Talking about Carson McCullers mit Benedict Wells.

Als mich vor einiger Zeit das Diogenes Plakat mit Carson McCullers anlächelte und ich darin ein schönes Zitat über die Autorin von Benedict Wells fand, hatte ich eine Idee: Warum nicht beide auf meinen Blog zusammenbringen? Gesagt, getan. So freue ich mich heute, dass sich Benedict Wells Zeit nahm, um meine Fragen über Carson McCullers zu beantworten.

Klappentexterin: Erinnerst Du Dich noch an Dein erstes Buch von Carson McCullers? Wie ist es Dir bei der Lektüre ergangen?
Benedict Wells: Mein erstes Buch war »Das Herz ist ein einsamer Jäger«. Anfangs war ich ehrlich gesagt unsicher und musste erst mal reinfinden, zumal es mitunter auch sperrig war. Aber irgendetwas nahm mich schon da sofort gefangen. Es steckte einfach so viel Gefühl, so viel kluge Beobachtungsgabe und Empathie in dem Buch, dass ich es gegen Ende kaum mehr weglegen konnte. Und die Charaktere waren so real, so glaubhaft, dass ich noch heute an sie denke.

Du hast bislang ja zwei Bücher der amerikanischen Schriftstellerin gelesen: »Das Herz ist ein einsamer Jäger« und »Frankie«. Mochtest Du eins von beiden lieber?
Nein. »Frankie« fand ich zugänglicher und fast schmerzhaft klar, dazu eine der vielleicht lebendigsten Romanfiguren, die ich je gelesen habe. »Das Herz ist ein einsamer Jäger« ist dafür vielschichtiger. Ich freue mich auch schon auf die weiteren Bücher von ihr.

Das Herz ist ein einsamer Jäger hat in Deinem Roman »Vom Ende der Einsamkeit« eine Gastrolle. Wie ist es dazu gekommen?
Da muss ich ausholen. Beim Schreiben passiert vieles intuitiv. Man darf nicht vergessen: es gibt erstmal nur hunderte von leeren weißen Seiten, die man füllen muss, und es ist unmöglich, alle Details vorher im Kopf zu haben, da sich vieles auf Papier ganz anders anfühlt als nur in der Vorstellung. Zum Beispiel sitze ich gerade am neuen Roman und musste vor ein paar Tagen eine lange Szene von über zehn Romanseiten über ein Sommerfestival schreiben. Ich wusste nur, dass dort einiges passieren sollte, am besten interessante Sachen, und dass meine Hauptfigur sich an diesem Abend mit ein paar anderen Jugendlichen anfreundete. Sonst wusste ich fast nichts. Los geht’s. Und dann füllt man die Seiten mit ein paar Szenenideen, die man schon hatte, und mit unglaublich viel Intuition und Improvisation, vieles ergibt sich auch erst beim Schreiben. Auf einmal stehen dort dann Gespräche und Gedanken, die man gar nicht erwartet hat. Und eben Details.

Als ich damals also »Vom Ende der Einsamkeit« schrieb, wusste ich wiederum nur, dass die Figur Alva gern las, aber noch nicht genau, was. Am Ende stand dort bei einem Dialog dann plötzlich, dass sie »Das Herz ist ein einsamer Jäger« mochte. Das fand ich interessant, denn ich hatte das Buch bis dahin nie gelesen. Ich musste also überprüfen, ob das so stimmen konnte und las es daraufhin. Klingt vielleicht bescheuert, aber so war es wirklich. Hätte ich das Buch nicht gemocht, hätte ich es Alva natürlich im Dialog wieder weggenommen und sie ein anderes lesen lassen – aber ich war begeistert. Und vor allem passte es wiederum so gut zu meiner Geschichte und zu ihr, dass ich es sogar noch stärker als geplant einbaute. Bis hin zu dem Moment, wo Jules am Ende sogar selbst immer in ein nächtliches Café geht – genau wie die Figuren in McCullers Buch.

Ich liebe es, wenn sich andere Geschichten oder Figuren bei mir so einschleichen, ähnliches passierte mir mit Bob Dylan bei »Becks letzter Sommer«, der schlussendlich sogar eine entscheidende Rolle im Roman hatte.

Ein aktuelles Diogenes Plakat zeigt ein Foto von Carson McCullers zusammen mit einem Zitat von Dir, in dem Du schreibst: »In den Büchern von Carson McCullers findet man keine Figuren, man findet Freunde und Seelenverwandte.« Welche Figur wurde für Dich zu einem richtig guten Freund?
Bei »Das Herz ist ein einsamer Jäger« mochte ich eigentlich alle Figuren. Den Wirt Biff Brannon, den Marxisten Jake Blount, den Arzt Benedict Copeland und den Taubstummen Jon Singer. In jedem fand ich mich zeitweise wieder, und jeden konnte ich verstehen. Am liebsten mochte ich aber Mick Kelly und die Titelheldin aus »Frankie«, da diese beiden Figuren besonders leuchteten, und ich glaube, da floss auch sehr viel von McCullers selbst ein. Gerade diese liebevoll beschriebenen Figuren sind für mich jedenfalls die große Stärke von ihr. Das fand ich wiederum auch bei »Wer die Nachtigall stört …« von Harper Lee, das mich sehr daran erinnerte. Weshalb ich es schließlich wiederum meiner eigenen Romanfigur Alva in die Hand drückte, damit sie es an einer Stelle las. Ich bin sicher, sie hat es gemocht.

Ich wurde kürzlich nach einem Einsteigerbuch für Carson McCullers gefragt. Ich finde ja, das gibt es nicht. Was sagst du?
Finde ich auch nicht. Mit einem der beiden, die ich gelesen habe, kann man jedenfalls bestimmt nichts falsch machen.

Die Klappentexterin dankt Benedict Wells ganz herzlich für das schöne Interview und wünscht dem Autor weiterhin viel Freude beim Schreiben!

***

Wenn ihr jetzt neugierig auf Carson McCullers geworden seid, dann findet hier bei mir mehr über die Autorin und ihre Bücher. Unter der Besprechung zur »Die Ballade vom Wunderkind Carson McCullers« habe ich eine Link-Sammlung. 

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