Ein verlorenes Paradies?

elif_shafak_der_geruch_des_paradieses»Welchen Lebensweg soll ich einschlagen?« Ich spüre den Blick von Peri auf mir und drehe mich verlegen zur Seite. Diese große existenzielle Frage hallt durch Elif Shafaks Romanheldin direkt zu mir. Peri erinnert mich an eine junge Biene, die zu lange am süßen Nektar genascht hat. Nun ist sie ganz mit Blütenstaub gefüllt und sie weiß nicht, wohin mit dem Gewicht. In ihrem Falle sind es allerhand Gedanken und Gefühle. Sie arbeiten in ihr wie fleißige Ameisen, und der Wind bahnt sich einen Weg durch ihren Kopf, doch die Gedanken über Gott, das Gute und das Böse, die verschlüsselten Träume und die Einsamkeit des jungen René Descartes, sie wollen partout nicht verschwinden.

Ich schaue wieder zu Peri, ein wenig verlegen. So wollte ich eigentlich nicht anfangen. Meine ganze Chronologie des Textes ist futsch. Alles nur, weil ich erneut in Elif Shafaks neuem Roman »Der Geruch des Paradieses« auf der Suche nach einem schönen Zitat darin hängengeblieben bin. Peri hat soeben die Seminarstunde bei Professor Azur beendet. Sie ist derart durcheinander, und ich bin es jetzt auch, versuche, mich aus dem Sturm der Geschichte zum Anfang durchzuschlagen.

Das Shafak Universum: Elektrisierende Literatur

Doch ich merke bald, es geht nicht. Genauso wenig wie es sofort Antworten auf all die Fragen in dem beeindruckenden Roman gibt, genauso wenig mag sich der sonst übliche Anfang einer Rezension einstellen. Auch ich stehe inmitten eines Windstroms aus Gedanken. Elif Shafaks Romane sind komplexe Werke, wie ein bunter Jahrmarkt reichert die derzeit meistgelesene türkische Autorin ihre Geschichten mit unterschiedlichen Menschen, Ansichten und bewegenden Ereignissen an, die berühren und nachdenklich stimmen. Bisweilen brodelt es. Das alles elektrisiert mich als Leserin im hohen Maße. So sausen wir alle wie aufgeladene Teilchen durch das Shafak’sche Universum.

Bewegt sich Elif Shafak mit ihren Romanen doch stets an der Grenze zwischen unterhaltender und anspruchsvoller Literatur. Einerseits schreibt sie leicht verständlich,  zeitweilig wunderschön poetisch und voller Weisheit. Manche Sätze erstrahlen derart in ihrer Schönheit, dass ich sie wie ein Gemälde betrachte. Andererseits wühlt mich die Autorin auf. Sie sticht mit ihrer schreibenden Feder tiefer und tiefer in den Boden des Lebens ihrer Protagonisten. Dabei schlüpft sie mitunter in die Rolle einer Chronistin, die ihr Heimatland zwischen Moderne und Tradition betrachtet. Obendrein streift sie den politischen Diskurs, nicht belehrend, viel mehr beobachtend. Doch trotz der Erosionen bleibt es bei Elif Shafak stets menschlich und warm, die Nähe zu den Figuren ist immer spürbar. Wie auch hier zu Peri.

Zerrissenheit einer jungen Frau

Das Mädchen wächst in einem polarisierten Elternhaus auf. Der Vater wendet sich ganz dem Glauben ab, er ist streng säkular und wird von der Trauer zerfressen, da sein »süßes Vaterland« von damals nicht mehr existiert. Mensur betäubt den Schmerz mit Raki. Peris Mutter Selma hingegen findet im Islam ihre Bestimmung. Nachdem sie einem streng religiösen Zirkel beigetreten ist, gibt sie Männern nicht mehr die Hand, lehnt Popmusik ab. »Der Vater und die Mutter waren ein Gegensatz wie Schenke und Moschee. Der finstere Blick, mit dem sie sich ansahen, der kühle Ton, in dem sie miteinander sprachen, zeugten eher von Schachgegnern als von einem verliebten Paar.« In dem ganzen familiären Tumult schlägt eines Nachts der Blitz des Schicksals ein. Peris geliebter Bruder wird in der Wohnung festgenommen und später der Mitgliedschaft in einer verbotenen kommunistischen Organisation beschuldigt. Doch selbst dieser Umstand schweißt beide Elternteile nicht enger zusammen. So bleibt Peri allein mit ihren Zweifeln und Träumen von ihrem Bruder, die sie nachts oft aufschrecken lassen.

