Vive la littérature! Auch nach der Buchmesse.

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Die Frankfurter Buchmesse 2017 und alle ihre Aufreger sind Geschichte, aber die Literatur ist immer noch da. So wollen die Klappentexterin und ich als Nachklang und in aller Ruhe ein paar Lieblingsbücher aus unserem Nachbarland vorstellen und den einen oder anderen Klassiker empfehlen. Da ich mich in meiner Funktion als Herr Klappentexter schon länger nicht zu Wort gemeldet habe, hat mir meine wunderbare Frau charmanterweise den Vortritt gelassen.

Die französische Literatur ist ja für sich schon ein Markenzeichen. Immer ein wenig lässiger, eleganter und doch vibrierender als der Rest der literarischen Welt. Manchmal gar revolutionär. Denken wir nur an den erinnerungsversessenen Proust oder den fiebrigen Céline. Selbst Flaubert war seiner Zeit ja weit voraus. Allesamt Klassiker mittlerweile. Ebenso der stilbildende Camus und das intellektuelle Genie Sartre. Und heute? Gastland der Frankfurter Buchmesse. Ein Land, das vor zwanzig Jahren literarisch ein wenig verschlafen schien, bevor Er kam: Michel Houellebecq. Mit Ausweitung der Kampfzone sprengte der moralische Provokateur den kuscheligen Konsens einer bürgerlichen Elite und war der Vorbote einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Vorreiter auf seine Art ein anderer Autor aus – natürlich! – Paris: Emmanuel Carrère, den manche als Erfinder der autobiografischen Autofiktion bezeichnen. Jedenfalls war er weit vor Knausgard da, spannender zu lesen ist er allemal.

Et voilà, dies sind meine frankophonen Favoriten für den Herbst und den kommenden Winter:

Michel Houellebecq – In Schopenhauers Gegenwart.

Houellebecq_(C) Philippe Matsas Flammarion
© Philippe Matsas Flammarion

Hier kommt Futter fürs unterforderte Hirn. Wer Houellebecq nur auf das Enfant terrible reduziert, der hat ihn noch nicht gelesen oder ihn gehörig missverstanden. Beides kann mit diesem schmalen, aber intellektuell gewichtigen Buch korrigiert werden. Noch besser: Man entdeckt nicht nur den wahren Houellebecq, sondern mit Arthur Schopenhauer gleich noch einen der bedeutendsten Philosophen, den Meister der Ästhetik und Ethik. Auf dessen Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung basiert Houllebecqs Reflexion. Er schreibt: »Ich kenne keinen Philosophen, dessen Lektüre auf Anhieb so ansprechend und trostreich ist wie die SchopenhauersSchon der erste Satz Die Welt ist meine Vorstellung ist für Houellebecq in seiner Freimütigkeit und Aufrichtigkeit nicht zu überbieten. Wohl wahr. Aber auch der französische Autor hält für uns einige sehr tröstliche Sätze bereit.

Diese zum Beispiel: »Das ambitionierte, aktive und netzwerkende Individuum, das darauf aus ist, in der Kunstszene Karriere zu machen, wird sein Ziel so gut wie nie erreichen. Den Sieg tragen nahezu antriebslose, zum Loser geborene Nieten davon.« Man seufzt und erhofft, dass es tatsächlich öfter so wäre. Schopenhauer spricht vom Tod, vom Mitleid, von der Tragödie und dem Leid. Kurzum – vom Leben. Und ist dabei frei von Angst. Fürchtet euch also nicht, stillt den Hunger eures Geistes mit diesem erhellenden Buch!

Michel Houellebecq: In Schopenhauers Gegenwart. Aus dem Französischen übersetzt von Stephan Kleiner. Dumont Buchverlag, 80 Seiten, 18,- €.

Meine Zweitempfehlung:
Michel Houellebecq – Die Möglichkeit einer Insel.

michel_houellebecq_schopenhauers_gegenwartDie Älteren unter euch werden sich erinnern: Als wir vor über zwanzig Jahren die ersten Handys in den Händen hielten, da hätten wir jeden für verrückt erklärt, der uns prophezeit hätte, dass die Dinger eines Tages unsere Gesichter erkennen, sie vermessen, gleich unser ganzes Leben vermessen. Dass nicht wenige Menschen alle ihre persönlichen Daten darin speichern und somit der kostenlosen Weiterverwertung bedingungslos zustimmen, dass sie viele Stunden am Tag damit verbringen, auf diese kleinen Bildschirme zu starren.

Insofern bin ich mir gar nicht mehr sicher, ob Die Möglichkeit einer Insel tatsächlich eine biotechnische Utopie ist oder nicht vielmehr eine ziemlich genaue Abbildung einer möglichen Zukunft. Einer Zukunft, in der sämtliche Versprechen auf ein Lebensglück gebrochen wurden, die einem in unserer schönen und modernen Welt ja sekündlich von allen Screens anspringen. Willkommen in ewigen Leben, meine Freunde. Schon der erste Satz dieses Buches bringt den Inhalt auf den Punkt – es geht um die Unsterblichkeit. In einer Welt, die nach einer atomaren Verwüstung und der Klimakatastrophe nicht unbedingt ein lebenswerterer Ort geworden ist. Aber es gibt keinen anderen Ort für den Neo-Menschen, der sich geklont sowie unsterblich unendlich langweilt und sich nach Liebe und Geborgenheit sehnt. Vielleicht auf einer Insel? Daniel24 erwartet euch zu einer Reise in die Zukunft.

