Talking about »Und es schmilzt« von Lize Spit.

Treffen sich drei Buchhändlerinnen und sprechen über… – Bücher, natürlich! So habe ich mich mit Maria-Christina Piwowarski aus dem ocelot und Jacqueline Masuck vom Kulturkaufhaus Dussmann, auch im Netz als masuko13 bekannt, getroffen. Bei Aperol Spritz sprachen wir über »Und es schmilzt« von Lize Spit. Nach dem Lesen möchte man mit dem Buch eines auf keinen Fall: Allein sein.

Masuko13: Wie findet Ihr denn diesen krassen Vorfall am Ende des Romans. Wäre es nicht auch ohne diesen Vorfall ein guter Roman gewesen?

Klappentexterin: Nein, der muss nicht sein. Ich war selbst ganz erstaunt, dass dieses Buch von sich aus eine Spannung hat, an der man auch so bleibt.

Masuko13: Ich fand ihn zu lang und zu schmerzhaft.

Klappentexterin: Da kamen doch glatt wieder Erinnerungen an Hanya Yanagihara hoch.

Maria-Christina Piwowarski: Ich fand auch, dass es die krasse Szene nicht gebraucht hätte. Am meisten hat mir die Beschreibung der Kindheit gefallen, mit diesen schrecklichen Eltern, in dem trostlosen Dorf mit den völlig verrückten Protagonisten. Das allein hätte für einen gelungenen Roman völlig getaugt. Ich finde auch, dass das Ende nicht hätte sein müssen. Da war ich richtig sauer, weil ich gedacht habe: Jetzt übertreibt sie das wirklich. Im Gegensatz zu Yanagihara finde ich in diesem Buch keinen einzigen Menschen sympathisch.

Klappentexterin: Stimmt, da gebe ich dir recht.

MCP: Ich habe mit der kleinen Schwester mitgelitten.

Klappentexterin: Ich auch.

MCP: Ich fand alle Protagonisten schrecklich. Das Buch ist trotzdem unglaublich spannend. Ich bin auch auf dem Dorf aufgewachsen und ich weiß, auf was für bescheuerte Ideen du im Sommer kommst, wenn keiner da ist und nur blöde Jungs um dich herum. Aber auf so was? Und dass Eva da mitgemacht hat. Nichts unternommen hat. Ich war richtig sauer.

Masuko13: Mir tat Eva ein bisschen leid. Die einzige Freundschaft, die sie mit dem Pferdemädchen hatte, ist gescheitert.

MCP: War das überhaupt eine Freundschaft?

Masuko13: Sie hat versucht, dass es eine wird, aber dazu war sie einfach zu schlicht. Sie war gar nicht vorbereitet auf eine Mädchenfreundschaft.

MCP: Aber noch mal zurück zum Anfang. Von dem Showdown, von dem du da redest, war ich die ganze Zeit angewidert. Das war ich bei Yanagihara an keiner Stelle. Weil ich immer jemanden hatte, den ich sympathisch fand und es auch gute Leute gab, aber hier fand ich keinen. Habt ihr eine sympathische Figur gefunden?

Masuko13: Vielleicht die Metzger-Familie? Laurens Mutter war die einzige, der Eva vertraut hat.

MCP: Aber Laurens Mutter war die einzige Person, die etwas hätte machen können. Die was gesehen und trotzdem nicht reagiert hat. Das war die Schlimmste in diesem ganzen Dorf.

Klappentexterin: Laurens Mutter war eine Tratschtante, die viel erzählt und versucht hat, Eva ein bisschen Wärme und Zuneigung zu geben.

MCP: Aber auch nur bis zu einem gewissen Grad, bis es ihren eigenen Sohn betrifft. Da hat sie ganz kalt gehandelt. Das ist übrigens so typisch für ein Dorf, wo alle mitkriegen, was da abgeht und doch alle denken: Das geht uns nichts an. Und alle zugucken, wie die kleine Schwester ins Desaster schlittert und sagen, das ist nicht unser Problem.

Wir halten inne und nippen an unseren Gläsern.

Klappentexterin: Was machen wir aus Sicht der Buchhändlerinnen? Mich verunsichert es ein bisschen. Für mich funktioniert der Roman als Kunstform, aber als Herzensbuch überhaupt nicht, weil das Tröstliche absolut fehlt. Kein Fünkchen Hoffnung. Oder ich habe es einfach nicht gesehen?

MCP: Da war nichts.

Masuko13: Nein, nichts Tröstliches oder Hoffnungsfrohes.

MCP: Trotz alledem ist es ein irre gut geschriebenes Buch. Es gibt ganz tolle Metaphern und Sätze, die grandios sind!

Klappentexterin: Das Buch ist sehr klug und lebensweise.

