Das Mädchen und das Wir.

carson_mccullers_frankieFrankie – dieses junge, unruhige Mädchen aus Carson McCullers gleichnamigem Roman geht mir immer noch nicht aus dem Kopf. Es schaut mich mit seinen grauen Augen an und weckt in mir den Wunsch, es zu umarmen. Ich möchte es beschützen und weiß, dass ich es doch nicht kann. Genauso wenig würde Frankie es zulassen, dass ich sie umarme. Frankie erinnert mich ein bisschen an eine Katze. Und so wird Frankie noch einige Zeit neben mir sitzen, mal schnurrend, mal miauend, und ich werde mich voller Dankbarkeit an ein erneut beeindruckend schönes Buch von Carson McCullers erinnern. Ein Buch, das deshalb heute hier einen Platz bekommt.

Obwohl »Frankie« keineswegs gefühlig erzählt wird, bleibt das starke Gefühl des Beschützenswollens bei mir. Warum nur? Ich weiß es nicht, doch das zeichnet die Literatur der Amerikanerin ja auch aus. Tiefe Menschlichkeit, die aus den Seiten direkt in die eigene Seele steigt. Und natürlich das: Carsons Protagonisten werden für die Zeit der Lektüre zu Freunden, schnell baut sich eine innere Verbundenheit auf. Obwohl Carson McCullers in einfachen, schlichten Sätzen erzählt. Es sind primär die Dinge, die gesagt, gedacht werden und ein Vibrieren unter der Oberfläche hervorheben, die einen zu solchen Gedanken führen. Ach Frankie, komm her! Aber das Mädchen will nicht und schenkt mir unterdessen folgenden Gedanken:

»Der ganze Sommer war voller Angst gewesen für Frankie, und eine bestimmte Angst konnte sie sogar in Ziffern aufs Papier schreiben.« Nicht nur die Angst sitzt wie ein hässliches Monster auf einer Bank in Frankies Herzen. Auch das Bewusstsein, dass sie aus dem Rahmen des Normalen fällt, beschäftigt das Mädchen und schubst es in eine Art Isolation. Mit seinen 12 Jahren misst es bereist 1,67 Meter und die Füße passen nur in Schuhgröße 40. Die Kinder spotten über das große Mädchen und rufen: »Ist es sehr kalt da oben?« Wer Carson McCullers Leben kennt, horcht hier auf, denn wir kennen dergleichen aus ihrer eigenen Biographie.

Frankie hat Angst, weiter zu wachsen und eine Jahrmarktattraktion zu werden. Während sie für ihr Alter zu groß ist, ist sie für die Mädchen im Klub zu klein und zu langweilig. Frankie bleibt draußen. Allein. All das führt sie u.a. zum Gedanken: »Das war der Sommer, als Frankie es satthatte, Frankie zu sein.«

Bleischwere Gedanken suchen Frankie heim. Und das zu einer Zeit, in der es eigentlich leicht sein sollte. Der Sommer ist da, alles summt und glüht, die Sonne hat ihren Höhenpunkt des Jahres erreicht. Von Leichtigkeit ist bei dem Mädchen zunächst keine Spur. Bis Frankies älterer Bruder ihre Familie zusammen mit seiner Verlobten besucht. Urplötzlich verändert sich alles in Frankies Gedankenuniversum. Das Mädchen malt sich aus, wie es mit den beiden auf Hochzeitsreise geht, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass es vielleicht stören könnte. Frankie scheint endlich am Ziel seiner Träume angekommen zu sein: »Die beiden sind mein wir.« Die gutherzige, schwarze Köchin Berenice – eine Art Mutterersatz für die Halbwaise – versucht, Frankie aus dem Himmelstraumschloss auf die Erde der Tatsache zurückzuholen. Ob es ihr gelingt, bleibt unser gemeinsames Geheimnis.

