Ein Meister und sein Werk.

soseki_kokoroWenn es um Einsamkeit, Schuld und den Konflikt zwischen traditionellen Werten und der Moderne geht, kann man oft von einem typisch japanischen Buch sprechen. Wenn das Werk obendrein in seiner bildreichen Sprache an einen ruhigen Fluss erinnert, seufzt man als Freundin japanischer Literatur glücklich auf. Doch der Schein trügt manchmal, denn zwischen den scheinbar stillen und friedlichen Buchdeckeln brodelt es mitunter gewaltig. Hier liegen oft gewaltige Konflikte verborgen. All diese Elemente vereint »Kokoro« von Natsume Soseki. Das Meisterwerk ist im vergangenen Jahr in einer überarbeiteten Übersetzung in der Manesse Bibliothek der Weltliteratur erschienen, deren Bücher stets ein haptischer Traum sind.

Was mir als Erstes an dem Klassiker auffällt, ist die Sprache, die sich unglaublich zeitgemäß liest. Dieses schöne Leseerlebnis ist der Übersetzung Oscar Benls zu verdanken, der in der Neuausgabe in einem Nachwort über das Schaffen des Autors berichtet. Erschienen ist das Werk 1914, also vor über hundert Jahren. Und trotzdem klingt die Sprache keinesfalls altbacken. Lediglich die Zeitebene der Geschichte verdeutlicht, dass die Handlung nicht in der Gegenwart spielt. Natsume Soseki nimmt mich mit auf eine Zeitreise, die all das Hektische unseres modernen Lebens ausblendet. Kein Internet, keine Smartphones, die ständig piepen oder blinken. Stattdessen reiste man in gemächlichem Tempo mit dem Zug und schrieb sich Briefe, in Ausnahmefällen wurde telegrafiert. So erlebe ich viele Momente der Entschleunigung. Allein beim Gedanken an das Buch verlangsamt sich mein Atem von ganz allein. Erstaunlich, aber wahr.

Für die erfahrenen Leser japanischer Literatur ist die Lektüre des Buches ein Fest, vertrauter Boden sozusagen. Hier finden wir alles, was uns an der fernöstlichen Literatur beglückt: Eine buddhistische Ruhe, lebenskluge Betrachtungen des Lebens und den Zauber der Natur. Neulingen auf dem Gebiet empfehle ich, ein bisschen Geduld mitzubringen. Wenn ihr diese habt, dann werden sich eure Augen auf bewundernswerte Weise öffnen und ihr werdet staunen, was ruhige Literatur trotzdem für eine knisternde Spannung erzeugen kann.

Natsume Soseki unterteilte seinen Roman in drei große Abschnitte. Im ersten Kapitel lernen sich die beiden Protagonisten im Urlaub kennen. Hier sitze ich im Kopf des jungen Studenten und Ich-Erzählers, der in seiner Sommerfrische auf den geheimnisvollen Sensei stößt. Sensei ist im Japanischen eine höflich-respektvolle Anrede für Lehrer, Anwälte, Professoren, Ärzte und Künstler. Beide freunden sich an und treffen sich anschließend in Tokyo wieder. Dort besucht der Student seinen neuen Freund, den eine gewisse Unnahbarkeit umgibt, und ahnt, dass der Sensei ein Geheimnis in sich trägt. Hat dies vielleicht mit seiner schönen Frau zu tun? Und was führt den Sensei allein auf den Friedhof? Warum will er nicht darüber sprechen und dorthin nicht begleitet werden?

Die verschlossene Tür öffnet sich später. Dann zieht der Autor den dunklen Schatten der Vergangenheit hervor und erhellt das Verborgene mit den zarten Pinselstrichen seiner schönen Sprache. Er erzählt dies aus der Ich-Perspektive des Senseis. Bis die Auflösung vor einem liegt, bedarf es einige Momente der Ungeduld und des Ausharrens. Je näher man in die Geschichte des alten Mannes eintaucht, um so näher tastet man sich an das Drama heran, das im Herzen des Mannes ein schwarzes Loch hinterlassen hat.

Als der Student bei seinem kranken Vater weilt, erreicht ihn ein langer Brief des Senseis, in dem er seine Lebens- und Leidensgeschichte offenbart, die ich natürlich nicht vorwegnehmen möchte. Sie entfaltet sich im dritten Kapitel, nicht umsonst nennt sich der dritte Teil Der Sensei und sein Vermächtnis. Was zunächst an ein langsames Hinplätschern erinnert, zieht sich auf den letzten Seiten immer mehr zu einem brausenden Unwetter zusammen, das Buch scheint nahezu zu explodieren. Wer bis hierhin durchhält, hat nicht nur eine besondere Freundschaft erlebt, sondern gleichsam viele Lebensweisheiten eingeatmet: »Plötzlich begriff ich, was für ein flüchtiges, hilfloses Wesen der Mensch war und wie dies letzten Endes daher kam, dass er mit seichten Empfindungen geboren wurde, die er nicht ablegen konnte

Wie auch der Sensei seine Schuld nicht ablegen kann und entsetzt feststellen muss, dass er genauso gehandelt hat, wie die Person, die ihn in seinem Urvertrauen verletzt hat. »Als mir bewusst wurde, dass ich nicht viel anders war als mein Onkel, schwindelte mir. Waren mir vorher die anderen Menschen zuwider geworden, ekelte es mich nun vor mir selbst, und ich konnte mich nicht mehr frei bewegen.« Wiegt diese Erkenntnis mehr als das, was er getan hat? Oder beides?