Einzig ihrem Notizbuch vertraut sie ihre Gedanken an. Und in ihren geliebten Büchern findet das Mädchen eine friedliche Zufluchtswelt. Zum ersten Mal durchatmen kann die junge Frau in Oxford, wo sie dank eines Stipendiums studieren kann. Dort zeigt sich ein weiteres kontroverses Drehkreuz in Shafak’schen Universum: Drei Frauen mit muslimischem Hintergrund und unterschiedliche Ansichten treffen aufeinander. Sie nennen sich »die Verwirrte«, die »Sünderin« und »die Gläubige«.

Die aufgekratzte Shirin flattert wie ein bunter Paradiesvogel in das Leben von Peri. »Die Sünderin« ist auffällig geschminkt, vorlaut und führt ein sehr moderndes Leben. Der Gegenpol von Shirin zeigt sich in Mona, »der Gläubigen«. Sie verteidigt Allah, trägt Kopftuch und setzt sich für Frauenrechte ein. Und Peri sitzt – wie schon zu Hause – erneut zwischen allen Stühlen, bleibt verwirrt und nach Antworten suchend zurück.

Ruhe findet sie bei ausgedehnten Joggingrunden und in der Stille Oxfords. Die Kulisse hat etwas sehr Einnehmendes, so dass ich förmlich ins Buch hineinkriechen möchte. Elif Shafak beschreibt den Campus äußerst atmosphärisch mit wohl dosierten, poetischen Bildern. Ich beuge mich beglückend in die Sätze hinein und habe das Gefühl, in Oxford unter den geheimnisvollen, ehrwürdigen Gebäuden entlang zu schlendern. Unter meinen Füßen raschelt das Laub, später tanzen die Schneeflocken vor meiner Nase. Es ist still, so still, dass mein Atem im Echo der Gebäude widerhallt.

Große Glaubensfragen

Ganz anders sind die sehr lebendigen Seminarstunden beim charismatischen Professor Azur. In seinen umstrittenen Vorträgen über Gott begegnet er dem Thema auf philosophische Art. Obendrein versammelt Azur Studenten unterschiedlicher Religionen, eine polarisierende Reise beginnt. Azurs Stunden heben sich auch deshalb ab, da er seine Studenten mit ungewöhnlichen Methoden fordert. Auch die Leserin muss in dem Seminarraum kurz durchatmen und wird jedoch bald von der Gegenwart eingeholt.

Die Gegenwart des Jahres 2016 bildet die Rahmenhandlung des Romans, in die Elif Shafak ihre Geschichte eingebettet hat. Dort erleben wir eine immer noch unruhige, mittlerweile verheiratete, Peri als Mutter von drei Kindern. Auch hier flitzen die Teilchen hin und her. Bei einem Dinner der gehobenen Gesellschaft kreisen die Gespräche um die derzeitige Lage der Türkei. Dabei wandert der Blick in die Politik. Es fallen Sätze wie: »An die Demokratie glaubt ja nicht einmal mehr Europa selbst.« Oder: »Ich bin für eine gütige Diktatur!“ Peri, die sich nach dem Weggang aus Oxford gegen das Schweigen entschieden hat, erhebt ihre Stimme: „So etwas wie eine gütige Diktatur gibt es nicht.« Ein Hin und Her unter den Gästen entfacht sich. In dem stetigen Strom diverser Diskussionen wandert Peri indes immer wieder ab in die Vergangenheit, nach Oxford, zu den Menschen, die einen wichtigen Teil ihres jungen Lebens geprägt haben und die sie nach einer folgenschweren Entscheidung zurückgelassen hat. Kann sie den Fehler korrigieren?

