Mögen wir die Morgenröte noch sehen.

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© X Verleih Stefan Zweig (Josef Hader): Vor der Morgenröte

Kriegsgeschrei, Kriegstreiben und Kriegführen, nur unterbrochen von kurzen, trügerischen Momenten des Atmens im abziehenden Rauch. Zwischendrin steht Stefan Zweig und weiß nicht, wie ihm geschieht. Der Kopf leicht geneigt, der Blick melancholisch. Der bescheidene, besonnene Mann wird überrollt von den Ereignissen einer Welt, deren gewalttätiges Treiben er nicht mehr versteht. Nicht, nachdem er die Welt selbst erklärt, ihre Sternstunden moderiert hat. Die leuchtenden wie die finsteren. Aus der Lust an der Unsterblichkeit wurde die Welt entdeckt, neue Horizonte taten sich auf für die Menschheit. Kleine, eigentliche unbedeutende Zwischenfälle entscheiden über den Untergang eines Reiches, der Wankelmut eines Untergebenen wird zum sprichwörtlichen Waterloo eines Herrschers. Eine einzige Nacht macht aus einem mittelmäßigen Dichter den Schöpfer eines weltbekannten Liedes. Große Künstler werden im Angesicht von Krankheit und Tod zu Sterblichen, ihre Kunst jedoch bleibt unsterblich. Welthistorische Stunden werden wieder lebendig. Der große Denker und Dialektiker Cicero will der Brutalität der Politik entfliehen, nur, es gelingt ihm nicht. Der geistige Mensch wird Opfer seiner eigenen Bestrebungen, das Volk zu befreien. Er vergisst die Mächtigen, denen nur ihre Macht wichtig ist. Man trennt ihm den Kopf ab und stellt diesen grausam zur Schau. Ciceros Gedanken überleben das unwürdige Schauspiel um tausende von Jahren, und die Werke von Stefan Zweig strahlen heute ebenso wie vor achtzig Jahren.

Wien, blühende Stadt.

Auch wenn das Glück erst zu den Gewaltigen und Gewalttätigen drängt, immer kommt der Moment, wo es sich wieder abwendet. Wer zerstört, wird am Ende stets selbst zerstört. Auf welche Art auch immer. Stefan Zweig ist verzweifelt, denn die Gewalt greift mehrfach zerstörerisch in sein Leben ein. Ein Leben, das in sicheren und kultivierten Zeiten begann, in der österreichischen Monarchie des ausgehenden 19. Jahrhunderts. In großbürgerlichen Wiener Verhältnissen, wo Juden seit über zweihundert Jahren zu Hause waren. Kriege waren weit weg, dafür blühten Kunst und Kultur, Stolz und Ehrgeiz des jüdischen Bürgertums. Legendäre Kunstverehrung inmitten einer speziellen Theatermanie der Wiener, nur hier konnte eine Institution wie das Burgtheater über viele Jahrzehnte selbst ein Ort werden, an dem die Dramen oft schon vor der Aufführung begannen und auch danach munter weitergingen. Als Thomas Bernhard geboren wurde, lebte Stefan Zweig noch in Wien. Europäische Metropole, fern jeglichen provinziellen und nationalistischen Gedankenguts. Abendländische Hochkultur. Eine Stadt voller Theater und Museen, Buchhandlungen und Musik – der ideale Ort für den jungen, lebens- und wissensdurstigen Stefan Zweig.

Die alles zerstörende Kriegslust.

Aber schon der erste Krieg brach mit aller Gewalt in eine Welt aus Sicherheit und Behaglichkeit ein. Und vernichtete diese schließlich. Der Autor und Reisende Stefan Zweig war da schon längst auf dem Weg, sich mit ersten Veröffentlichungen einen Namen zu machen. Die Welt stand ihm offen, dem Neugierigen und Aufgeklärten. Er bereiste Amerika, Indien und schwärmte vor allem von Paris, dieser unerschöpflichen Quelle von Schönheit und Sinnlichkeit. Plötzlich geriet diese Welt aus den Fugen. Die Schönheit, abgelöst von dumpfem Nationalismus, die Sinnlichkeit wich dem Donner der Hassreden und Kanonen. Sommer 1914, unvergesslich, üppig und immer noch friedlich. Dann Sarajevo und ein Krieg, den erst niemand wollte – kein Volk, keine Regierung. Aber kaum hatten die Scharfmacher und Strippenzieher gewonnen, brach eine nie gekannte Kriegslust aus. Die Menschen jubelten an den Straßen den euphorischen Rekruten zu, die geradewegs in den Tod marschierten. Um Stefan Zweig wurde es einsam, stimmten doch viele Dichterkollegen in den Jubelchor mit ein. Schnell wurde man im Strudel dieser Massenpsychose zum Vaterlandsverräter. Gerüchte und Verleumdungen wurden zu Wahrheiten und frästen Gräben in Freundschaften und Gesellschaften, heute nennt sich das Fake-News.