Im Verlauf der Geschichte stirbt seine kaiserliche Majestät, der große Meiji-Tenno. Die unterschiedlichen Auswirkungen dieses bedeutsamen Ereignisses zeigt Natsume Soseiki im Leben seiner beiden Protagonisten. Der Student ist sichtlich bestürzt, doch eine Weltuntergangsstimmung stellt sich nicht bei ihm an, beim Sensei indes schon. Er verfällt in eine totale Unsicherheit und denkt sogar an einen Treuetod. Doch nicht nur der Tod des Staatsoberhauptes lässt den Sensei an Selbstmord denken. Es dient mehr als Vorwand, denn das eigene Schuldbewusstsein wiegt mindestens genauso schwer, eigentlich noch mehr.

Ich schließe das Buch voller Faszination und weiß erneut, weshalb ich japanische Literatur schätze – die klassische ebenso wie die moderne. So erstaunt mich keineswegs, dass Autoren wie Haruki Murakami und Tanizaki Jun’ichiro in Natsume Soseiki ein Vorbild sehen. »Kokoro« zählt zu den meistgelesenen Büchern Japans. Und das gewiss zu Recht. Hier erzählt eine elegante, bildhafte Sprache eine bewegende und spannende Geschichte, die um große Themen wie Freundschaft, Liebe, Verrat und Schuld kreist. Dinge, die uns heute immer noch beschäftigen und bewegen. Trotz des packenden Showdowns beende ich die Lektüre mit einer Stille, die mein blinkendes Smartphone mit einem Piepen unterbricht. Das Piepen verstummt nach kurzer Zeit, doch das Buch leuchtet weiterhin. Ein Meisterwerk der japanischen Literatur.

Natsume Soseki: Kokoro. Aus dem Japanischen übersetzt und mit einem Nachwort von Oscar Benl. Manesse Bibliothek der Weltliteratur, September 2016, 384 Seiten, 24,95 €. Portofrei bei Hugendubel.de bestellen.

Weitere Stimmen über das Buch:

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15 Gedanken zu “Ein Meister und sein Werk.

  1. Bisher habe ich den Zugang zu japanischer Literatur nicht gefunden, aber diese Rezension klingt nach einem verlockenden Buch. Vielleicht traue ich mich jetzt endlich mal? Vielen Dank für die schönen Zeilen!

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Elke,
      das freut mich! Kleiner Tipp: Die Lektüre lohnt sich vor allem dann, wenn man Zeit und Ruhe hat. Eine schöne Urlaubs- oder Langes-Wochenende-Lektüre. Ich bin gespannt, ob ihr euch anfreundet.

      Herzlich
      Klappentexterin

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    2. Liebe Elke,

      wenn Zeit und Geduld an deiner Seite weilen, kann ich dir das Buch sehr ans Herz legen! Darüber hinaus empfehle ich genauso gern Hiromi Kawakami, Yoko Ogawa, Banana Yoshimoto und natürlich den Großmeister Haruki Murakami. Du findest sie alle auf meinem Blog versammelt. Dazu kannst du rechts die Suchfunktion nutzen.

      Die japanische Literatur ist eine ganz besondere und ich bin gespannt, ob ihr zusammenkommt. Die Literatur ist manchmal sehr mystisch und das ist nicht jedermanns Geschmack. In diesem Buch hier jedoch ist’s nicht in dem Sinne derart geheimnisvoll wie beispielsweise bei Murakami, Yoshimoto oder Ogawa.

      Ach, ich hatte dir schon geantwortet. Sieh’s als kleine Ergänzung zu oben. 😉

      Viele Grüße

      Klappentexterin

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  2. Natsume Sosekis „Graskissen-Buch“ habe ich sehr genossen, „Kokoro“ liegt hier schon seit einigen Wochen in der hübschen Manesse-Ausgabe. Deine schöne Besprechung steigert meine Vorfreude auf die Lektüre!

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  3. Schöne Rezension, die Mut macht. Ich hab’s mit der japanischen Literatur vor Jahren schon aufgegeben – Murakami, Ishiguro, Kōbō … trotz toller Geschichten alles zäh und lahm erzählt. Aber vielleicht greife ich ja bei Soseki nochmal zu.
    LG vom Bookster

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  4. Liebe Klappentexterin,
    auch ich mag die japanische Literatur inzwischen sehr. Du selbst hast mich mit Autoren wie Murakami und Yoshimoto bekanntgemacht. Wenn ich einen japanischen Autor lese ist es immer wie wenn ich in eine andere Welt eintauche, die unbekannt aber unheimlich reizvoll ist.
    Deshalb denke ich, dass Soseki mir sicher auch gefallen wird. Ich liebe eine schöne Sprache und bedeutungsvolle Sätze. Außerdem ist die Manesse-Ausgabe auch ein haptisches Erlebnis.
    Vielen Dank für deine Eindrücke. Hab ein schönes Wochenende.
    Liebe Grüße
    lesesilly

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe lesesilly,

      ganz lieben Dank für deine schönen Worte! Ich könnte mir gut vorstellen, dass dir Soseki gefallen könnte. Und die wunderbar-haptische Ausgabe wird dein Leserinnenherz entzücken.

      Habt viel Freude zusammen, wenn ihr zusammenkommen solltet!

      Herzlich grüßt

      Klappentexterin

      Gefällt mir

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