Am Ende wird alles gut.

Anna Gavalda und ich – das ist eine schöne Geschichte. Die französische Autorin hat mir seinerzeit mit ihrem wundervollen Buch »Zusammen ist man weniger allein« gezeigt, wie viel Kraft wir Buchhändler haben können. Durch unsere Empfehlungen haben wir den Roman in die Bestsellerliste getragen. Das war 2005, und ich kam gerade frisch im Buchhandel an. Nachdem ich wie eine Protagonistin aus Anna Gavaldas Geschichten durchs Leben gelaufen war und sich vieles falsch anfühlte. Ja, ich war wie ein Yann, den ich jetzt in ihrem Erzählband »Ab morgen wird alles anders«, getroffen habe. Und der mich nun mit aller Macht an mein altes Ich erinnert, so dass ich mich kaum von der Geschichte lösen mag.

Verlaufen hatte ich mich oder viel mehr Träume gelebt, die sich nicht so gut anfühlten wie gedacht. Eine Ausbildung im Verlag erfolgreich absolviert, danach bei einer großen Tageszeitung volontiert und dann Literaturwissenschaften studiert. Um zu merken, dass das Leben als freie Journalistin zu hart und das Studium zu theoretisch ist. Ich wollte keine Texte von Edgar Allen Poe übersetzen oder bis ins Kleinste erklären müssen. Ich wollte mit Büchern leben, sie atmen und weitertragen. Und schreiben wollte ich, aber nicht unter Zeilen- und Zeitdruck. Wollte so schreiben, wie es mir gefiel, mit vielen Bildern und so lang, wie ich möchte. Und deshalb sitze ich heute hier und kann ich euch sagen, es stimmt: Ab morgen wird alles anders.

Wenn man nur die Hoffnung nicht aufgibt. Und wenn man so schöne Bücher wie dieses liest. Nach ihrem großen Erfolg folgten weitere Werke, aber der Augenzauber von damals kehrte nicht zurück. Bis jetzt, bis zu diesem Erzählband. Da ist sie wieder, die Anna Gavalda, die ich über alles schätze. Die Autorin, die auf ganz besondere Art über verletzte Menschen schreibt. Menschen, die aus dem Rhythmus des Lebens fallen, sich verlaufen, unsicher und unglücklich fühlen.

Die fünf Erzählungen sind beeindruckend vielstimmig geschrieben. Manche klammern sich an mein Herz, wie die erste, als der Ich-Erzähler sich von seinem Freund verabschieden muss. Nicht nur das – er erzählt die Geschichte des Hundes. Warum es ihn gibt und was ein Schicksalsschlag mit seiner Ehe angestellt hat. Hier gibt’s wenig Zauberhaftes zu berichten, außer die Momente mit dem Hund, die ihn trösten und das Ende der Geschichte. Das Ende. In allen Erzählungen ein wichtiges, stilvolles, Kraft spendendes Element. Ein Sternenschweif, der die Protagonisten im richtigen Moment berührt, ohne kitschig zu wirken. Genau die richtige Dosis, als hätte Anna Gavalda jedes Finale genau abgewogen. Kein Gramm zu wenig oder zu viel.

Zu viel ist mir manchmal Mathilde. Das junge, unruhige Mädchen in der gleichnamigen Erzählung. Sie hat kaum einen Sympathiefaktor und zieht mich trotzdem auf ihre Seite. Mathilde passiert etwas Schreckliches: Sie vergisst während des Telefonierens ihre Tasche im Café. In der Tasche befindet sich – neben persönlichen wertvollen Dingen – ein ganzer Batzen Geld, das nicht nur ihr gehört. Schnappatmung, auch für mich. Mademoiselle Mathilde bringt mich fast zur Weißglut und berührt mich genauso. Es ist eine ziemlich verrückte, beinah wilde und gleichsam tiefschürfende Erzählung, mit der mich Anna Gavalda unterhält und am Ende wieder lächelnd entlässt.