Schreiben als Waffe gegen das Verbrechen.

Zweig kämpfte auf seine Art gegen den Verrat der Vernunft, schrieb gegen den Wahnsinn an. Vergebens. Er hoffte, das geschriebene Wort hätte noch Wert, hätte genügend Kraft, hoffte auf ein noch existentes, moralisches Gewissen. Er hoffte vergebens. Er war allein, isoliert. Er reiste nach Galizien, dem Krieg entgegen, den schlimmsten Befürchtungen, die natürlich übertroffen wurden. Stets blieb er Beobachter, schaute genau hin und konnte nicht glauben, was er sah. Ein solches Verbrechen der Menschheit hätte er nie für möglich gehalten. Ja, man musste kämpfen gegen diesen Krieg, mit der Schreibfeder als Waffe. Er schreibt eine Tragödie in Zeiten erster Ernüchterung. Was war aus den großen Kulturnationen geworden? Ja, es waren alles Kulturnationen, gerade die deutsche verstand sich als solche, aber alle, alle führten sich auf wie die Barbaren.

Zweig floh vor dem Grauen in die Schweiz und lernte dort u.a. James Joyce kennen. Dann, endlich, der Krieg vorbei. Er kehrte nach Österreich zurück, in ein verkrüppeltes Land. Ausgeblutet, ausgeraubt, verarmt und zerkleinert bis zur Unkenntlichkeit. Er hatte sich ein Haus in Salzburg gekauft, wo er durchzuhalten versuchte in einem Chaos aus Hunger und Not. Was hält noch zusammen, was hält noch am Leben? Die Kunst! Die Oper spielte wieder, das Theater führte auf, was ging, man traf sich wieder in den Kaffeehäusern. Und zahlte mit Bündeln nahezu wertloser Geldscheine. Zeit der Inflation, der Angst vor dem Bolschewismus, des brüchigen Friedens.

Trügerischer Glaube an die Menschheit.

Die Hoffnung war noch da, der erste Weltkrieg Geschichte, ein weiterer schien vielen Menschen unmöglich, undenkbar und unfassbar weit weg. Und doch arbeitete es in den ersten Hirnen wieder, das Unmögliche möglich zu machen, das Unfassbare zu einer Option werden zu lassen.

Zweig ringt mit dem Erfolg. Zu Hunderttausenden, sogar zu Millionen werden seine Bücher gekauft. Weltweit. Ist das wirklich wahr? Wird es von Dauer sein? Wird es den Menschen verändern? Der Autor, von Natur aus misstrauisch, auch gegenüber sich selbst, bleibt sich treu. Ein scheuer Mensch, der lieber zurückgezogen lebt als im Mittelpunkt zu stehen. Lieber in der letzten Reihe steht, als auf dem Podium zu sitzen.

Er reist wieder: Belgien, Holland, Italien, Sowjetunion, USA. Zweig war in der Welt zu Hause und kehrte doch immer wieder gern in die Ruhe seines Salzburger Hauses zurück. Ein Ort des Friedens. Der Glaube an die Welt, an die Menschheit, kurz war er wieder da. Der Sammler Zweig, freudig erregt über jedes neues Blatt, jedes neues Manuskript, jede neue Partitur, die er seiner Sammlung hinzufügen konnte. Originale von Bach, Balzac, Goethe und Nietzsche fanden sich zum Beispiel in seinem Besitz. Noch konnte er nicht wissen, dass er schon wenige Jahre später Abschied nehmen sollte von diesen Zeugnissen menschlicher Kultur.

Der Wahnsinn, noch wahnsinniger.