Türkei: Eine gespaltene Gesellschaft

Elif Shafak erzählt nicht nur von einer suchenden Frau, sie verdeutlicht auch die große Spaltung in der türkischen Gesellschaft: »Statt vieler Farben schien es nur mehr Schwarz und Weiß zu geben. In immer weniger Ehen war wie bei ihren Eltern der eine Partner fromm, der andere nicht. Die Gesellschaft hatte sich in unsichtbare Ghettos aufgeteilt. Istanbul glich weniger einer Metropole als einer Flickenstadt aus voneinander abgeschotteten Communitys. Man war entweder „streng religiös“ oder „streng säkular“.« Die Autorin selbst wuchs in der Mitte zweier unterschiedlicher Frauen auf und weiß am besten, wie sich Peri fühlen muss. Die Mutter war säkular, modern, die Großmutter hingegen traditionell und streng gläubig. Diese Ambivalenz spiegelt sich in ihrem Roman wider und zeichnet ihre klare Prosa für mich aus.

Elif Shafak bringt Farbe in die trübe, nasskalte Jahreszeit. Ihr Roman berührt, bewegt und beglückt. Sie hat eine exzellente Geschichte geschrieben, der trotz aller Komplexität nie den roten Faden an Spannung verliert. »Der Geruch des Paradieses« ist eins von Shafaks stärksten Werken, in dem sie sich existentiellen Themen zutiefst menschlich und voller Lebendigkeit zuwendet. Und mir anbetracht der Fülle und der besonderen Form das Gefühl verleiht, soeben aus einem anregenden Seminar bei Professor Azur herausgekommen zu sein. Noch ist das Paradies nicht verloren.

Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses. Übersetzt von Michaela Grabinger. Kein & Aber, Oktober 2016, 560 Seiten, 25,- €. Jetzt direkt und portofrei bei Hugendubel.de bestellen.

karenina illustrationWeitere Stimmen über das Buch:

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8 Gedanken zu “Ein verlorenes Paradies?

  1. Was für eine schöne Rezension! Ich bin selbst immer noch sehr eingenommen von diesem Buch, obwohl meine Lektüre schon einige Wochen zurückliegt. Ich denke, es hängt auch mit dem aktuellen Bezug zu den Geschehnissen in der Türkei zusammen …

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    1. Das stimmt, liebe Marina. Ich weiß, was du meinst. Nun ist das Buch ein ganz besonderes, das sich tief in unsere Gedankenwelt gräbt, berührt, aufwühlt und gleichzeitig ein wohliges Gefühl hinterlässt. Und dann wandert man aus dem Buch wieder hinaus nach Istanbul.

      Liebe Grüße
      Klappentexterin

      Gefällt 1 Person

  2. Ich liebe die Bücher von Elif Shafak. Am besten hat mir „Ehre“ gefallen, aber „Der Architekt des Sultans“ und „Die vierzig Geheimnisse der Liebe“ mochte ich auch gerne lesen. „Der Bastard von Istanbul“ liegt noch auf meinem SUB. Aber ich denke ich werde mir zu Weihnachten „Der Geruch des Paradieses“ wünschen, denn Deine Rezension verlockt doch sehr dazu.
    Auch die Cover der Bücher sind sehr ansprechend und eine Augenweide für das Bücherregal.
    Liebe Grüße
    lesesilly

    Gefällt 1 Person

  3. Das Buch steht bereits auf meinem Weihnachtswunschzettel 🙂 Nach deiner schönen Rezension bin ich jetzt noch neugieriger geworden und freu mich schon darauf, es bald selbst zu lesen. Elif Shafak ist einfach toll!! Liebe Grüße

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  4. Es wäre schön das eine oder andere Beispiel zu sehen.
    „Einerseits schreibt sie leicht verständlich, zeitweilig wunderschön poetisch und voller Weisheit. Manche Sätze erstrahlen derart in ihrer Schönheit, dass ich sie wie ein Gemälde betrachte.“
    Mich interessieren der Schreibstil immer besonders!

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