Schöne Bücher. Zur schönsten Jahreszeit.

Die Großstadt fühlt sich dieser Tage viel leichter an. Die Straßen sind leerer und die Menschen weniger gestresst. Dies sind alles Indizien dafür, dass etwas anders ist. Klar, die Urlaubszeit ist da. Einen Großteil der Menschen hat sie bereits mitgenommen, während die anderen hier noch ausharren und warten, bis sie an der Reihe sind. Mein Urlaub ist noch in weiter Ferne, aber das Fernweh hat sich trotzdem schon zu mir gesellt. Nur kann ich nicht zaubern, doch meine Bücher können es, indem sie mich in ferne Welten und Zeiten tragen. So ist eine kleine Sammlung an Büchern entstanden, die den Sommer atmen und mir das ganz besondere Gefühl schenken. Vielleicht stecken sie euch ebenso an. Oder habt ihr selbst welche, von denen ihr mir berichten möchtet? Immer her damit! Eine literarische Urlaubshungrige dankt und wünscht euch weiterhin einen schönen Sommer.

Vincent Almendros: Ein Sommer

Als ich im Winter das sommerleichte Cover in der Vorschau beim Klaus Wagenbach Verlag entdeckt hatte, da wusste ich´s bereits: Wir zwei werden Freunde. Und ich sollte mich nicht täuschen. Im liebevoll gestalteten Buch knistert es die ganze Zeit und die Haut ist unglaublich warm. Einerseits von der erotischen Spannung, andererseits von der Kulisse, in welche die Geschichte eingebettet ist: Sommer pur! Laue Sommernächte auf dem Mittelmeer, Wellenrauschen, sich im Wasser reflektierende Sonne. Vincent Almendros setzt mich und seine Figuren in ein Segelboot. Von Neapel aus geht es los in Richtung Capri. Und es brodelt auf dem Schiff, denn es sind zwei Liebespaare an Bord, von denen wiederum zwei einmal ein Pärchen waren und sich nun wiederfinden. Erste Annäherungsversuche im Meer. Der Mond ist der einzige stumme Zeuge. Und natürlich ich. Wir folgen Jeanne und Pierre still und heimlich. Und als der Mond längst weitergezogen ist, bleibe ich ihnen auf den Fersen. Habe dabei die Sonne im Gesicht, das Salz auf den Lippen und bin sehr angetan von dieser kurzweiligen, elektrisierenden Geschichte. »Ein Sommer« ist eine wundervolle, knisternde und atmosphärische Sommerlektüre.

Vincent Almendros: Ein Sommer. Aus dem Französischen von Till Bardoux. Verlag Klaus Wagenbach, März 2017, 85 Seiten, 15,- €.

Albert Camus: Hochzeit des Lichts

Im Sommer darf ruhig auch Zeit für einen Klassiker sein wie für »Hochzeit des Lichts« von Albert Camus. Ich habe das Buch vor einigen Jahren gelesen und zog es nun erneut aus dem Regal. Sofort schlug mir der warme Atem des Sommers entgegen und mit ihm die Verzauberung über Albert Camus’ wunderschöne Beschreibungen. In dieser literarischen Perle reise ich mit dem Literaturnobelpreisträger an Orte jenseits der Wüste. Es ist derart hell in dem Buch, dass ich mir öfter einfach mal die Sonnenbrille aufsetze. Durch Camus’ feinfühlige und bildreiche Sprache fühle ich mich vollkommen eingenommen, ja, sogar ein bisschen betört. Damals schrieb ich in meiner Rezension: »Ich würde der Sprache dienen wollen. Bedingungslos.« Das würde ich heute noch mal genauso tun. »Hochzeit des Lichts« ist ein philosophisch anmutendes, sinnliches und unglaublich sprachgewaltiges Buch, das mit allen Sinnen berührt und begeistert.

Albert Camus: Hochzeit des Lichts. Aus dem Französischen von Peter Gan und Monique Lang. Arche Verlag, 169 Seiten, 16,- €.

Truman Capote: Sommerdiebe

Noch so ein talentierter Autor aus dem Land der Klassiker: Truman Capote. Fast hätte ich ihn zwischen all den Novitäten vergessen. Doch an einem schönen Sommertag landete »Sommerdiebe« in meiner Handtasche. Das Buch hat mich erneut daran erinnert, was Truman Capote für ein beeindruckender Erzähler war und seine Werke daher immer wieder für eine Entdeckung gut sind. »Sommerdiebe« ist schmal und doch riesengroß in dem, was und wie es erzählt. Melancholisch, leichtfüßig, charmant, witzig und tiefsinnig. Wenn man bedenkt, dass dieses Werk sein eigentliches Debüt ist, staunt man noch mehr über die Sätze, die eine sommerliche Großstadtgeschichte erzählen. Sie erinnert mich ein bisschen an ein Märchen: Eine Prinzessin verliebt sich in einen Bettelmann. In diesem Fall ist es Grady, die ihr Herz an einen Parkwächter verliert. Nun, da sich ihre Eltern auf Europareise befinden, erhofft sich die Siebzehnjährige mit ihrem Liebsten einen unbeschwerten Sommer in New York, fernab jeglicher Konventionen. Wild sein, jung sein, einfach leben. Mit Truman Capote ein Hochgenuss. Dazu ein gekühlter Apérol Spritz. Cheers!

Truman Capote: Sommerdiebe. Aus dem Amerikanischen von Heidi Zerning. Kein & Aber, 145 Seiten, 10,- €. (Meine Ausgabe war eine Sonderausgabe, die es nur noch gebraucht gibt.)