Zweig war dankbar für alles, was ihm gegeben wurde in den Jahren seines bisherigen Lebens. Die Bücher, der Erfolg, die Freunde auf der ganzen Welt, das konnte ihm doch niemand nehmen. Oder? Über Salzburg sah er ins Tal, auf die Berge. Und da sollte er bald sitzen, quasi gegenüber, im Berchtesgadener Land. Der Mann, der ihm das alles nehmen würde. Schon bald würde er wieder zum Gejagten und Vertriebenen werden. Die Zeit, die er mit Lesen und Lernen, mit Sammeln und Genießen verbrachte, vorbei. Weil wieder der Wahnsinn einzog in die Köpfe der Menschen, ein noch größerer Wahnsinn als je zuvor gekannt. Der Größenwahnsinn, der allergrößte. Bühne frei für den Gröfaz.

Immer mehr junge Burschen in Stiefeln und braunen Unformen tauchten auf, immer radikaler wurden ihre Reden und Versammlungen, immer gewalttätiger ihr Auftreten. Schmierereien, Grölereien, Schlägereien. Und versprachen doch Ordnung: Aufräumen, Säubern. Und das taten sie gründlich. Demokratische Wahlen brachten einen waschechten Diktator hervor. Reichstagsbrand, Bücherverbrennungen, Konzentrationslager, die ersten verließen verstört das Land. Juden, Künstler, jüdische Künstler, das Reich blutete intellektuell aus. Und Blut, Blut sollte noch reichlich fließen. Blut und Boden. Das Mittelalter war wieder da. Goebbels, Göring, Gröfaz. Grölfratzen allesamt.

Salzburg verlassen? Erst undenkbar, dann Notwendigkeit, um zu überleben. Österreich war verloren, es folgten sechs Jahre im englischen Exil, London und Bath. Dieses wunderbare London! So kultiviert, höflich und unaufgeregt, die Metropole inspiriert Zweig zu neuen Arbeiten und lässt ihn wieder aufatmen. Bis zum Anschluss Österreichs, dann war er plötzlich nicht mehr so willkommen wie noch Jahre zuvor. Der große Stefan Zweig musste um neue Papiere betteln, gestern noch Gast des Landes, war er von einem Tag auf den anderen nur noch geduldet. Auch auf der Insel hatte man nun Angst vor den unerwünschten Ausländern, diese furchtbare Epidemie der Neuzeit nahm ihren Lauf und gärt ja bis heute. Zweig spürt – die Freunde sind fern oder gleich verschleppt, gefoltert, für immer verschwunden, alle Kreise zerstört. Er war wieder fremd, ein Emigrant mit wenigen Rechten. Der Ausbruch des zweiten Weltkrieges zerstörte endgültig seine Existenz in England. Er wurde zum »Enemy Alien«, zum unerwünschten, feindlichen Ausländer.

Letzte Heimat Brasilien.

XVerleih_VDM_001 © X Verleih Stefan Zweig (Josef Hader) in Petrópolis
© X Verleih Stefan Zweig (Josef Hader) – Vor der Morgenröte

Weiter, weg, weiter weg. Erst nach New York, aber auch für die USA ist das Visum nur begrenzt. Weiter, noch weiter, die Flucht führte ihn schließlich nach Brasilien, einem verheißungsvollen Land. Rio, die schönste Stadt auf Erden. Er lässt sich jedoch in Petrópolis nieder, einem ruhigen Ort mit österreichischem Charme inmitten des Dschungels. Die dampfende Schönheit der Tropen, die gleichzeitig Verhängnis ist. Unter dem Farn lauert die Schlange, das unablässige Brennen der Sonne bringt die Depression. Brasilien, die letzte Station. Zusammen mit seiner zweiten Frau Lotte, die er 1934 in London kennengelernt hat, versucht er einen letzten Neuanfang. Aber es ist zu spät, die Kräfte lassen nach, die Melancholie wird übermächtig. Erst begeistert empfangen, schlagen ihm auch in Südamerika Ressentiments entgegen. Zweig, der jüdische Weltbürger, fühlt sich fremd und überall angefeindet. In der Nacht vom 22. auf den 23. Februar 1942 nimmt er sich zusammen mit seiner Frau das Leben. »Aus freiem Willen und mit klaren Sinnen.« Und doch gefangen, verirrt im Nebel des Krieges, den Menschen nicht müde werden zu führen.

Ich grüße alle meine Freunde! Mögen Sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht. Ich, allzu Ungeduldiger, gehe Ihnen voraus!