Stattdessen richten wir noch mal den Blick in die Küche. Gemeinsam mit Frankies kleinen Cousin John Henry sitzen sie dort oft, spielen Karten oder verwickeln sich gegenseitig in Gespräche, in denen Berenice nicht nur Frankies Hochzeitswunschgedanken geradebiegen möchte. Manche Gespräche werden nachdenklich, geradezu existentiell und derart philosophisch, dass es sogar in meinem Kopf rauscht. Tiefschürfende Fragen treten ins Geschehen, über die ich lange sinniere: »Ist es nicht merkwürdig, dass ich gerade ich bin, und du gerade du? Ich bin F. Jasmine Addams und du bist Berenice Sadie Brown. Und wir können einander anschauen und anfassen und jahrelang im gleichen Zimmer zusammen sein. Doch ich bin immer ich, und du bist du. Und nie kann ich was anderes sein als ich, und du kannst nie was anderes sein als du. Hast du darüber schon mal nachgedacht? Und kommt es dir nicht auch merkwürdig vor?«

Gleichzeitig umgibt die Gesprächsrunden in der Küche eine besondere Atmosphäre, in denen die Zeit stehen geblieben scheint. Die Sommerhitze beugt sich über die drei Köpfe, aus denen es glüht und unruhige Arme hin- und herzappeln. Diese Passagen sind für mich die stärksten in dem Buch, wohl auch deshalb, weil sie berührende Bilder heraufbeschwören und das Gesagte lange nachklingt.

So begleite ich das unruhige Mädchen, das sich in den Tagen vor der Hochzeit von ihrem alten Leben verabschiedet. Seite an Seite laufen wir durch die Straßen der sommerheißen Kleinstadt, es passieren seltsame Dinge, dass auch ich kurz glaube, unter einer Glasglocke zu sitzen. Ist das wahr, was Frankie dort veranstaltet? Kann das sein?

Frankie legt sich sogar einen neuen Namen zu. Das Mädchen nennt sich bald F. Jasmine, weil es den Klang des Namens so schön findet und das Ja eine Verbindungslinie zum Bruder und seiner Braut herstellt. Beide haben ebenfalls Vornamen, die mit einem Ja beginnen.
Für Frankie steht fest, nach der Hochzeit kehrt sie nicht zurück. Berenice hält immer dagegen und bringt Frankie zu einem der Sätze, die mich aufschrecken lassen: »Wenn sie’s nicht tun, dann bring ich mich um.« Berenice ist wahrlich um das eigensinnige Mädchen nicht immer zu beneiden. Aber sie weiß mit ihrer herzensguten und geradlinigen Art sehr gut, wie man mit ihm umgeht.

»Frankie« zeigt sich wiederholt als eine klassische Carson McCullers Geschichte. Die Einsamkeit streckt ihre kalten Fühler aus, während die interessanten Protagonisten durch ihre liebenswerte, besondere Art warme Abdrücke zurücklassen. An einigen Stellen wippt der Wunsch nach Glück, leise und zurückhaltend, auf seinem Stuhl hin und her wie Berenice, die dabei über Frankies Fragen nachdenkt. Ja, was ist Glück? Für Frankie ist es das gemeinsame Wir, für Berenice jede Erinnerung an ihren verstorbenen Mann, den sie sogar in einem Daumen eines anderen Mannes wiederfindet. Und der Traum an eine Welt, die nicht nach Farben unter den Menschen getrennt ist. Für die Leserin ist Glück, wenn sie so einen Roman wie diesen liest, der sie staunen lässt. Ein Buch, mit einer Heldin, die unvergessen und auf zauberhafte Weise bei einem bleibt.

Carson McCullers: Frankie. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Richard Moering. Mit einem Nachwort von Marguerite Young. Diogenes, 2012, 288 Seiten, 9,90 €. Bei Hugendubel.de portofrei bestellbar.

***

Mein Ausflug in das Carson McCullers Wonderland neigt sich langsam dem Ende. Aber vorher kommt an dieser Stelle noch der Autor Benedict Wells in einem Interview zu Wort. In meiner Interviewreihe »Talking about« unterhalten wir uns die Tage über die Autorin, die kürzlich ihr 100. Geburtstagsjubiläum hatte.

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2 Gedanken zu “Das Mädchen und das Wir.

  1. Liebe Klappentexterin,

    schon beim Lesen Deiner sehr schönen Beschreibung stellt sich bei mir wieder dieses unnachahmliche McCullers-Gefühl ein – warm, melancholisch und zart-entrückt. Einfach wunderbar!

    Ich werde also „Frankie“ auf meiner To-Buy-Liste deutlich nach oben setzen 🙂

    LG
    Stefan

    Gefällt 1 Person

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