buchhandlung Librairie Française (2 Fotos)

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s