MCP: Die Autorin kann sehr gut mit Sprache umgehen. Das Buch ist so gestaltet, dass man dazu greift und es sich neugierig anschaut. Ich kann nur schlecht zu den Leuten sagen: »Das müsst ihr unbedingt lesen! Ich finde, ihr müsst einen Therapeuten in der Nähe haben und innerlich wahnsinnig stabil sein.«

Klappentexterin: Das ist genau das Dilemma, in dem ich mich als Bloggerin und Buchhändlerin frage: Was mache ich mit dem Buch? Weil es schlichtweg kein Empfehlungsbuch ist, an dem das Herz hängt wie beispielsweise an Mariana Lekys Roman »Was man von hier aus sehen kann«.

MCP: Die Sprache ist ein Argument. Außerdem funktioniert es vom Aufbau her ja wirklich hervorragend. Die Autorin bewegt sich auf drei Ebenen, hält die Spannung, so dass man weiterlesen möchte.

Masuko13: Habt ihr mit dem Ende gerechnet? Man hat doch immer mitgerätselt, oder? Ich finde, das hat Züge eines Thrillers.

MCP: Ja, total. Du hast einen Spannungsbogen und weißt, es läuft auf etwas hinaus. Und du willst bis zum Ende dranbleiben, um zu erfahren, was passiert. Denn du weißt, dass die Showdown-Scheune-Szene nicht das Ende ist, sondern eine Zwischenstation. Wir wissen, Eva fährt in ihr Heimatdorf und hat etwas vor mit dem Eisblock in ihrem Auto.

Klappentexterin: Das Ende ist nicht meins, aber raffiniert und clever gemacht. Ich habe beim Lesen gedacht, es packt mich an der Kehle, wie es der Buchrücken verspricht. Darauf habe ich die ganze Zeit gewartet, doch es hat sich nicht eingestellt. »Ein Buch, das alles gibt und alles verlangt.« Das ist ein bisschen zu viel ausgeholt. Sicherlich liest sich das Buch spannend, doch dieses kehlige Leseerlebnis stellte sich nicht ein. Im ersten Drittel war nicht das drin, was auf dem Buchrücken draufstand. Trotzdem habe ich es mit großer Faszination gelesen, weil da eine Sogwirkung entsteht und es sprachlich wirklich großartig und vollkommen überzeugend ist.

Masuko13: Es gibt einen Satz, den ich mir rausgeschrieben habe: »Die dunklen Wolken besetzen den blauen Himmel, wie ein Tropfen Tinte sich in einem Wasserglas ausbreitet.« Und ich finde, das spürt man die ganze Zeit in diesem Buch. Da ist ein Tropfen Tinte und der wird immer dunkler. Darum habe ich weitergelesen. Ich hätte es nicht weglegen wollen, aber ich dachte immer: Wenn jetzt nicht gleich was passiert, dann halte ich das nicht mehr aus.

MCP: Von der ersten Seite an wird klar, dass Eva auf einem Rachetrip ist und etwas Großes vorbereitet.

Klappentexterin: Hast du von Anfang den Rachetrip als solchen wahrgenommen? Ich ahnte, dass die Erzählerin was vorhat.

MCP: Ich dachte, die schlägt irgendjemanden den Schädel ein. Es ist eine traurige Kindheit, Jugend und ein trauriges Ende. Und das mit Mitte 20.

Masuko13: Ich habe Eva gar nicht als böse empfunden.

Klappentexterin: Sie war eine Mitläuferin, die auch keine andere Wahl hatte.

Masuko13: Ja, eben. Mit so einem Elternhaus, beide Eltern alkoholkrank. Ich erinnere mich an eine Szene, als die Mutter genervt beim Abendessen fragt: »Wer will noch Pasta?« Und dann klatscht sie die Nudeln einfach auf den Teller mit einer Dose kaltem Mais. Und die Kinder müssen das essen.

MCP: Eva denkt ja viel über ihre Schwester nach und sie macht sich ernsthafte Sorgen über das Verhalten. Das sind die kurzen Momente, in denen man ahnt, dies ist eine empathische Person. Da siehst du, dass sie eigentlich anders kann. Aber dann ist da die andere Seite, die sie bei dem Spiel der Freunde mitmachen lässt. Das ist nicht Mitläufertum, das ist Mittäterschaft. Eva macht das ganz bewusst.

Klappentexterin: Aber letztlich hatte sie doch keine andere Wahl.

MCP: Doch sie hatte sie.

Danach greifen wir wieder nach unseren Gläsern und denken kurz nach.

Masuko13: Eva hatte nur diese beiden Jungs.

MCP: Die Rätselgeschichte ist auf ihrem Mist gewachsen, sie wollte da direkt mitmachen. Die unsympathischen Protagonisten sind ganz gezielt angelegt, so dass es nicht schön ist.

Masuko13: Muss das denn schön sein?

MCP: Ich finde es ist schon eine Leistung, als junge Autorin, alle Figuren wie Arschlöcher dastehen zu lassen und offenbar damit zu leben. Und sich auch angreifbar zu machen. Weil das Buch kein Wohlfühlbuch ist. Ein Buch, das du aushalten musst. Trotz der Düsternis ist es erstaunlich, dass sich das Buch so super in Belgien verkauft hat.

