Die schönen und die traurigen Seiten eines Jahres.

img_55702016 neigt sich dem Ende, und in mir breitet sich in den letzten Tagen des Jahres eine allumfassende Stille aus. Wie eine müde Katze liegt sie auf meiner Seele und will nicht weg. Wenn gesprochene Worte das Gefühl der Betroffenheit und Trauer nicht formen können, flüchte ich zu meiner weißen Tastatur und schreibe meine Gedanken lieber auf. Eigentlich sollte dies mein jährlicher Blog-Rückblick werden, doch bei den bewegenden Ereignissen draußen in der Welt komme ich vom Weg ab.

Das Jahr war turbulent, bewegend, berührend und, ja, besonders traurig. Schlimme Dinge haben sich auf dem runden Erdball und in meiner Stadt zugetragen, auch Menschen in meinem nächsten Umfeld blieben von schlechten Nachrichten nicht verschont. Viele bedeutende Persönlichkeiten haben uns verlassen, darunter Künstler, die Generationen geprägt haben. Irgendwann war die Furcht allgegenwärtig, bevor man morgens den Browser startete. Ja, ich schickte oft Stoßgebete ins Universum – half aber alles nichts. Das Schicksal ist erbarmungslos, die hässlichen Nachrichten flackerten trotzdem vor unsere Augen, erschütterten uns, raubten uns die Sprache. Heute, als ich diesen Text schreibe, erreicht mich die Nachricht von George Michaels Tod. So zünde ich wieder eine Kerze an und hülle mich in Schweigen.

img_5555Aber nun, kurz durchatmen, sich strecken und lächeln. Um sich dann den guten, schönen Dingen widmen. Wie ein Lichtstrahl blickt mich gerade der zweite Band der Neapolitanischen Saga (erscheint am 10. Januar) von Elena Ferrante an und beschleunigt meine Pulsfrequenz. Was wäre ich ohne meine Bücher? Ein Nachtschattengewächs, ohne Sonne und Inspiration. Auch in diesem Jahr waren sie meine treuen Begleiter, haben Licht in düstere Tage gebracht, mich staunen und die Zeit vergessen lassen. Der Staub vermehrte sich und ich vergaß ihn wie auch die Zeit, versank dafür tiefer in die Welt der Literatur. Und war selig.

img_5559Ich habe so gut wie jedes Buch durchgelesen, kaum eins enttäuscht in die Ecke gelegt. Es waren einige beeindruckende Werke dabei, doch nicht jedes hat es auf meinen Blog geschafft.* Was ich zutiefst bedauere, aber auch mein Tag hat nur 24 Stunden. Außerdem habe ich ja noch ein Ass im Ärmel: Bücher, die ich hier nicht bespreche, präsentiere ich als leidenschaftliche Buchhändlerin und schmücke sie mit Empfehlungskarten. Manchmal schaffen es meine Lieblinge zu Facebook oder Instagram. Bei Letzterem bin ich in diesem Jahr aktiver gewesen, weil man nie so viel schreiben muss und das Experimentieren mit den Filtern mir kindliche Freude bereitet. Ist fast wie ein Tuschkasten.

buecherstapel_grossLoslassen ist ein weiteres magisches Wort, das mich durch 2016 getragen hat. Ein Umzug war der Auslöser dafür, mich von über 1000 Büchern zu trennen. Ohne Marie Kondo und lieben Bücherfreundinnen wäre es mir wohl nicht gelungen. Dieser Schritt war zwar sehr schmerzhaft, aber ebenso befreiend und prägend. Erst gestern stand ich wieder vor meinem Aktuell-Regal und habe unzählige Bücher aussortiert, die es im Herbst nicht geschafft haben, mich zu erreichen. Vielleicht irgendwann… »Irgendwann ist nie!«, höre ich Marie Kondo weise sagen und lache. Ja, wie recht sie hat. So packe ich die Bücher in Kartons, beschrifte sie und sage goodbye. Die nächsten Bücher hüpfen daraufhin in die frei gewordenen Regalplätze – that´s life. Ein Kommen und Gehen. Ein Bleiben, ein Freudenschrei, ein Seufzer, ein Abschied. Everything changes.

img_5284Oder wie der Buddhist sagt: Alles ist vergänglich, nichts ist ewig. Oh ja, die Beschäftigung mit dem Buddhismus hat mir 2016 viel Kraft gespendet. Er hat mir seine Hand ausgestreckt in Zeiten unendlich vieler Fragen und Ohnmachtsgefühlen über das, was dort draußen passiert. Ich habe begonnen loszulassen und innezuhalten, im Hier und Jetzt zu sein. Sitze auf dem Meditationskissen, beobachte das Glück und lasse die Gedanken kreisen. Ich habe die verwirrte Biene auf dem Balkon belächelt, den schönen Satz im Roman bewundert, glücklich die Autobiographie meines Lieblingsschriftstellers Haruki Murakami gelesen, eine durchtanzte Nacht mit Bloggerkollegen genossen, die Entdeckung einer unbekannten Autorin (Penelope Fitzgerald) still gefeiert, einen Bloggertag bei Suhrkamp in der Pappelallee erlebt und das Auspacken einer spannenden Vorschaukiste aus Zürich in höchstem Maßen zelebriert.

So schmerzvoll 2016 gewesen sein mag, genauso so schillernd, bereichernd, beglückend war es. Ich war umgeben von Menschen, die mich mit wundervollen Büchern, Gesprächen und schönen Veranstaltungen verwöhnt haben. Dafür danke ich euch allen ganz herzlich! Wie auch euch liebe Leser, dass ihr mich besucht hat.

Nun wünsche ich uns allen einen friedlichen, schönen Jahreswechsel mit viel Glanz und noch mehr Freude! Möge 2017 geschmeidiger und ein bisschen ruhiger werden.

sektglas

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9 Gedanken zu “Die schönen und die traurigen Seiten eines Jahres.

  1. Ich denke auch, dass wir uns in diesen Tagen zu sehr auf das Negative konzentrieren, anstatt einen Ausgleich mit positiven Erfahrungen zu schaffen, die ja durchas auch da sind. Wenn man hinsieht. In diesem Sinne: Dir und uns ein tolles neues Jahr, dem wir mit offenen Augen begegnen werden!

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    1. Lieben Dank für deinen Kommentar! Wenn es zu viele bewegende Nachrichten gibt, überwiegen sie und überschatten das Positive um uns herum, vor allem, wenn’s besonders schmerzvoll ist. Aber gerade dann ist es natürlich wichtig, an das Schöne zu denken.

      Ich wünsche uns allen ein schönes und friedliches neues Jahr!

      Gefällt 1 Person

  2. „Der Buddhist leidet früher oder später an seiner Isolation und Nichtanhaftung, der Christ leidet am sozialen Versagen und der Gemeinschaft“ (Osho). Wehmut weht mich an in Deinen Zeilen zu 20116, und Hoffnung. Ich werde mir einen Satz von Dir leihen (bzw. von Frau Kondo) für den Jahreswechsel. Ich wünsche Dir viele neue Bücher und freue mich auch in 2017 auf Deine Buchtipps, die ich sehr schätze. Herzliche Grüße und einen schönen Übergang in neue, hellere Tage, die Blumentorte

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