Michel Houellebecq: Die Möglichkeit einer Insel. Aus dem Französischen übersetzt von Uli Wittmann. Dumont Buchverlag, 2005. Diese Ausgabe ist vergriffen. Es gibt eine Taschenbuchausgabe bei Dumont für 12,- €.

Emmanuel Carrère: Ein russischer Roman.

emmanuel_carrereBei Emmanuel Carrère hat man immer ein wenig das Gefühl, dass der Mann sich ständig in einer Krise befindet. Ein erfolgreicher Autor und Filmemacher, der Zeit seines in Paris wohnt, hineingeboren in einen intellektuellen Adel, anerkannter Erfinder der literarischen Gattung der Autofiktion. Nach außen ein recht perfektes Leben. Aber das sind eben nur die äußeren Parameter. Auch in diesem Buch hat er nichts erfunden, alles ist wahr und doch manchmal unglaublich. Ein russischer Roman hat tatsächlich romanhafte Züge und begibt sich auf eine Suche nach den russischen Wurzeln des Autors.

Auslöser ist die Geschichte eines ungarischen Soldaten, der 52 Jahre nach Ende des zweiten Weltkrieges in der Psychiatrie eines verlorenen russischen Provinznestes wieder auftaucht. Als stummer Kaspar Hauser. Und am Ende dieser Suche wird ein entsetzliches Verbrechen stehen.

Gleichzeitig steckt der Autor wieder mitten drin in einer ziemlich französischen Liebesaffäre, die er mit einer öffentlich inszenierten Liebeserklärung retten und krönen will. Eine Liebeserklärung, die – für alle Welt lesbar – in der Tageszeitung Le Monde erscheint. Aber die ausgefeilte Inszenierung endet in einem Albtraum, den die Liebe nicht überlebt. Carrère bringt es selbst auf den Punkt: »Das Buch dreht sich um die Drehbücher, die wir ausarbeiten, um die Wirklichkeit zu zähmen. Und um die fürchterliche Art und Weise, in der sich die Wirklichkeit dieser bemächtigt, um darauf zu antworten.« Wie wahr. Träume werden oft zerstört. Aber nie traumhafter, psychologisch ausgefeilter und stilvoller geschrieben als in diesem Roman. Pardon, in dieser Autofiktion.

Emmanuel Carrère: Ein russischer Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Hamm. Matthes und Seitz Berlin, 282 Seiten, 2017, 22,- €.

Emmanuel Carrère: Limonow.

Macht euch in diesem Buch auf einen nicht besonders sympathischen Protagonisten gefasst, der einem zum Schluss aber doch ans Herz wächst. Ein bisschen zumindest. Macht euch auf die Entdeckung eines Landes gefasst, das nicht immer besonders einladend wirkt. Und das man doch unbedingt erkunden will. Wieder Russland. Und Eduard Limonow, um dessen Biografie es hier einerseits geht. Die sich andererseits auch wieder mit der von Carrère kreuzt. Sonst wäre dieses Buch gar nicht entstanden.

Als Limonow 1943 in der damals sowjetischen Ukraine geboren wird, tobte noch der zweite Weltkrieg, er erlebt auch noch die letzten Jahre von Stalin. Der zornige junge Mann rebelliert früh gegen das muffige, enge Leben und sein Umfeld, er ist Kleinkrimineller, Avantgarde-Lyriker und landet nach seiner Ausweisung schließlich im New York der Siebziger. Er zieht weiter nach Frankreich, wo er zum ersten Mal literarischen Erfolg hat und zum Liebling der intellektuellen Linken wird. Diese verprellt er mit eindeutig rechten Ansichten und der aktiven Teilnahme am Balkankrieg. Mittlerweile gehört er zu den erklärten Gegnern Putins. Carrère beschreibt dieses atemlose, oft widersprüchliche und auch wieder konsequente Leben in starken Bildern und glasklaren Sätzen. Entdeckt selbst, was es mit der Handgranate in Zitronenform, der Limonka, auf sich hat und freut euch auf das Ende, das Limonow sich selbst wünscht. Das ist groß, sehr groß.

Emmanuel Carrère: Limonow. Aus dem Französischen von Claudia Hamm.
btb, 2014,
11,- €.

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4 Gedanken zu “Vive la littérature! Auch nach der Buchmesse.

  1. Stimmt: die französische Literatur ist einfach lässiger und meines Erachtens machen die Franzosen mehr aus ihrem intellektuellen Erbe wie wir Deutschen. Gerade bei der Literatur!! Oder haben die auch Bestseller über den Darm und das Leben der Bäume? Danke für den Artikel!

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    1. Da muss ich die Bäume aber ein bisschen in Schutz nehmen, da steckte hier und da etwas informatives drin… war ja auch als Sachbuch auf dem Markt. Bei dem charmanten Darm dagegen habe ich mich auch gefragt, wozu das gut sein sollte: dieses Werk war weit entfernt davon, echte Neuigkeiten zu verbreiten. Schlimm ist für mich der Hype, der darum gemacht wird, die Medien spielen Nichtigkeiten zu Großereignissen auf, kaum auszuhalten! Also, vielen Dank Herr Klappentexter, dass Sie unseren Blick auf zwei Hochkaräter gelenkt haben!

      Gefällt 1 Person

  2. Ich hege ja eine große Hassliebe zu Herrn Houellebecq. Dass ich „Die Möglichkeit einer Insel“ gelesen habe, ist schon ein paar Jährchen her, ich erinnere mich aber noch gut daran, dass es mich sehr beeindruckt hat. Vielleicht sollte ich mal es der erneuten Lektüre unterziehen?

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