Das Allerschönste fast zum Schluss, meine Lieblingserzählung. Wie erwähnt, taucht ein Yann auf. Yann verkörpert die Jugend unserer Zeit. Viele Möglichkeiten liegen vor einem, aber welche greift man? Und ist das Leben, das man lebt wirklich das wahre, beglückt es? Ist das alles? Diese Frage stellt sich Yann nach der wunderbaren Begegnung mit seinen herzlichen Nachbarn: Alice und Isaac Moise. Nur eine Etage über der gemeinsamen Wohnung mit seiner Freundin erlebt er das, was er insgeheim schmerzlich vermisst: Liebe und Glückseligkeit. Der kleine runde gut gelaunte Isaac hält Yann den Spiegel vors Gesicht und sagt ihm so viele weise Sachen, dass ich merke, wie sich ein Kribbeln bemerkbar macht: »Schütze dich. Schütze dein Nest.«

Issac holt wenig später aus und erklärt dem fragenden Yann, was er damit meint. Und dies, liebe Leser, werde ich hier nicht zitieren. Die schönen Sätze warten auf euch. Genauso wie das Strahlen, das von ihnen ausgeht.

Anna Gavalda erweist sich erneut als große Könnerin, die das Leben genau so beschreibt, wie es nun mal ist. Ganz bravourös macht sie das! Unser alltägliches Dasein fängt sie mit ihrer Feder gefühlvoll ein und bringt es charmant aufs Papier. Ihr starkes Buch vereint Geschichten, die wir alle kennen und die uns vertraut sind. Ihre Erzählungen kreisen um Liebe, Freundschaft, Familie, Tod, Abschied, Aufbruch und die Suche nach dem Glück.

Und so fühlen wir uns am Ende selbst wie die Protagonisten in ihrem Buch. Oder aus dem Hörbuch. Denn den Erzählband gibt’s als Hörbuch, wunderbar von verschiedenen Sprechern eingelesen. So passen die Stimmen ebenso perfekt wie jedes Ende zu jeder Geschichte. Ihr seht – manchmal wird am Ende wirklich alles gut.

Anna Gavalda: Ab morgen wird alles anders. Aus dem Französischen übersetzt von Ina Kronenberger. Hanser, Januar 2017, 304 Seiten, 20,- €. Das Hörbuch ist bei Hörbuch Hamburg erschienen, kostet 20,- €.

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2 Gedanken zu “Am Ende wird alles gut.

  1. Liebe Klappentexterin,

    ich bin heute morgen in schlechter Stimmung aufgewacht und dachte nur, was für ein schrecklicher grauer Montagmorgen. Dann habe ich Deine wunderbare Rezension über den neuen Erzählband von Anna Gavalda gelesen und sofort zu meiner Ausgabe von „Zusammen ist man weniger allein“ gegriffen. Ich fing an ein paar Seiten zu lesen und meine Stimmung war sofort besser.

    Die besondere Erzählweise von Anna Gavalda baut mich auf und zaubert mir sogar ein Lächeln ins Gesicht. Es ist so schön. Heute Abend werde ich weiterlesen, obwohl diese Lektüre gar nicht geplant war. Doch jetzt stecke ich im Gavalda-Sog und komme nicht heraus.

    Du hast mir den Tag gerettet, liebe Klappentexterin. Und diesen Erzählband werde ich mir natürlich auch sofort besorgen. Vielen Dank und eine schöne Woche!

    Liebe Grüße
    lesesilly

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe lesesilly,

      ojechen, ich hoffe, dass sich die Wolken ganz geschwind komplett auflösen und dich die Leichtigkeit eines Sommertages umfängt. Wenn schon nicht draußen, dann im Geiste.

      Es kann nur schöner werden und mit Anna Gavalda (Toll, dass wir auch diese Autorin teilen!) sowieso.

      Merci für deinen Kommentar, der mich nun lächelnd in den neuen Tag trägt.

      Ich wünsche dir auch eine schöne Woche!

      Sei herzlich gegrüßt
      Klappentexterin

      Gefällt 1 Person

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