Kein Geburtstag, kein Todestag. Auch keine Neuauflage seiner Werke in einer üppigen Gesamtausgabe. Und doch ist die Zeit reif für eine Neuentdeckung von Stefan Zweig. Man ist geneigt zu sagen: Seine Schriften sind aktueller denn je. Dazu gibt es eine herrliche Graphic Novel über seine letzten Tage und einen wunderbaren Film zum gleichen Thema.

Hier also meine Empfehlungen zum Entdecken oder Auffrischen:

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Stefan Zweig: Die Welt von Gestern, Fischer Taschenbuch, 512 Seiten, 11,95 €
»Viel mußte sich ereignen…ehe ich den Mut fand, ein Buch zu beginnen, daß mein Ich zur Hauptperson hat…« Die Lebensgeschichte von Stefan Zweig, die so nie genannte Autobiografie. Gleichzeitig die Geschichte einer ganzen Generation und der Welt vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum zweiten Weltkrieg. Spannender kann Geschichte nicht erzählt werden. Aber jeder Schatten ist im letzten doch auch Kind des Lichts, und nur wer Helles und Dunkles, Krieg und Frieden, Aufstieg und Niedergang erfahren, nur der hat wahrhaft gelebt.

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Stefan Zweig: Sternstunden der Menschheit, S. Fischer, illustriert von Jörg Hülsmann, 272 Seiten, 30,- €
Der Weltbürger moderiert weltgeschichtliche Ereignisse. Sternstunden der Menschheit? Nun, im Unterschied zum umgangssprachlichen Gebrauch ist der Begriff nicht nur positiv besetzt. Und doch sind der Menschheit ja ein paar Meisterstücke gelungen. Noch nie kamen einem Napoleon, Hölderlin oder Goethe so menschlich vor. Jetzt in großartiger Sonderausgabe mit Illustrationen von Jörg Hülsmann.

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Guillaume Sorel (Ill.) & Laurent Seksik: Die letzten Tage von Stefan Zweig. Jacoby & Stuart, aus dem Französischen übersetzt von Edmund Jacoby, 88 Seiten, 24,- €.
Große Literatur kann auch ganz großartig in Bildern erzählt werden. Hier wird die letzte Station im Leben von Stefan Zweig – das brasilianische Exil – noch einmal, nun ja, lebendig. Denn bekanntlich endet alles tragisch. Sicher kein Strandbuch, aber von einer feinen Melancholie durchzogen, sehr, sehr atmosphärisch und unglaublich berührend.

sorel_seksik_die_letzten_tage_von_stefan_zweig_innen

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vor_der_morgenroete_dvdMaria Schrader:  Vor der Morgenröte (Stefan Zweig in Amerika), X Filme, DVD.
Frisch preisgekrönt: Der Film über Stefan Zweigs letzte Monate in Amerika, die ja gleichzeitig die letzten seines Lebens waren. Mit einem überragenden Josef Hader in der Titelrolle sowie Barbara Sukowa, Aenne Schwarz, Matthias Brandt und Charly Hübner. Trotz aller Traurigkeit des Themas – ein Film mit traumschönen Bildern. Bewegend. Anschauen, immer wieder.

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14 Gedanken zu “Mögen wir die Morgenröte noch sehen.

  1. Der Beitrag gefällt mir sehr. Er ist sachlich und informativ – und zugleich mit so viel innerer Beteiligung geschrieben.
    „Die Welt von gestern“ gehört zu den besten – und traurigsten – Büchern, die ich kenne. So reich war die geistige Welt von Zweig, so enthusiastisch sein Glaube an Humanismus und Frieden, so lebendig in seinen jungen Jahren das Gefühl einer Aufbruchsstimmung, die neue Freiheiten, Erkenntnisse und Entwicklungsmöglichkeiten versprach, dass es schier erschütternd ist, seine weiteren Erfahrungen mit ihm zu teilen, das Erkennen der Barbarei, den Verlust von Kultur und Zivilisation, den Abschied von bewunderten Persönlichkeiten und geliebten Menschen, schließlich die reine Verzweiflung und den Blick in einen bodenlosen Abgrund.
    Man braucht nicht dieses Buch zu lesen, um gegen Schlussstrich-Parolen jeglicher Art gefeit zu sein. Aber wer es gelesen hat, wird nie mehr mit dem Gedanken liebäugeln können, wir könnten uns in irgendeiner Weise von unserer Geschichte trennen.
    Was wir Leser ja auch nicht wollen – da wäre dann wieder das Licht.
    Vielen Dank für diesen Beitrag!
    Elisabeth Lindau

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