Klappentexterin: Warum war das so ein großer Erfolg bei unseren europäischen Nachbarn?

Masuko13: Vielleicht, weil die Autorin die Realität beschreibt, die furchtbar schrecklich und armselig ist.

MCP: Da hätte es gereicht, nur die Kindheit darzustellen, ohne die Scheunenszene.

Masuko13: Somit wären wir ja wieder bei meiner Ausgangsfrage. Diese Szene war zu heftig und hätte so nicht sein müssen. Vor allem, wem nützt die Szene was?

MCP: Das wäre die einzige Rechtfertigung für das Ende. Die Autorin hätte einige Möglichkeiten für versöhnliche Szenen nutzen können, aber sie hat es nicht getan. Vielleicht wollte sie einfach nur ein bewegendes Buch schreiben.

Klappentexterin: Es sollte ein verstörendes Buch werden.

Masuko13: Sie wollte schocken. Hat jemand von euch Oskar Roehler gelesen? Der schockt auch bewusst. Es gibt eben Autoren, die nicht gefällig schreiben, damit wir uns alle wohl in der Geschichte fühlen. Das ist ganz bewusst. Das ist Punk.

MCP: Sie hätte auch etwas machen können, was weniger antifeministisch gewesen wäre.

Klappentexterin: Ein Buch, das seine Leser finden wird.

Masuko13: Absolut. Mir hat gefallen, dass die Autorin ihren Roman in verschiedene Erzähl- und Zeitebenen eingeteilt hat. Einmal ist der Sommer präsent, dann die Minuten der Reise. Im nächsten Kapitel ist schon wieder ein Monat vergangen. Ich finde raffiniert, dass eine Spannung erzeugt wird, durch das unterschiedliche Vergehen von Zeit. Sie mit ihrem Eisblock im Auto und im Gegenzug drei Monate Sommer, in denen du spürst, hier passiert was Schlimmes und alle drei Ebenen hängen zusammen. Man weiß auch immer, wo man ist.

MCP: Der Stoff ist völlig ausreichend und würdig. Sie hat die Begabung, es auf den Punkt zu bringen. Die wichtigen Szenen zu beleuchten. Auch die Übersetzung hat gestimmt, es hat beim Lesen nicht geruckelt.

Masuko13: Und die Tristesse, die in so derart wenigen Sätzen enthalten ist. Mich hat diese Affenkopfwurst, die zweimal vorkommt, begeistert. Darin ist alles enthalten. Oder in dem orangefarbenen Eimer, der seit zehn Jahren auf dem Hof liegt, wo die Schildkröte gestorben ist. Sie redet nicht darum herum. Ich würde es vielleicht noch ein zweites Mal lesen. Um eben solche Feinheiten nochmals aufzuspüren.

MCP: Ich würde es kein zweites Mal lesen, weil es mir zu düster ist. Es macht das Buch nicht zu einem schlechten, aber es ist kein Licht am Ende.

Klappentexterin: Ich werde es wohl auch kein zweites Mal lesen, aber vielleicht darin blättern und schöne Metaphern herausschreiben.

Masuko13: Wie viele Punkte gebt ihr dem Buch auf einer Skala 1 bis 10?

MCP: 6.

Klappentexterin: 7. Und du?

Masuko13: 8.

***

Die beiden Fotos stammen von meinen beiden Kolleginnen. Wenn ihr mehr über das Buch erfahren wollt, dann schaut mal auf folgenden Seiten:

 

Advertisements

6 Gedanken zu “Talking about »Und es schmilzt« von Lize Spit.

    1. Ach, ich sage immer: Einfach mal hineinlesen. 😉 Wenn es dich packt und du vielleicht noch eine Kollegin oder Kollegen hast, die es gelesen haben, wäre das natürlich schön. Sollte dir aber momentan eher nach einer friedlichen Lektüre sein, dann warte noch ein bisschen.

      Gefällt 1 Person

  1. Schön, gleich dreierlei Eindrücke zu dem Buch zu lesen! Ich bin eurer Meinung und fand die betreffende Scheunenszene auch unnötig grausam. Das Buch hatte auch so bis dahin einen starken Sog entfaltet. Als einzige sympathisch Figur hab ich Evas kleine Schwester im Kopf behalten – die hätte ich so gerne einmal in den Arm genommen. Zunächst fand ich Laurens Mutter auch sympathisch, als es letztlich aber darauf ankommt, verschwand meine Sympathie ganz schnell wieder. Was für ein elendes Dorf mit seinen vielen offenen Geheimnissen.

    Ich hab mich gefragt, wie ihr es einordnen würdet: Für einen Thriller läuft alles ja viel zu langsam an. Als Milieustudie vielleicht?

    Herzliche Grüße, Jana

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s