Ein Abschied. Ein Geburtstag. Ein Prozess.

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Herr K. ist Autor und lebt in einer großen Stadt. Gelegentlich schreibt er für den Literaturblog seiner Frau. Eines Morgens klingelt es an der Tür. Zwei Herren in langen, grauen Mänteln bitten ihn, mitzukommen. Jemand muss ihn verleumdet haben. Gelächter im Hausflur. Man führt ihn ab, steckt ihn in eine schwarze Limousine der Marke Wolga und bringt ihn in ein unbekanntes Gebäude. »Was wollen Sie von mir?« fragt Herr K. »Wir sind nicht befugt, Ihnen das zu sagen.« K. ist verzweifelt und möchte seine Frau anrufen. Oder einen Anwalt. Alles unmöglich. »Sie führen sich auf wie ein kindischer Autor.« Man schleppt ihn in den Keller. Eine Zelle, finster. K. fällt in einen fiebrigen Schlaf. Als er wieder aufwacht, fühlt er sich schwer und ziemlich rechteckig, zerfallen in viele Seiten. Er versucht sich aufzurichten, in einen kleinen, nahezu blinden Spiegel zu schauen. »Was ist mit mir geschehen?« Kein Traum, nun erkennt er im Spiegel, dass er zu einem Buch geworden ist.

Die Tür zu seiner Zelle springt auf, und er wird von zwei druckerschwarzen Gestalten in einen Jutebeutel gesteckt. Es wackelt bedrohlich, er will sich wehren, aber man bittet ihn mit Nachdruck, dies einzustellen. Er verbringt Stunden in ungewisser Dunkelheit. Dann, plötzlich, grelles Neonlicht. K. befindet sich auf einem Tisch, eingezwängt von anderen Büchern. Er versucht erneut, sich aufzurichten und erkennt das Wort Mängelexemplare. Es wird zugig, die Türen öffnen sich, Menschen strömen herein. Hände greifen nach ihm, er wird hin und her gedreht, bis ihm schwindelig wird. Dann, die gepflegte Hand eines älteren Herren. »Ich bin Herr P. und hole Sie hier heraus.« Herr P. geht zur Kasse, und K. wird in eine dünne, knittrige Papiertüte gesteckt. Herr P. fährt mit ihm zu einem großen, schlossartigen Gebäude. Es liegt in tiefem Schnee. K. liest das Wort Theater über dem Eingang. Herr P. sagt: »Es ist die allerletzte Vorstellung. Was danach geschieht, weiß noch niemand.« »Und ich?« fragt Herr K. »Sie sind Teil der Inszenierung, gleich werden Sie auf der Bühne stehen, und Ihnen wird der Prozess gemacht.« Herrn K. wird sehr unwohl. Wird er jemals wieder eine Zeile schreiben können?

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Ein Gruß zum Abschied an Claus Peymann. Ein Gedenken an Franz Kafka, der heute vor 134 Jahren geboren wurde. Alles ist im Fluss, das ganze Leben nur Theater, ein einziger Prozess.

***

Hier noch ein kleiner Tipp: Noch bis zum 30. August 2017 ist das vollständige Manuskript »Der Prozess« im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen. Jochen von Lustauflesen.de war vor Ort und hat einen ausführlichen Beitrag zur Ausstellung geschrieben.

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3 Gedanken zu “Ein Abschied. Ein Geburtstag. Ein Prozess.

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