Jean Rhys: Die weite Sargassosee

Das Buch lässt mich staunend und ebenso verstörend zurück. Ich habe es mit großer Faszination und wie im Rausch gelesen. Weniger geschmeidig, mehr wie Schmirgelpapier. Und dennoch beschäftigt mich die Lektüre immer noch. Jean Rhys erzählt in ihrem Roman, der erstmalig 1966 erschienen ist, von einem jungen Mädchen, das auf Jamaika aufwächst. Dort wurde Anfang des 19. Jahrhunderts die Sklaverei beendet, aber statt Frieden herrscht eine beängstigende Unruhe. Die Unterdrückten begehren auf und Antoinettes Familie, die vom Sklavenhandel gelebt hat, bleibt nicht verschont. So beginnt die Geschichte, im weiteren Verlauf heiratet Antoinette einen Briten. Von da an wird es undurchsichtig und spannend, als würde man durch einen dichten Dschungel laufen. Alle Fans von Charlotte Brontë Fans aufgepasst! Den jungen Engländer kennen wir aus »Jane Eyre« als Mr Rochester. Eben diese wilde, weggesperrte Frau ist Antoinette, die er mit nach England nimmt. Bei all der Verstörtheit verströmt das Buch ein unglaublich exotisches Flair, wilde Pflanzen, Gerüche und das tropische Klima sind sogar außerhalb der Bücherdeckel spürbar. Eine Lektüre wie geschaffen für einen lauen Sommerabend allein oder mit Literaturfreunden, denn das Buch eignet sich hervorragend für einen Lesezirkel. Dem Schöffling Verlag ist die Neuentdeckung des Klassikers zu verdanken, und nun ist es auch als Taschenbuchausgabe bei dtv zu haben.

Jean Rhys: Die weite Sargassossee. Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek. dtv, Juni 2017, 229 Seiten, 10,90 €.

Graham Swift: Ein Festtag

Ein Buch so ruhig und unaufgeregt wie ein Sonntag. Der englische Autor Graham Swift hat eine bemerkenswerte Novelle geschrieben, die sich federleicht liest und gleichsam tiefe Spuren hinterlässt. Weil er den jugendlichen, unbeschwerten Ton mit einer feinen Melancholie gekonnt verknüpft. Er erzählt die Geschichte nämlich sowohl aus der Sicht der jungen und auch der älteren Jane Fairchild. Sie erinnert sich, viele Jahrzehnte später, an diesen einen Sonntag. An dem sie zum letzten Mal ihren Geliebten aufsucht, ihn liebt und danach allein in dem Haus zurückbleibt. Irgendwann klingelt das Telefon, doch Jane nimmt nicht ab. Dahinter wartet eine Nachricht, die sie einige Stunden später ereilen wird. Doch lasst uns bis dahin unbeschwert bleiben und den einzigen Tag denken, der alles verändert. »Hatte es je einen Tag wie diesen gegeben? Konnte es jemals wieder einen Tag wie diesen geben?« Nur zwei Fragen aus der Feder Graham Swifts, denen noch weitere folgen. Ich staune immer noch über das zarte Buch mit der enormen Erzählkraft. Ein Buch mit der Leichtigkeit des Sommers und der Ruhe des Winters.

Graham Swift: Ein Festtag. Aus dem Englischen von Susanne Höbel. dtv, Mai 2017, 142 Seiten, 18,- €.

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4 Gedanken zu “Schöne Bücher. Zur schönsten Jahreszeit.

  1. Tolle Auswahl. Mein Lieblingsbuch ist ja auch dabei 😉
    Ich kann als Sommerlektüre noch „Der Fremde im Palazzo d’Oro“ von Paul Theroux wärmstens empfehlen. Erotisch aufgeladene Dreiecksgeschichte, die auf Sizilien spielt. Allein der Einband – türkisblau wie ein Swimmingpool – macht Urlaubslaune 🙂

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    1. Lieben Dank! Wie schön, dich hier besonders unter diesem Beitrag mit deinem Lieblingsbuch zu lesen. 🙂 Deine mitgebrachte Sommerlektüre ist eine feine, ich habe sie seinerzeit auch mit Vergnügen gelesen. Das Buch hat einen wirklich schönen Einband.

      Liebe Grüße

      Klappentexterin

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  2. Was für eine schöne Zusammenstellung. Ich kenne bereits „Ein Festtag“ und „Sommerdiebe“. Die anderen klingen aber auch sehr interessant und sind schon auf meiner Leseliste gelandet.
    Ich finde ein absolutes Sommerbuch ist auf alle Fälle „Bonjour tristesse“. Man kann es immer wieder lesen und es macht immer wieder Spaß.
    In diesem Sinne wünsche ich Dir noch einen schönen Sommer mit vielen herrlichen Büchern.
    Liebe Grüße
    lesesilly

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe lesesilly,

      merci beaucoup! »Bonjour tristesse« finde ich ebenfalls so bezaubernd. Wusstest du, dass das Buch jetzt neu übersetzt (von Rainer Moritz) bei Ullstein erscheint? Das – und natürlich deine schöne Erinnerung daran – nehme ich zum Anlass, um dort erneut einzutauchen. Ich habe dir mal einen Beitrag vom Übersetzer vom Ullstein-Blog mitgebracht: http://www.resonanzboden.com/satzbaustelle/bonjour-tristesse-rainer-moritz/

      Dir auch noch eine schöne lesefreudige Sommerzeit!

      Salut,

      Klappentexterin

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